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Serie – Berlins Luftschlösser, Teil 4: Ein Riesenrad am Bahnhof Zoo

Mitte der 2000er Jahre reifte in Berlin die Idee, in der Innenstadt ein Riesenrad nach Londoner Vorbild zu errichten. Zwei Standorte wetteiferten um das begehrte Projekt, gebaut wurde das Riesenrad jedoch nie.

Alternativ-Variante am Ostbahnhof: Die Anschutz-Group verfolgte eines von zwei Riesenrad-Projekten in Berlin.

 

Erst kürzlich berichteten wir über den geplanten Wiederaufbau des 1969 errichteten Riesenrads im einstigen Freizeitpark im Plänterwald, dem „Spreepark“. Dieses als eines von Berlins populärsten „Lost Places“ berühmt gewordene Areal soll bis 2026 modernisiert und in ein öffentlich zugängliches Kultur- und Freizeitareal umgestaltet werden.

Herzstück der neuen Freizeitanlage in Treptow soll das derzeit abgebaute, 45 Meter hohe Riesenrad werden, welches ab 2024 wieder die Silhouette des Plänterwalds im Bezirk Treptow-Köpenick dominieren soll. In deutlich größeren Dimensionen wurde in Berlin ab Mitte der 2000er Jahre ein Riesenrad-Projekt verfolgt, welches letztlich scheiterte.

Riesenrad-Wettlauf zwischen Zoo und Ostbahnhof

Gleich zwei Investoren verfolgten das wenig innovative, aber ambitionierte Projekt, in der Berliner Innenstadt ein Riesenrad nach dem Vorbild des „London Eye“ in der britischen Hauptstadt umzusetzen. Das Projektvorhaben war gleichzeitig auch ein Wettstreit zweier Standorte, die mit dem Riesenrad-Projekt offensichtlich ihre Strahlkraft über die Grenzen Berlins hinaus erhöhen wollten.

Die Great Berlin Wheel GmbH & Co. KG plante, ihr Riesenrad-Projekt mit dem Namen „Great Berlin Wheel“ auf einem Grundstück unweit des Bahnhofs Zoologischer Garten umzusetzen. Die als Mitbewerber auftretende Anschutz Group hingegen verfolgte das Vorhaben, auf dem Entwicklungsareal am Ostbahnhof ein ebensolches Riesenrad zu errichten. Das Gelände gehörte der Anschutz-Gruppe und wurde, wie wir heute wissen, zu einem Entertainment- und Geschäftsviertel entwickelt.

Beide Projekte buhlten um die Gunst der Senatsverwaltung

Dass Berlin nicht zwei Riesenräder ähnlichen Ausmaßes benötigte, war natürlich schnell klar. So buhlten beide Projekte um die Gunst der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Diese gab zwar vor, den Wettstreit neutral zu betrachten, hatte nach Angaben der Anschutz Group aber eigenständig den Standort Ostbahnhof als Alternative zum Projekt am Zoologischen Garten vorgeschlagen.

Als die Konkurrenten ihre Pläne im August 2006 fast zeitgleich präsentierten, gab die damalige Stadtentwicklungssenatorin, Ingeborg Junge-Reyer, schnell bekannt, dass auf jeden Fall nur eines der beiden Projekte genehmigt werden würde.

Während sich der Regierende Bürgermeister, Klaus Wowereit, bei diesem Projekt mit Meinungsäußerungen betont zurück hielt, machte Finanzsenator Thilo Sarrazin schnell klar, dass er den Standort am Bahnhof Zoo favorisiere.

Im Dezember 2006 zog Anschutz sein Projekt zurück

Im Dezember 2006 kommunizierte die Anschutz Group dann überraschend, dass sie ihre Riesenrad-Pläne, welche auf einem Grundstück neben der heutigen Mercedes-Benz-Arena realisiert werden sollten, nicht weiterverfolgen werde – zu unklar seien Finanzierung und der zeitliche Horizont des Bauprojekts. Anschutz hatte das Riesenrad ursprünglich parallel zur Fertigstellung der Mehrzweck-Arena eröffnen wollen, was zeitlich nicht mehr umsetzbar gewesen wäre.

Somit hatte sich die Konkurrenz vom Bahnhof Zoo, das Unternehmen Great Berlin Wheel GmbH & Co. KG, im Wettstreit durchgesetzt. Am 22. Oktober 2007 erfolgte erwartungsgemäß die Baugenehmigung für das Projekt durch die Senatsverwaltung. Feierlich wurde am 3. Dezember 2007 sogar ein symbolischer, erster Spatenstich durch den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit vollzogen.

185 Meter hoch und 4.200 Tonnen schwer sollte das Riesenrad werden

185 Meter hoch sollte das Riesenrad werden und bis zum Jahr 2011 auf einem 1,3 Hektar großen Gelände errichtet werden, auf dem nun ein Hochhausquartier geplant ist. Aber warum blieb es lediglich beim Vorhaben, das Riesenrad zu errichten?

Immerhin 25 Millionen Euro hatte das Unternehmen für den Erwerb des Grundstücks bezahlt. Eine Summe, die weit über dem damaligen Verkehrswert lag. Das Unternehmen KCI sollte das Riesenrad letztlich bauen und plante 28 Kapseln, in denen pro Stunde bis zu 2.240 Besucherinnen und Besucher den Blick über die City West genießen sollten.

Die Stahlpreise: 2008 wurde die Höhe des Riesenrads auf 175 Meter reduziert

Aufgrund gestiegener Stahlpreise reduzierte man im Jahr 2008 die geplante Konstruktionshöhe um zehn Meter – sie sollte nunmehr 175 Meter betragen. Der futuristische Terminalentwurf wurde vom Architekturbüro pott architects beigesteuert. Die veranschlagten Baukosten wurden mit rund 120 Millionen Euro beziffert.

Mit einer Geschwindigkeit von ca. 15 Metern pro Minute sollte die Umdrehungsdauer pro Runde ungefähr eine halbe Stunde betragen. Das Gesamtgewicht der Konstruktion hätte bei etwa 4.200 Tonnen gelegen. In den klimatisierten Kapseln aus Glas und Stahl hätten jeweils bis zu 40 Personen Platz finden können. Jede der 28 Kapseln sollte rund 18 Tonnen wiegen.

Veruntreute Gelder ließen das Projekt letztlich scheitern

Jedoch, es sollte bei der ambitionierten Planung bleiben. Die Finanzierung des Projekts sollte über den geschlossenen Fonds Global VIEW – Great Wheel Beteiligungs GmbH & Co. KG erfolgen, in den viele Anleger investierten. Bereits ab 2009 jedoch machten Gerüchte über Ungereimtheiten bei der Fonds-Verwaltung die Runde.

Anfang April 2010 wurde gegen die Verantwortlichen des Fonds dann tatsächlich Strafanzeige wegen des Verdachts der Veruntreuung von Anlegergeldern erstattet. Ein Teil des eingezahlten Geldes soll an ein Unternehmen in der Karibik umgeleitet worden sein.

Ende 2010 waren die Riesenrad-Pläne gescheitert

Ende 2010 wurde der Fonds schließlich aufgelöst, und damit zerplatzten gleichzeitig auch die Riesenrad-Pläne. Den rund 10.000 Anlegerinnen und Anlegern, die insgesamt 208,5 Millionen Euro eingebracht hatten – das Projekt hätte finanziell also ohne Weiteres gestemmt werden können – wurde eine Ausgleichsquote von 60 % angeboten, welche vom Großteil akzeptiert wurde.

Sowohl am Ostbahnhof als auch am Zoologischen Garten hat sich nie eine Gondel um ein Riesenrad gedreht. So reiht sich das Projekt in die lange Reihe nie verwirklichter, städtebaulicher Visionen für die Stadt Berlin ein. Das einzige, dauerhaft installierte Riesenrad wird sich ab dem Osterfest 2025 im Plänterwald drehen. Wenn nichts dazwischen kommt.

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