Das traditionsreiche „Haus der Gesundheit“ an der Karl-Marx-Allee durchlief über ein Jahrhundert wechselvoller Geschichte – von der Poliklinik zur Prestigeimmobilie. Nach seiner Übernahme durch einen privaten Investor wurde das denkmalgeschützte Gebäude umfassend saniert und einer neuen Nutzung zugeführt. Jetzt lesen mit ENTWICKLUNGSSTADT Plus.

Vom Kino über eine DDR-Poliklinik bis zum modernen Start-up-Standort – steht das „Haus am Zentrum“ damit exemplarisch für den Wandel Berlins? / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
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Eines der am häufigsten diskutierten Immobilienthemen im Herbst 2019 war die Übernahme des historischen Hauses der Gesundheit an der Karl-Marx-Allee in Mitte durch einen privaten Investor. Der Erwerb des 1913 errichteten Hauses der Gesundheit durch die Augustus Capital Management GmbH schreckte damals viele der im Haus tätigen Ärzte und Praxisbetreiber auf, da sie befürchteten, ihre Mietverträge könnten gekündigt werden.
Das 1913 errichtete Haus der Gesundheit (früher „Haus am Zentrum“) gehörte zu den ersten interdisziplinären Ärztehäusern in Berlin. Das sechsgeschossige Gebäude, in dem seit 1923 ein Gesundheitszentrum untergebracht war, zählte gleichzeitig zu den wenigen Gebäuden in der Umgebung des Alexanderplatzes, die nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut wurden. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz – und wird seit rund vier Jahren aufwendig umgebaut und modernisiert.
Neue Pläne für das „Haus am Zentrum“ in Berlin-Mitte: Dachgeschoss, Start-Ups, Fitnessstudio
Die neuen Eigentümer hatten offensichtlich andere Pläne mit dem Gebäude. Sie realisierten den Rückbau des Bestands-Dachgeschosses und den anschließenden Bau einer zweigeschossigen Dachaufstockung. Außerdem wurde ein Aufzug und eine Terrassen-Anlage ergänzt. Für das Erdgeschoss sind Gastronomie und eine Apotheke geplant, auch Start-ups und ein ein Fitnessstudio sollen zukünftig einziehen.
Mittlerweile ist der aufwendige Umbau des historischen Gebäudes fast abgeschlossen, die rekonstruierte Fassade ist wieder fast vollständig sichtbar, samt des Schriftzugs „Haus am Zentrum“. Derzeit werden die Mietflächen des Neubaus bereits angeboten, mit Preisen von rund 22 Euro pro Quadratmeter (laut büroflächen.berlin).
Vom Geschäftshaus zum Kino: Nutzung in den 1910er- und 1920er-Jahren
Im Jahr 1913 beauftragte der Bauunternehmer Oscar Garbe die Architekten Hans Liepe und Reinhard Gerres mit der Fassadengestaltung eines von ihm selbst konzipierten Gebäudekomplexes nahe des Alexanderplatzes. Der monumentale Bau, verkleidet mit Sandstein und kleinteiligen Sprossenfenstern, grenzte ursprünglich an vier Straßen und umfasste einen Innenhof mit Ladezone. Die Hauptfassade zur Landsberger Straße war als werksteinverkleidete Pfeilerfassade ausgeführt – mit zurückhaltendem Bauschmuck aus der Werkstatt der Berliner Bildhauer Zeyer & Böhme.
Nach seiner Fertigstellung diente das Gebäude als Verwaltungs- und Geschäftshaus. Im Erdgeschoss befanden sich Einzelhandelsgeschäfte, ab 1916 auch das Kino Eden, später bekannt als Kino Universum. 1918 zogen mehrere Institutionen wie das Vormundschaftsamt und die städtische Rettungsstelle ein. Ab 1923 etablierte sich im Haus eines der ersten interdisziplinären Ärztezentren Berlins – das „Haus der Gesundheit“.
DDR-Zeit und Poliklinik: Medizinische Versorgung in Ost-Berlin
Neben dem Ärztehaus eröffnete 1926 die Lederfabrik Alfred Popper. 1934 wurde das Gebäude in „Haus der Volksgesundheit“ umbenannt. Es beherbergte medizinische Einrichtungen wie das Diagnostische Zentralinstitut und später auch die Diabetes-Zentrale. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Gebäude beschädigt, jedoch schnell wiederhergestellt und aufgestockt.
Nach Kriegsende nutzte der Magistrat von Berlin das Gebäude. 1948 entstand hier die erste Poliklinik Berlins, mit einem breiten ärztlichen Angebot für die Bevölkerung in Mitte, Friedrichshain und Wedding. Es folgten weitere soziale Einrichtungen, darunter eine Beratungsstelle für Frauen sowie eine der ersten psychosozialen Anlaufstellen der Stadt.
Nach der Wende: Privatisierung und Neuausrichtung für das „Haus der Gesunheit“
Im Jahr 1980, neun Jahre vor dem Fall der Mauer, wurde am Standort das Institut für Psychotherapie und Neurosenforschung (IfPN) gegründet – eine zentrale Einrichtung in der DDR-Gesundheitslandschaft. Nach der Wende im Jahr 1990 verlor das Gebäude jedoch seine zentrale Rolle. Die Forschung am IfPN wurde eingestellt, die Einrichtungen schrittweise privatisiert.
Die AOK Berlin übernahm das Haus, betrieb dort eine Poliklinik und verwaltete über 20 Arztpraxen, die jährlich bis zu 70.000 Patienten versorgten. 2016 verkaufte die AOK Nordost das Gebäude schließlich an einen Investor – begleitet von öffentlichen Protesten gegen die Kommerzialisierung des historischen Gesundheitsstandorts. In den kommenden Jahren werden im sanierten Gebäude neue Nutzungen einziehen.

Aufwendiger Umbau: So sah die Baustelle des einstigen Ärztehauses im Januar 2021 aus – mittlerweile sind die Bauarbeiten fast vollständig abgeschlossen worden. /
Quellen: Immobilien Zeitung, Architektur Urbanistik Berlin, Konii, büroflächen.berlin, AOK Berlin