In den vergangenen Jahren wurden in Berlin zahlreiche Straßen umbenannt – oft aus politischen oder historischen Gründen. Immer häufiger stehen koloniale oder rassistische Bezüge im Zentrum der Debatte. Doch die Umbenennungen verlaufen nicht immer reibungslos, Anwohnerproteste, bürokratische Hürden und technische Probleme verzögern viele Vorhaben.

Die Lüderitzstraße im Berliner Afrikanischen Viertel wurde 2024 in Cornelius-Fredericks-Straße umbenannt. Cornelius Fredericks war eine zentrale Figur des militärischen Widerstands gegen die deutsche Kolonialherrschaft in Namibia. Die Straße war zuvor nach dem Kolonialakteur Adolf Lüderitz benannt. / © Foto: Wikimedia Commons, Myrmux, CC BY-SA 4.0
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Wer unseren gestrigen Beitrag zur Umbenennung der Mohrenstraße bis zum Ende gelesen hat, hat vermutlich erkannt, dass es sich um einen Aprilscherz handelte. Doch die Debatte dahinter ist durchaus real und hochpolitisch. Sie ist eng verknüpft mit der Frage, wie eine Stadt mit ihrer Geschichte umgeht und welche Erinnerung sie im öffentlichen Raum sichtbar macht.
In Berlin sind in den vergangenen sechs Jahren mindestens 16 Straßen und Plätze umbenannt worden. Das ergab eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur bei den Berliner Bezirksämtern. Etwa die Hälfte der Umbenennungen hatte politische Gründe: Die bisherigen Namen standen in Verbindung mit Kolonialismus, Rassismus, Antisemitismus oder dem Nationalsozialismus. Andere Änderungen erfolgten, um verdiente Persönlichkeiten zu ehren oder Dopplungen im Straßennetz zu vermeiden.
Antikolonialer Widerstand statt Kolonialakteure: Bedeutungswandel im Straßenbild
Die meisten Umbenennungen verzeichnete der Bezirk Mitte, gefolgt von Neukölln und Charlottenburg-Wilmersdorf. Im Zentrum der Debatte stehen häufig Straßennamen mit kolonialem Bezug – besonders im Afrikanischen Viertel in Berlin-Wedding. Im Bezirk Mitte wurden mehrere Straßen umbenannt, die zuvor nach Kolonialakteuren benannt waren. So wurde die Lüderitzstraße zur Cornelius-Fredericks-Straße, die Petersallee teilt sich nun in Anna-Mungunda-Allee und Maji-Maji-Allee, und der Nachtigalplatz heißt inzwischen Manga-Bell-Platz. Die neuen Namen erinnern an Persönlichkeiten und Ereignisse der antikolonialen Befreiungsbewegungen.
Die Umbenennung der Lüderitzstraße in Cornelius-Fredericks-Straße rückt eine weitgehend vergessene Persönlichkeit des antikolonialen Widerstands in den Mittelpunkt. Cornelius Fredericks gehörte zu den führenden Köpfen der Nama-Gemeinschaft, die sich gegen die deutsche Kolonialherrschaft in Namibia auflehnte. Während des Genozids an den Ovaherero und Nama wurde er 1906 von deutschen Truppen gefangen genommen, in das Konzentrationslager auf der Haifischinsel in der Lüderitzbucht deportiert und starb dort 1907 unter unmenschlichen Bedingungen. Die ursprüngliche Namensgebung ehrte hingegen Adolf Lüderitz, einen deutschen Kolonialakteur, der die Nama 1883 durch betrügerische Landverträge enteignete und damit den Grundstein für die spätere koloniale Besatzung legte.
Beispiel Mohrenstraße — Zwischen Gerichtsstreit und Gedenkpolitik
Auch über die Mohrenstraße in Berlin-Mitte wird seit Jahren gestritten. Die Umbenennung der Mohrenstraße in Anton-Wilhelm-Amo-Straße wurde 2020 beschlossen, ist aber bis heute nicht umgesetzt. Anwohnende haben gegen den Beschluss geklagt, weshalb das Verfahren noch vor Gericht liegt. Einige Anwohnende sehen im Begriff „Mohr“ keine eindeutig rassistische Bezeichnung und argumentieren mit dem historischen Kontext. Zudem befürchten sie bürokratischen Aufwand und Kosten durch die Adressänderung. Befürworter kritisieren die koloniale Konnotation des bisherigen Namens. Die Umbenennung soll ein Zeichen für diskriminierungssensible Erinnerungskultur setzen und Anton Wilhelm Amo, einen afrikanischen Gelehrten an einer preußischen Universität, ehren.
Weitere Umbenennungen betreffen etwa den Rio-Reiser-Platz in Friedrichshain-Kreuzberg oder die Audre-Lorde-Straße in Kreuzberg. Letztere sorgt auch nach über einem Jahr nach der Umbenennung noch für Unklarheit. Denn bei der Umbenennung eines Abschnitts der Manteuffelstraße in Audre-Lorde-Straße kam es zu zahlreichen Verzögerungen. Anwohnende und Postdienste wurden nicht rechtzeitig informiert, Straßenschilder fehlten monatelang. Hinzu kamen technische Probleme bei der neuen Hausnummerierung, was zu Verwirrung mit teils drei verschiedenen Adressangaben führte.
Erinnerungspolitik im Öffentlichen Raum: Rechtliche Grundlage und städtische Auswirkungen
Die rechtliche Grundlage für solche Umbenennungen wurde 2020 mit einer Änderung der Ausführungsvorschriften des Berliner Straßengesetzes geschaffen. Seither gelten koloniale Bezüge ausdrücklich als zulässiger Grund für eine Umbenennung. Trotzdem dauern die Verfahren häufig Jahre, unter anderem wegen Klagen von Anwohnern.
Nicht zuletzt haben Straßenumbenennungen Folgen für Anwohnende: Adressänderungen im Ausweis übernimmt das Bezirksamt kostenlos, doch für Fahrzeugpapiere oder Mitteilungen an Banken und Dienstleister entstehen oft Kosten. Bezirksvertreter betonen, wie wichtig politische Mehrheiten und gesellschaftliche Akzeptanz für solche Entscheidungen sind. Laut einem Bericht des Tagesspiegels erklärte Saskia Ellenbeck, Bezirksstadträtin in Tempelhof-Schöneberg, dass Umbenennungen nur in Ausnahmefällen zulässig seien. Urban Ayka aus Steglitz-Zehlendorf ergänzte, es brauche klare Beschlüsse, um Akzeptanz in der Bevölkerung zu erreichen.
Straßennamen sind Teil der städtischen Erinnerungskultur. Wer im Straßenbild geehrt wird, ist eine Frage gesellschaftlicher Aushandlung – und zunehmend auch Ausdruck eines neuen Demokratieverständnisses. Berlin geht hier seit einigen Jahren sichtbare Schritte, doch der Weg bleibt konflikthaft.
Quellen: Bezirksamt Mitte, Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, Tagesspiegel, rbb