Am Hafenplatz in Berlin-Kreuzberg soll ein neues Wohn- und Gewerbequartier entstehen – unter dem Namen „Kulturhafen“. Doch das Vorhaben ist umstritten. Geplant ist der Abriss bestehender Bauten aus den 1970er Jahren, darunter ein prägnantes Wohngebäude, das viele Akteure erhalten wollen.

Der Gebäudekomplex „Pyramide“ befindet sich am Hafenplatz in direkter Nähe zum Mendelssohn-Bartholdy Park in Kreuzberg. Rund 100 Initiativen fordern den Erhalt des Gebäudes und die Sicherung im Rahmenplan des Bezirks. / © Foto: Matthias Grünzig
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© Visualisierung: MVRDV Berlin
Direkt am Landwehrkanal in Berlin-Kreuzberg, unweit des Potsdamer Platzes, ist ein umfangreiches Neubauprojekt geplant. Das Unternehmen Art Project will gemeinsam mit der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft GEWOBAG das Quartier „Kulturhafen“ realisieren.
Das bestehende Ensemble aus den 1970er Jahren, darunter ein ehemaliges Studentenwohnheim, soll dafür weichen. Insgesamt sind fünf Gebäude betroffen. In ihnen befinden sich 358 Wohnungen und 361 Gewerbeeinheiten, die zum Teil noch bewohnt und genutzt werden.
Debatte um die „Pyramide“ in Kreuzberg: Initiativen fordern Erhalt statt Abriss
Vor allem ein Gebäudekomplex – die sogenannte „Pyramide“ – steht im Zentrum der Debatte. Die Initiative Offene Mitte Berlin fordert ihren Erhalt und schlägt eine Sanierung als Modellprojekt für die Bauwende vor. Unterstützt wird sie von fast 100 Institutionen, darunter architects for berlin, der BUND Berlin.
Die Initiative verweist auf die städtebauliche, ökologische und soziale Bedeutung des Gebäudes. Es biete über 400 Wohneinheiten, darunter ehemals 363 Studentenwohnungen und 55 geförderte Wohnungen. Laut Einschätzung des Senats sei das Gebäude auch sanierungsfähig.
Wohnquartier am Landwehrkanal: Verdrängungsängste für Geflüchtete und Mieter mit befristeten Verträgen
Ein Teil des Geländes gehört der Hedera Group, die derzeit als nicht handlungsfähig gilt. Das ehemalige Studentenheim wird seit 2018 nicht mehr vom Studierendenwerk betrieben. Rund 200 Geflüchtete wohnen aktuell in einem der Häuser. Für sie müsste bei einem Abriss Ersatz geschaffen werden.
Auch Mieterinnen und Mieter mit befristeten Verträgen befürchten Verdrängung. Art Project sicherte bisher nur unbefristeten Mietparteien eine Rückkehr in den Neubau zu. Eine Bürgerinitiative kritisiert den Mangel an Transparenz und fordert verbindliche Zusagen.
Planungsstand am Hafenplatz: Nutzungskonzept und städtebaulicher Rahmenplan in Arbeit
Vier Architekturbüros erarbeiteten im Rahmen einer Ideenwerkstatt erste Vorschläge für das neue Quartier. Geplant ist ein Nutzungsmix aus 60 Prozent Wohnen und 40 Prozent Gewerbe, darunter auch Räume für kulturelle Zwecke. Die neuen Gebäude sollen deutlich höher werden als die bestehenden.
Die Initiative fordert, dass der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg einen Bebauungsplan erst dann aufstellt, wenn ein Rückkehrrecht für alle Mieterinnen und Mieter gesichert ist. Der Bezirk erarbeitet derzeit einen städtebaulichen Rahmenplan, der über die künftige Entwicklung entscheiden wird.
Zukunft der „Pyramide“: Zwischen Neubauplänen und dem Erhalt städtebaulicher Identität
Die „Pyramide“ entstand zwischen 1971 und 1973 als Teil des städtebaulichen Konzepts „City-Band“, das eine aufgelockerte Stadtlandschaft mit Solitärbauten vorsah. Der Architekt Helmut Ollk plante einen skulpturalen Baukörper mit abgestufter Silhouette, eingebettet in eine grüne Umgebung. Heute gilt das Gebäude als prägnantes Zeugnis der West-Berliner Nachkriegsmoderne und ist aus baukultureller Sicht erhaltenswert.
Ob der „Kulturhafen“ wie geplant entstehen kann, ist derzeit also offen. Während Projektentwickler Art Project auf Abriss und Neubau setzt, plädieren viele Akteure für den Erhalt und die Weiterentwicklung der bestehenden Struktur. Die Entscheidung liegt vorläufig beim Bezirk – und damit auch über die Frage, ob hier ein Modellprojekt für eine klimafreundliche Stadtentwicklung entstehen kann.
Möglich ist aber auch, dass sich in die laufende Debatte – wie beim nur wenige hundert Meter entfernten Bauvorhaben „Urbane Mitte“ am Gleisdreieck oder den Hochhausplänen an der Warschauer Brücke – der Berliner Senat einmischt und das Verfahren an sich zieht. Dieses Szenario wird im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg derzeit sicher auch in Betracht gezogen. Die kommenden Monate werden wohl mehr Klarheit bringen, wie es am Kreuzberger Hafenplatz weitergehen wird.

So soll das Quartier am Hafenplatz nach den Plänen des Architekturbüros MVRDV künftig aussehen. Dafür wird das Areal in Kreuzberg umfassend neu gestaltet. / © Visualisierung: MVRDV Berlin
Quellen: Initiative Offene Mitte Berlin, Entwicklungsgesellschaft Quartier am Hafenplatz mbH, Architektur Urbanistik Berlin, Kulturraum GmbH