Von einer DDR-Grenzausbildungsstätte zum potenziellen Wohnquartier? Ein rund fünf Hektar großes, ehemaliges Kasernengelände in Berlin-Rahnsdorf steht womöglich vor einem tiefgreifenden Wandel, der Berliner Senat möchte auf dem Gelände 450 landeseigene Wohnungen und eine neue Feuerwache errichten. Doch Altlasten, Umweltauflagen und langwierige Planungsverfahren verzögern die Entwicklung des Geländes.

Ein ehemaliges Militärgelände in Treptow-Köpenick, ein geplanter Wohnungsbau und ein umstrittenes Zwischenprojekt: Die Kaserne im „Hessenwinkel“ steht im Mittelpunkt politischer Debatten. Welche Lösung sich durchsetzt, bleibt offen. / © Foto: Depositphotos.com
© Foto oben: Depositphotos.com
© Foto Titelbild: IMAGO / Bernd Friedel
An der Fürstenwalder Allee im Treptow-Köpenicker Ortsteil Rahnsdorf, mitten im Wald, liegt eine weitläufige Brache, die einst militärisch genutzt wurde: das ehemalige Ausbildungsregiment 39 der DDR-Grenztruppen. Das rund fünf Hektar große Kasernengelände entstand in den 1970er Jahren und diente der Ausbildung von Soldaten, die unter anderem für den Wachdienst an der Berliner Mauer eingesetzt wurden. Ihr Auftrag bestand auch darin, Fluchtversuche von DDR-Bürgern zu verhindern.
Die Geschichte des Standorts reicht allerdings noch deutlich weiter zurück: Zwischen 1952 und 1962 war hier die Volkspolizei-Reserveabteilung Berlin-Wilhelmshagen stationiert. Ab 1962 übernahm das Grenzausbildungsregiment 39 das Gelände. Zunächst bestanden die Unterkünfte aus einfachen Holzbaracken, bevor 1970 die sogenannte Ho-Chi-Minh-Kaserne errichtet wurde – benannt nach dem vietnamesischen Revolutionär.
Rahnsdorf: Ho-Chi-Minh-Kaserne wurde zwischen 1970 und 1990 genutzt
Von da an trug das Ausbildungsregiment offiziell den Namen „Grenzausbildungsregiment 39 Ho Chi Minh“ – bis zum Ende der DDR im Oktober 1990. Heute sind von der einstigen militärischen Nutzung nur noch Überreste erkennbar, während das Gelände in den Jahrzehnten nach der Wiedervereinigung zunehmend von der Natur zurückerobert worden ist. Von der Fürstenwalder Allee aus ist das Gelände nicht sofort erkennbar, man muss einen kleinen Fußmarsch durch den Wald gehen.
Während potenzielle Flächen für den Bau neuer Wohnungen in Berlin noch immer knapp sind, ist das Gelände mittlerweile in den Fokus der Öffentlichkeit geraten, da es längst verschiedenartige Nutzungsideen für das völlig verfallene Areal gibt. Darunter sind auch Konzepte, die in der Nachbarschaft nicht nur auf Gegenliebe stoßen. So gibt es derzeit Überlegungen des Berliner Senats, auf einem Teil des Geländes Wohnunterkünfte für geflüchtete Menschen unterzubringen, zumindest temporär.
Auf dem einstigen Kasernengelände wurden in den 1990er Jahren Asylbewerber und Russlanddeutsche untergebracht
Es wäre nicht das erste Mal, dass dies auf dem ehemaligen Kasernengelände geschieht. Nach der politischen Wende im Jahr 1989 erlebte das ehemalige Kasernengelände eine vorübergehende Nachnutzung. Für fast ein Jahrzehnt wurden dort sowohl Asylbewerber als auch Russlanddeutsche untergebracht, die in den frühen 1990er-Jahren nach Deutschland kamen. Die einst militärisch genutzten Gebäude dienten somit kurzfristig als Wohnunterkünfte für Menschen, die in Deutschland eine neue Heimat suchten.
Seit dem Jahr 2000 jedoch stehen die insgesamt neun Gebäude, darunter sechs Plattenbauten, die einst als Soldatenunterkünfte genutzt wurden, vollständig leer. Ohne Pflege und Instandhaltung verfielen die Bauwerke zunehmend. Witterungseinflüsse, Vandalismus und der natürliche Verfall haben ihre deutlich sichtbaren Spuren hinterlassen. Das Land Berlin versuchte in der Vergangenheit bereits, das Grundstück zu veräußern, allerdings ohne Erfolg. Vor gut zehn Jahren scheiterte etwa ein Versuch, das Areal auf einer Immobilienmesse zu veräußern.
Altlasten im Boden: Das Areal in Treptow-Köpenick muss aufwendig saniert werden
Dass sich das Areal so schwer verkaufen lässt, hat mehrere Gründe. Denn die Umwandlung der ehemaligen DDR-Kaserne in eine Wohnsiedlung wäre wohl mit erheblichen Kosten verbunden. Teile des Grundstücks sind im Berliner Bodenbelastungskataster verzeichnet und gelten als altlastenverdächtig, sodass eine mutmaßlich komplizierte Bodensanierung erforderlich wäre. Zudem fallen für den Abriss der bestehenden Gebäude hohe Kosten an.
Doch es gibt noch mehr; da das Gelände in einem Wasserschutzgebiet liegt, unterliegt es strengen Umweltauflagen. Auch der Artenschutz spielt eine Rolle, da sich durch den langen Leerstand und die umliegenden Waldflächen schützenswerte Biotope entwickelt haben könnten. Wie schwierig dieses Thema für die Entwicklung eines großflächigen Bauprojekts sein könnte, wissen die Verantwortlichen des Quartiersprojekts „Pankower Tor“ oder des Stadionprojekts im Jahnsportpark nur allzu gut.
Neue Nutzung für „Kaserne Hessenwinkel“: 450 neue Wohnungen sollen entstehen
Trotz dieser Herausforderungen soll die Brache aber dennoch in den kommenden Jahren einer neuen Nutzung zugeführt werden. Das Areal, inzwischen als „Kaserne Hessenwinkel“ bezeichnet, gehört teilweise dem Land Berlin (vertreten durch die Berliner Immobilienmanagement GmbH) sowie der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land. Derzeit arbeitet das Bezirksamt an einem Bebauungsplan, der mit der Stadt und Land abgestimmt wurde.
Das Verfahren ist umfangreich, weshalb Vertreter der Grünen, Linken, SPD und FDP eine Einwohnerversammlung fordern, um die Bedenken der Anwohner zu berücksichtigen. Besonders die Grünen weisen laut einem Bericht des Berliner Kuriers auf Befürchtungen in der Nachbarschaft hin: Eine dichte Bebauung könnte den Charakter des Kiezes verändern. Geplant sind nach aktuellem Stand insgesamt 450 Wohnungen in Gebäuden mit sechs bis acht Geschossen sowie eine Kita mit Platz für 60 Kinder.
Neubau für die Freiwillige Feuerwehr Wilhelmshagen soll auf dem ehemaligen Kasernengelände entstehen
Auch die Freiwillige Feuerwehr Wilhelmshagen soll vom verfügbaren Baugrund profitieren. Das bisherige Wachgebäude in der Frankenbergstraße ist 134 Jahre alt und in einem stark sanierungsbedürftigen Zustand. Auf einem Teil des brachliegenden Geländes soll daher ein moderner Neubau für die Feuerwehr entstehen. Der Komplex soll Platz für fünf Fahrzeuge, 54 Feuerwehrkräfte sowie mindestens 20 Mitglieder der Jugendfeuerwehr bieten.
Das geplante, L-förmige Gebäude soll auf rund 1.500 Quadratmetern Nutzfläche Büro- und Sozialräume auf zwei Etagen sowie eine große Fahrzeughalle umfassen. Die entsprechende Baugenehmigung wurde im Dezember 2024 vom Bezirksamt Treptow-Köpenick erteilt. Im Januar 2025 starteten die Rodungsarbeiten auf dem Gelände, die bestehenden Gebäude werden in den kommenden Monaten abgerissen und Schadstoffe entsorgt. Der Bau soll Mitte 2026 abgeschlossen sein.
Temporäre Unterkunft für Geflüchtete in Rahnsdorf: Bedenken in der Nachbarschaft
Gegen den Neubau für die Freiwillige Feuerwehr gibt es in der Anwohnerschaft keine Bedenken, doch das oben erwähnte Vorhaben zur Unterbringung geflüchteter Menschen sorgt für Diskussionen. Denn bevor auf dem Gelände der ehemaligen Kaserne neuer Wohnraum entsteht, soll es zunächst als temporäre Unterkunft für bis zu 500 geflüchtete Menschen genutzt werden. Geplant ist laut Senat die Errichtung modularer Bauten, die später in regulären Wohnraum umgewandelt werden können.
Wie lange eine solche Zwischennutzung auf dem Areal Bestand haben würde, ist Spekulation – doch es könnte eine etwas längere Zwischennutzung werden. Denn für das Vorhaben, den Bau der geplanten 450 Wohnungen, existiert laut Bezirksamt bislang kein rechtsgültiger Bebauungsplan. Lediglich ein Aufstellungsbeschluss wurde gefasst, der den Beginn des Planverfahrens markiert.
450 landeseigene Wohnungen in Rahnsdorf: Bislang existiert noch kein gültiger Bebauungsplan
Bevor konkrete Baumaßnahmen für das geplante Wohnquartier umgesetzt werden können, müssen noch verschiedene Verfahrensschritte durchlaufen werden, darunter Beteiligungen von Behörden und der Öffentlichkeit sowie Prüfungen zu Umwelt- und Infrastrukturfragen.
Erst nach Abschluss dieses Prozesses kann ein rechtsverbindlicher Bebauungsplan verabschiedet werden, der die Grundlage für die zukünftige Nutzung des Geländes bildet. Allein die Aufstellung eines Bebauungsplans dauert in Berlin zwischen 89 und 148 Monaten, wie eine Studie des Berufsförderungswerks Berlin-Brandenburg aus dem Februar 2023 zeigt.
Zwischen Altlasten, Umweltauflagen und städtebaulichen Planungen wird die Zukunft des Areals im Berliner Südosten intensiv diskutiert – sowohl in der Politik als auch in der Nachbarschaft. Ob und wann das Gelände tatsächlich bebaut wird, bleibt derzeit jedoch ungewiss, da bürokratische Verfahren und Planungsprozesse in Berlin oft Jahre in Anspruch nehmen.
Quellen: Berliner Kurier, Architektur Urbanistik Berlin, fotowiesel.de, Stadt und Land, Berliner Immobilienmanagement GmbH, Bezirksamt Treptow-Köpenick, Freiwillige Feuerwehr Wilhelmshagen, Immobilienmanager, Berufsförderungswerk Berlin-Brandenburg e. V.
Die Geschichte des Standorts reicht allerdings noch deutlich weiter zurück: Zwischen 1952 und 1962 war hier die Volkspolizei-Reserveabteilung Berlin-Wilhelmshagen stationiert. Ab 1962 übernahm das Grenzausbildungsregiment 39 das Gelände. Zunächst bestanden die Unterkünfte aus einfachen Holzbaracken – das ist etwas falsch formuliert; richtig sollte es: Berlin-Rahnsdorf, auf dem Gelände, wo sich der ehemalige Gefechtspark befunden hatte, war die KVP und in den Anfängen die 1. -und 2. AbK untergebracht. Aber das will heute keiner mehr wissen,.. Freundliche Grüße