Spannende Debatten im Historischen Salon: Berlins oberster Denkmalschützer Christoph Rauhut gab seltene Einblicke in vergessene Orte, kontroverse Projekte und die politischen Hürden der Denkmalpflege. Zwischen Molkenmarkt, Petrikirche und Mittelmeerhaus wurde deutlich, wie viel kulturelles Erbe in der Hauptstadt auf dem Spiel steht – und wie schwierig der Spagat zwischen dem Erhalt historischer Strukturen und modernen Nutzungsanforderungen sein kann.
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Die Gesellschaft Historisches Berlin, deren Ziel die Wiederherstellung des historischen Stadtgrundrisses und somit die Reurbanisierung der historischen Mitte Berlins ist, hatte als Gast Berlins obersten Landeskonservator und Direktor des Landesdenkmalamtes Berlin, Dr. Christoph Rauhut, eingeladen. Dr. Christoph Rauhut, der dieses Amt in Berlin seit 2018 bekleidet, selbst promovierter Architekt mit Studienaufenthalten in Aachen und Zürich ist, betonte in seinem Impulsvortrag, wie wichtig für Berlin der öffentliche Diskurs um Stadtentwicklung und Denkmalschutz sei.
Stadtentwicklung und Denkmalschutz: Öffentlicher Diskurs in Berlin
Das ist nicht überall so, aber in Berlin sei diese öffentliche Beteiligung der Gesellschaft an Bauprojekten stark ausgeprägt und bietet somit die Chance für alle interessierten Beteiligten, sich in die Themen mit ihren Ideen und Vorschlägen einzubringen, so Rauhut. Danach referierte Christoph Rauhut zum Denkmalschutzgesetz in Berlin und präsentierte die Denkmalbereiche der Stadt.
Interessant war der Blick über den Berliner Tellerrand hinaus zum Denkmalschutz in der Bundesrepublik insgesamt, mit circa 1,2 Millionen Denkmalen, davon 51 Welterbestätten (2021). In Berlin sind rund 8.000 Denkmale gelistet, davon drei Welterbestätten.
Molkenmarkt: Grabungen im historischen Berliner Stadtzentrum dauern weiter an
Aktuell stellte er die derzeit im Stadtzentrum durchgeführten Grabungen mit Schwerpunkt Molkenmarkt vor, die sicher noch knapp zwei Jahre andauern werden. Auch die Ausführungen zur ab Juni 2025 fertiggestellten Petrikirche waren sehr interessant. Die Petrikirche – heute über die Bushaltestelle Fischerinsel erreichbar – befand sich um das Jahr 1230 auf dem Petriplatz und war als Stadtpfarrkirche von Cölln eine der ersten fünf Kirchen der früheren Doppelstadt Berlin-Cölln.
Der Petriplatz ist der eigentliche Gründungsort der Stadt und die darauf stehende Kirche wurde im Zweiten Weltkrieg stark zerstört, von der DDR-Regierung endgültig 1964 abgerissen. 2021 erfolgte die Grundsteinlegung unter Beisein von Wolfgang Schäuble für einen Wiederaufbau in völlig neuer Form. Die Planungen sehen ein interreligiöses Bet- und Lernhaus vor, das Juden, Christen und Muslimen offenstehen soll. Ab Mitte des Jahres sollen erste Teile des künftigen „House of One“ für die Öffentlichkeit zugänglich sein.
„Lost Places“ in Berlin: Vierzig Denkmalprojekte betroffen
Auch Fragen zum ehemaligen „Historischen Rathaus“ kamen aus dem engagierten Publikum und wurden von Christoph Rauhut beantwortet. Weitere Fragen zu schwierigen „Denkmalfällen“, wie dem Kinderkrankenhaus Weißensee oder dem Mittelmeerhaus im Botanischen Garten, konnte Rauhut hinsichtlich der Schwierigkeiten bei der politischen und finanziellen Priorisierung ungeschminkt beantworten. Insgesamt bezifferte er vierzig Denkmalprojekte in Berlin als „Lost Places“.
Aber das Mittelmeerhaus im Botanischen Garten ist momentan ein aktuelles Thema, da es auch eine Reminiszenz an den Kew Garden in der Nähe von London ist. Hier wartet man noch auf die seitens der BVV Steglitz-Zehlendorf freizugebenden Gelder zur dringend notwendigen Sanierung des historischen Gebäudes.
Christoph Rauhut: Denkmalschutz macht keine Stadtgestaltung
Angesprochen auf weitere Objekte, die seitens der Teilnehmer des Abends angesprochen wurden, wies Christoph Rauhut darauf hin, dass der Denkmalschutz keine Stadtgestaltung mache, sondern seine Aufgaben in der Führung der Denkmalliste, der Vergabe von Denkmalpflegezuschüssen und der wissenschaftlichen Untersuchung der Denkmale sehe.
Hinsichtlich der Einflussnahme Rauhuts auf die Gestaltungshoheit kam die Bemerkung eines Teilnehmers, dass man ihn wohl nicht etwa mit einem „zahnlosen Tiger“ vergleichen könne? Aber Christoph Rauhut konnte diesen kurzen Einwand mit einem leichten Bonmot beantworten. Doch die Fülle der Aufgaben des Denkmalschutzes in Berlin, so Rauhut, sei trotz allem nicht unerheblich, denn immerhin stehen zehn Prozent der in Berlin stehenden Gebäude unter Denkmalschutz.
Diskussion über Stadtplätze, Gendarmenmarkt und strukturierten Umgang bei Fassadenrenovierungen
Hinsichtlich der erhaltenswerten Bausubstanz wünscht sich Christoph Rauhut in Berlin einen strukturierteren Umgang bei der Bearbeitung des Untergrunds – das werde anderswo baukulturell besser gehandhabt. In der Stadt dominiert derzeit eine Diskussion über die architektonische Gestaltung von Plätzen. Der gerade fertiggestellte Gendarmenmarkt musste in der abendlichen Runde dafür auch herhalten.
Weiterhin wurden im Verlauf und zum Ende des Abends seitens der Teilnehmer noch einige Objekte angesprochen, um die man sich doch unbedingt kümmern müsse, wie etwa die Klosterkirche (Graues Kloster), die Komische Oper oder die Akzisemauer in der Stresemannstraße. Christoph Rauhut musste allerdings zum Ende der Veranstaltung gerechterweise auch darauf hinweisen, dass die Oberste Denkmalschutzbehörde die zuständige Senatsverwaltung ist und die Entscheidungen der zuständigen Senatsbaudirektorin letztendlich maßgebend seien.
Das Engagement von Frau Prof. Kahlfeldt beim Denkmalschutz hob Christoph Rauhut dabei allerdings besonders hervor. Die nächste Veranstaltung des Historischen Salons soll am 28. Mai 2025 stattfinden.
Quellen: Gesellschaft Historisches Berlin e.V., Landesdenkmalamt Berlin