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Studie zur Berliner Bauakademie: Baurecht verhindert Rekonstruktion

Um den Wiederaufbau der historischen Berliner Bauakademie in Berlin-Mitte wird weiterhin gerungen. Eine von der Bundesstiftung Bauakademie in Auftrag gegebene Vorstudie kommt nun zum Schluss, dass mit dem aktuell gültigen Baurecht eine originalgetreue Rekonstruktion des Gebäudes nicht möglich sei. 

Dieser Musterturm soll abgerissen und durch einen vollständigen Neubau ersetzt werden. Dies empfiehlt eine Vorstudie des Büros schneider + schumacher. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT BERLIN

© Visualisierung / Foto Titelbild: Förderverein Bauakademie
Text: Björn Leffler

 

Um den Wiederaufbau der historischen Berliner Bauakademie in Berlin-Mitte wird weiterhin gerungen. Im aktuellen Koalitionsvertrag von SPD und CDU steht es eigentlich eindeutig: “Die Wiedererrichtung der historischen Fassade der Bauakademie ist durch ein geeignetes Verfahren sicherzustellen.

Doch schon im vergangenen Jahr wurde im Rahmen eines Symposiums deutlich, dass die Meinungslage der beteiligten Experten nicht so eindeutig ist wie der politische Wille. Nach einem aktuellen Bericht des Tagesspiegel steht eine historische Rekonstruktion der Bauakademie am Schinkelplatz wohl mehr denn je in Frage.

Büro schneider + schumacher erstellte Vorstudie zur Berliner Bauakademie

Das von der Bundesstiftung Bauakademie Ende vergangenen Jahres beauftragte Büro schneider + schumacher aus Frankfurt am Main sollte drei bis fünf “Varianten der Abstraktion von der historischen Fassade” erstellen, einschließlich visueller Darstellungen, wie solche Abstraktionen aussehen könnten, erklärte Guido Spars, Gründungsdirektor der Bundesstiftung, im Januar 2024.

Aus dieser Studie zitiert Der Tagesspiegel und veröffentlicht damit vorab pikante Details. Demzufolge soll beispielsweise auf den Bau eines Gebäudesockels verzichtet werden. Ohne ein Hochparterre für das Gebäude würde der rekonstruierten Bauakademie in jeglicher Hinsicht aber die Basis fehlen.

Studie soll Wiederaufbau ohne Gebäudesockel empfehlen

Außerdem soll die Fenstergestaltung im obersten Geschoss geändert werden, sodass die historische Dreiteiligkeit der Fenster aufgehoben und durch eine stark vereinfachte Variante ersetzt wird. Auch quadratische Oberlichter seien geplant, die es historisch so nicht gegeben hat.

Auch das Thema Barrierefreiheit spielt eine wichtige Rolle und könnte zum Zünglein an der Waage werden. Die Verfasser der Vorstudie gehen nämlich davon aus, dass die Fensterhöhen in allen Geschossen angepasst werden müssen. Andernfalls, so wird argumentiert, hätten Rollstuhlfahrer in dem Gebäude keine ausreichende Sicht.

Fehlende Barrierefreiheit: Fensterhöhen müssen angepasst werden

Das Gutachten des Architekturbüros schneider + schumacher wurde gemeinsam mit den Ingenieuren Bollinger + Grohmann sowie der Lichtdesignerin Ulrike Brandi erstellt. Dieses Gutachten soll den Planungsteams im bevorstehenden Architekturwettbewerb als Leitlinie dienen.

Guido Spars, der selbst kein Anhänger einer originalgetreuen Rekonstruktion ist, scheint das gültige Baurecht so anwenden zu wollen, dass eine 1:1-Wiederherstellung des historischen Gebäudes faktisch unmöglich ist.

Aktuelles Baurecht macht eine 1:1-Rekonstruktion fast unmöglich

So werden von der Bundesstiftung Bauakademie neue Normen sowie bauordnungsrechtliche und Nachhaltigkeitskriterien herangezogen. Ziel sei es, das Bauwerk und die gesellschaftlich-kulturelle Bedeutung des Gebäudes als Basis und Ausgangspunkt der Vorstudie zu nutzen, heißt es.

Die Stiftung betont hierbei die “Notwendigkeiten planerischer Anpassungen” – mit anderen Worten: das neue Gebäude wird vom ursprünglichen Vorbild abweichen. Wie stark diese Abweichungen aussehen werden, wird wohl erst der geplante Gestaltungswettbewerb zeigen.

Bauakademie: Als Baustoff soll roter Ziegelstein weiterhin gesetzt sein

Immerhin bleibt es bei der bereits geäußerten Zusage, dass als Baustoff roter Ziegelstein oder Klinker genutzt werden soll. Das Berliner Landesdenkmalamt bemängelte mittlerweile bereits, dass sie in die bisherigen Planungen nicht einbezogen worden seien. Es ist nicht die einzige kritische Stimme zum bisherigen Vorgehen der Stiftung.

Das vieldiskutierte Bauvorhaben wird die Berliner Senatsverwaltung für  Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen als auch das Bundesbauministerium in diesem Jahr also aller Voraussicht nach noch intensiv beschäftigen. Auf den Architekturwettbewerb und vor allem die Zusammensetzung der Jury darf man sehr gespannt sein.

 

Weitere Bilder zum Projekt findet Ihr hier: 

So präsentiert sich der Schinkelplatz in Berlin-Mitte heute. Auf diesem Grundstück soll eine rekonstruierte Bauakademie errichtet werden. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT BERLIN

© Open Street Map

Quellen: Der Tagesspiegel, DIE WELT, Bundesstiftung Bauakademie, Errichtungsstiftung Bauakademie, Teilnahme Symposium zum Wiederaufbau der Bauakademie, Wikipedia, Förderverein Bauakademie, schneider + schumacher, Bollinger + Grohmann, 

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6 Kommentare

  1. Anda Tirpitz Mai 31, 2024

    Sie werden es versauen!!!

  2. Marcel S. Juni 3, 2024

    Wenn ich das alles schon höre, für so einen Blödsinn verschwenden sie Zeit Kapazitäten und Geld anstatt sich um den Bau von Wohnungen und Infrastruktur zu kümmern.

  3. Philipp Juni 3, 2024

    Eine absolute Farce! Es herrscht doch in der Bürgerschaft weitesgehend Einigkeit: Wenigstens die Fassade sollte 1:1 rekonstruiert werden. Die wenigsten hätten damit ein Problem, wenn man es im Innenbereich nicht so genau nimmt. Aber wenn unsere zeitgenössischen, inkompetenten Stadtplaner, Behörden und Architekten die Fassade anfassen, können sie es nur falsch machen…!

  4. Krapotke Juni 3, 2024

    absolut ekelhaft, wie man händeringend versucht den demokratischen Willen zu unterlaufen. Es gab mehrere Umfragen, in der die große Mehrheit sowohl Berlins wie auch Deutschlands die Fassadenrekonstruktion möchte. Und mehr als das: sowohl der Bundestag wie auch der Senat haben entschieden, die Fassaden zu rekonstruieren.

    Und wieso war Baurecht übrigens in keiner anderen Rekonstruktion in Deutschland ein Problem?!

    Dieser Guido Spars müsste für seine antidemokratischen Handlungen gefeuert werden. Und über Untreue könnte man auch nachdenken: wieso beauftragt der Spars ein Unternehmen mit der Erstellung von modernen Fassadenalternativen, wenn im Koalitionsvertrag klipp und klar steht, dass die Fassade historisch sein soll?

  5. Böhme Juni 5, 2024

    Was ich bedauere, dass man hier nicht den ersten Entwurf einer modernen Fassade vorstellt. Ich habe ihn jetzt anderweitig gesehen – und kann trotz aller Affinität zu moderner Architektur nur sagen: Auf keinen Fall so! Es ist schon absurd, mit welchen “verzweifelten” Argumenten man die historische Rekonstruktion zu verhindern versucht. Man sollte sich im Klaren sein, dass alles, was neu gebaut wird, jedenfalls Jahrzehnte, wenn nicht gar länger das Stadtbild bestimmt. An dieser zentralen Lage gegenüber dem historisch rekonstruierten Schloss und einem weiteren Schinkelbau gleich nebenan – der Friedrichwerderschen Kirche – sollte man sich dann doch hinsichtlich der Fassade für die Rekonstruktion entscheiden. Das bedauerliche ist ja, dass moderne Architektur um Umfeld existiert, die gestalterisch völlig unbefriedigend ist. Das fängt beim charakterlosen Auswärtigen Amt an und setzt sich mit der edlen Wohnbebauung am Schinkelplatz fort. Regelrecht hässlich die Architektur der Bertelsmann-Stiftung vis-à-vis dem Bärenbrunnen. Der Ort der Bauakademie sollte keiner sein, der der Befriedigung von Eitelkeiten für Architekten sein sollte!

  6. Brühl Juni 13, 2024

    Wie besoffen muss man sein, um dort eine Lagerhalle hinklotzen zu wollen?
    Es werden die zu kleinen Fenster in der obersten Etage bemängelt? Ernsthaft? Aber es ist dann besser, in den übrigen Etagen komplett auf Fenster zu verzichten?
    Und kommt uns nicht mit “Baurecht”. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Nur am Willen fehlt es offenbar. Natürlich könnte man, wenn man es nur will, mit den heutigen Möglichkeiten dem Baurecht Genüge tun UND trotzdem die Originalfassade herstellen.

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