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Berlin wird niemals aufhören, sich fortwährend neu zu erfinden. Davon handelt dieser Blog.

Briefe aus T. – Teil 4: Im Schnee

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Briefe aus T.

Teil 4 – Im Schnee

6. November 2005

Hallo Robert.

Eigentlich gibt es nichts, was ich Dir nicht schon vorhin in aller Ausführlichkeit gesagt hätte. Aber ich muss Dir jetzt trotzdem sofort schreiben, Du bist der einzige, dem ich es im Augenblick sagen kann. Du hattest mich doch vorhin gefragt, warum sich meine Großeltern nie an eine der jüdischen Institutionen gewandt haben, um ihr Grundstück zurückzufordern. Als Du weg warst, saß ich noch ein bisschen mit meiner Mutter in der Küche. Sie hat mich ziemlich misstrauisch angesehen, weil wir in letzter Zeit so viel miteinander machen. Ihre Augen haben mich wirklich fast durchbohrt. Ich hab ihr versichert, dass das alles rein freundschaftlich ist. Ich weiß nicht, ob sie mir das wirklich geglaubt hat. Man kann ihr kaum was vormachen.

Ich habe sie dann aber doch nochmal gefragt wegen dem Grundstück. Sie hat die Augen verdreht und nur gesagt, dass meine Großeltern in der DDR ganz andere Sorgen hatten, als sich um ihr altes Grundstück zu kümmern. Und darüber hinaus hatte man im Osten eh keine Möglichkeit, sich an irgendwelche jüdischen Organisationen zu wenden. Und als dann die Mauer fiel, war mein Opa gerade ein Jahr tot, im Oktober 1988 ist er gestorben. Meine Mutter meinte, ohne meinen Großvater hätte meine Oma überhaupt nicht die Kraft und das Durchsetzungsvermögen, so etwas anzufangen.

Meine Mutter hat mir auch erzählt, dass mein Opa damals eigentlich auf dem Friedhof in Kliestow beerdigt werden sollte, weil der jüdische Friedhof längst nicht mehr genutzt wurde. Meine Oma wollte dem zustimmen, aber meine Mutter hat sich total dagegen gewehrt. Sie wollte unbedingt, dass er auf einem jüdischen Friedhof beerdigt wird.

Es muss wohl ein ziemlicher Streit zwischen meiner Mutter und meiner Oma ausgebrochen sein deswegen. Letztendlich konnte sich dann meine Mutter aber durchsetzen, er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee beerdigt, in Berlin. Meine Oma fährt selbst heute noch fast jede Woche hin, also meine Mutter fährt sie. Allein schafft sie es nicht mehr. Ich kann mich erinnern, dass sie früher alle drei, vier Tage nach Berlin gefahren ist. Mutti meinte, sie hätte ihr das lange sehr übel genommen, dass ihr Mann so weit weg beerdigt liegt. Ich weiß nicht, wie meine Oma das heute sieht. Aber zum Friedhof nach Berlin zu fahren gehört für mich zur absoluten Normalität, und meine Oma hat nie durchblicken lassen, dass es für sie anders wäre. Aber das heißt auch nichts.

Na ja, wie auch immer. Meine Mutter hatte dann keine Lust mehr, darüber zu reden, sie muss morgen auch früh raus, weil sie zum Großhandel nach Eberswalde fahren muss, da steht sie schon immer um drei oder vier auf. Aber ich war natürlich überhaupt noch nicht müde. Das war so ein verrückter Tag, das hab ich dann erstmal in aller Ruhe Revue passieren lassen. Gestern Abend der Streit mit Mario, das hat mich schon die ganze Nacht beschäftigt. Er hat sich auch nur einmal ganz kurz gemeldet, heute Morgen per SMS. Ich hab auch nur ganz kurz geantwortet, und das war’s. Und dann warst Du da und ich wusste irgendwann überhaupt nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Dass Du mich geküsst hast, nehme ich Dir auch ein bisschen übel. Andererseits hätte ich natürlich auch sofort „Halt“ sagen können… ich nehm mir das selbst auch übel, auf der einen Seite zumindest. Auf der anderen Seite auch wieder nicht, denn Mario verhält sich in letzter Zeit wirklich nur noch wie ein Arschloch. Ich hab versucht, mit ihm über meine Großeltern zu reden, aber da hätte ich auch versuchen können, mit einem Baumstamm zu sprechen. Der wäre vermutlich noch verständnisvoller gewesen. Na ja, so richtig besser macht es die Sache allerdings auch nicht. Ich glaube, meine Mutter sieht es mir an. Sie hat mir, als sie ins Bett gegangen ist, so komisch über den Kopf gestrichen und dabei etwas resigniert geseufzt… Vielleicht nervt sie aber auch meine ständige Fragerei, ich weiß es nicht. Ich weiß nichts mehr, im Moment.

Ich schweife schon wieder total ab. Ich bin dann jedenfalls etwas später ins Wohnzimmer gegangen und hab noch ein bisschen Fern gesehen, aber da kam auch wieder nur scheiße. Meine Oma sitzt ja normalerweise auch immer bis in die Puppen vor der Glotze, aber heute war sie schon im Bett, es war dann auch schon nach zwölf.

Ich weiß nicht, wie ich auf die dämliche Idee gekommen bin. Aber ich wusste, dass meine Oma die Briefe ihrer Eltern, die wenigen, die sie aus Berlin erhalten hatten, irgendwo in ihrem Zimmer aufbewahrt. Gesehen hab ich die aber noch nie.

Das Zimmer liegt unten im ersten Stock, gleich neben dem Wohnzimmer. Ich bin rein, hab das Licht angemacht und bin die Bücherregale abgegangen, aber ich wusste eigentlich, dass hier nichts zu finden war, die kannte ich eh schon. Ich hab dann ganz leise die Schubladen ihres Schreibtisches aufgemacht und darin rumgewühlt. Ich hoffe, sie merkt das nicht. Ich hab alles wieder ganz ordentlich hinterlassen. Ich kam mir schon vor wie so einer von der Stasi, oder irgendsowas. Ich hab aber nichts gefunden, hab alle drei Schubladen durchsucht. Viel war da eh nicht drin, nur so Schreibkram. Neben dem Schreibtisch steht noch so ein kleiner, na ja wie so ein kleiner Nachttisch. Da steht die grüne Glaslampe drauf, die meine Oma hegt wie einen dritten Augapfel. Der Nachttisch hat auch eine kleine Schublade, die ich dann auch mal aufgezogen hab. Ich hätte nicht erwartet, dort irgendwas zu finden, aber neben einem kleinen Bündel Wolle und ihrer Brille lag da so eine kleine, rostbraune Schachtel drin. Als ich die Schachtel aufgemacht habe, hab’ ich sofort erkannt, dass es ganz alte Blätter sind, die darin liegen. Ich dachte, mich trifft der Schlag. Es war ganz ruhig im Haus, nur in diesem Zimmer brannte ganz hell das Licht. Wirklich sehr clever von mir, dachte ich.

Es waren wohl die Briefe meiner Urgroßeltern. Ich hab nur den ersten wirklich versucht zu lesen, die Schrift konnte ich aber überhaupt nicht entziffern. Ich hab es versucht, aber das ging überhaupt nicht. Drei Briefe auf dem gleichen braunen Papier geschrieben lagen drin, die Daten konnte ich einigermaßen entziffern. Der erste war vom März 1939, der zweite vom Juli. Der dritte wurde am 24. Februar 1940 geschrieben, ich seh‘ das Datum noch ganz deutlich vor mir. Ich hab die Briefe natürlich dort gelassen, in der Schatulle. Ich wollte dann eigentlich auch die Briefe zurück legen und gehen, aber ganz unten lag noch ein dünner, gräulicher Zettel, einmal in der Mitte zusammengefaltet. Ich hab ihn rausgenommen und ihn aufgeklappt. Der Zettel ist der Grund, warum ich Dir jetzt gerade überhaupt nur schreibe.

Da stand drauf: „Lasst euch nie wieder vor meinem Haus blicken, sonst ergeht es euch so wie dem Judenweib, das im Schnee verreckt ist.“

Ich hab es aufgeschrieben. Mir ist das Blut in den Adern gefroren, als ich den Satz zum ersten Mal zu Ende gelesen hatte. Ich wusste überhaupt nicht, was ich denken oder tun sollte. Und dann hab ich mir ein Blatt von einem Notizblock genommen und es aufgeschrieben, schnell hingekritzelt. Aber es ist genau dieser Wortlaut, ich hab drauf geachtet. Der Brief war nicht unterschrieben, gar nichts. Nur dieser Satz.

Ich hab dann alles wieder zurück gepackt, bin aus dem Zimmer gegangen und hab mich in die dunkle Küche gesetzt. Ich hab ein Glas Leitungswasser getrunken, um mich ein bisschen zu beruhigen. Na ja, und dann hab ich den Computer angemacht, um Dir zu schreiben. Und jetzt sitze ich hier und weiß nicht, was ich machen soll. Es ist zwei Uhr morgens, und so langsam hab ich grad genug von Umwälzungen in meinem Leben. Andererseits wollte ich es natürlich auch unbedingt wissen. Ich weiß nicht, ob ich jetzt so glücklich damit bin. Ich müsste eigentlich auch mal schlafen. Was soll ich denn jetzt machen? Ich würde meine Oma so gern darauf ansprechen, aber das würde ich mich niemals trauen. Niemals.

Na ja egal, ich nerv Dich jetzt auch nicht länger, ich muss damit irgendwie allein fertig werden. Ich versuch jetzt zu schlafen.  

Bis bald.

Hanna

Den ersten, zweiten UND DRITTEN Teil der Geschichte findet Ihr auf der Seite “STORY”

 

 

LETTERS FROM T.

PART 4 – In the snow

November 6, 2005

Hello Robert.

Actually, there is nothing I haven’t told you in detail earlier. But I still have to write to you right now, you are the only one I can tell at the moment. You asked me earlier why my grandparents never approached any of the Jewish institutions to reclaim their property. After you left, I sat in the kitchen with my mother for a while. She was looking at me quite suspiciously because we’ve been doing so much together lately. Her eyes really almost pierced me. I assured her that it was all purely friendly. I don’t know if she really believed me. You can hardly fool her.

But then I asked her again about the property. She rolled her eyes and just said that my grandparents in the GDR had completely different worries than taking care of their old property. And besides, in the East there was no way to turn to any Jewish organizations anyway. And when the Wall came down, my grandfather had just been dead for a year; he died in October 1988. My mother said that if it hadn’t been for my grandfather, my grandmother wouldn’t have had the strength and perseverance to start something like that.

My mother also told me that my grandfather was supposed to be buried in the cemetery in Kliestow, because the Jewish cemetery had long since fallen into disuse. My grandma wanted to agree to this, but my mother totally resisted. She absolutely wanted him to be buried in a Jewish cemetery.

There must have been quite an argument between my mother and my grandmother about this. In the end, however, my mother got her way and he was buried in the Jewish cemetery in Weißensee, in Berlin. My grandmother still goes there almost every week, so my mother drives her. She can’t make it alone anymore. I can remember that she used to go to Berlin every three or four days. Mutti said she resented it for a long time that her husband was buried so far away. I don’t know how my grandmother sees it today. But going to the cemetery in Berlin is absolutely normal for me, and my grandmother never let on that it would be different for her. But that doesn’t mean anything either.

Well, anyway. My mother didn’t feel like talking about it anymore, she has to get up early tomorrow because she has to go to the wholesaler in Eberswalde, she always gets up at three or four. But of course I wasn’t tired at all. It was such a crazy day that I had to take my time and reflect on it. Last night, the fight with Mario kept me busy all night. He has also reported only once very briefly, this morning by SMS. I also only answered very briefly, and that was it. And then you were there and at some point I didn’t know where my head was anymore. I also resent the fact that you kissed me a bit. On the other hand, of course, I could have said “Stop” right away… I resent that myself, on the one hand at least. On the other hand, I don’t, because Mario has really been acting like an asshole lately. I tried to talk to him about my grandparents, but I could have tried to talk to a tree trunk. He probably would have been more understanding. Well, it doesn’t really make it any better, though. I think my mother can tell. When she went to bed, she stroked my head in a funny way and sighed a bit resignedly… Maybe she’s annoyed by my constant questions, I don’t know. I don’t know anything anymore, at the moment.

I’m totally rambling again. Anyway, I went into the living room a little later and watched some TV, but there was only shit again. My grandmother usually sits in front of the TV until late at night, but today she was already in bed, it was after midnight.

I don’t know how I got the stupid idea. But I knew that my grandma kept the letters from her parents, the few they had received from Berlin, somewhere in her room. But I’ve never seen them.

The room is downstairs on the second floor, right next to the living room. I went in, turned on the light and went through the bookshelves, but I actually knew that there was nothing to find here, I already knew them anyway. I then quietly opened the drawers of her desk and rummaged around in it. I hope she doesn’t notice. I left everything in order again. I felt like one of the Stasi, or something like that. But I didn’t find anything, I searched all three drawers. There wasn’t much in there anyway, just paperwork. Next to the desk is a small, well, like a small nightstand. On it is the green glass lamp that my grandmother cherishes like the apple of her eye. The nightstand also has a small drawer that I pulled open. I didn’t expect to find anything there, but besides a small bundle of wool and her glasses, there was a small rust-brown box in there. When I opened the box, I immediately realized that it was full of old leaves. I thought I was going to be struck. It was very quiet in the house, only in this room the light was burning brightly. Very clever of me, I thought.

I guess they were my great-grandparents’ letters. I only really tried to read the first one, but I couldn’t decipher the writing at all. I tried, but it didn’t work at all. Three letters written on the same brown paper were inside, the dates I could decipher to some extent. The first was dated March 1939, the second July. The third was written on February 24, 1940, I can still see the date quite clearly in front of me. I left the letters there, of course, in the casket. I actually wanted to put the letters back and leave, but at the very bottom there was a thin, grayish slip of paper, folded once in the middle. I took it out and unfolded it. The note is the reason I’m just writing to you right now.

It said, “Don’t ever show your face in front of my house again, or you’ll end up like the Jewish slut who died in the snow.”

I wrote it down. My blood froze in my veins the first time I finished reading that sentence. I didn’t know what to think or do at all. And then I took a sheet from a notepad and wrote it down, scribbled it down quickly. But it is exactly this wording, I paid attention to it. The letter wasn’t signed, nothing. Just this sentence.

I packed everything back up, left the room and sat down in the dark kitchen. I drank a glass of tap water to calm down a bit. Well, and then I turned on the computer to write to you. And now I’m sitting here and I don’t know what to do. It’s two o’clock in the morning, and I’ve had enough of upheavals in my life. On the other hand, of course, I really wanted to know. I don’t know if I’m so happy with it now. I should actually get some sleep. What am I supposed to do now? I would so much like to ask my grandma about it, but I would never dare. Never.

Anyway, I won’t bug you any longer, I have to deal with it on my own. I’ll try to sleep now.  

See you soon.

Hanna

You can find the first, second AND THIRD part of the narration on the “STORY” page

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