ENTWICKLUNGSSTADT

Berlin wird niemals aufhören, sich fortwährend neu zu erfinden. Davon handelt dieser Blog.

STORY

Berlin ist nicht nur Schauplatz großer Bauprojekte und historischer Wendepunkte, sondern auch die Heimat vieler kleiner Geschichten, Biografien und Persönlichkeiten. In unserer Rubrik “STORY” bieten wir Autorinnen und Autoren Raum für kleine und große Berlin-Geschichten – mal fiktiv, mal real. Immer jedoch mit einem ganz zentralen Thema: Was macht diese ungreifbare Stadt Berlin mit den Menschen, die in ihr leben? Und was machen die Menschen mit dieser Stadt? Viel spaß beim Lesen.

BRIEFE AUS T.
Teil 2 – Hildegard

Hallo Robert.
Ein richtiger, echter Brief, wow. Ich glaube, ich habe den letzten Brief vor über einem Jahr oder so bekommen, von meiner Schwester zum Geburtstag. Das ist richtig was Besonderes geworden, finde ich.
So richtig gefreut habe ich mich eigentlich nicht, als ihn mir meine Mutter ins Zimmer gereicht hat. Wenn Du mich direkt angesprochen hättest, hätte ich ganz sicher mit Dir gesprochen. Als ich Dich gestern an der Tankstelle gesehen habe, hast Du wirklich angestrengt versucht, überall hinzusehen, nur nicht zu mir.
Aber gut, dann ein Antwortbrief. Warum nicht.

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Briefe aus  T.
Teil 1 – Schweigen

Eigentlich war mir klar, dass Du nicht kommen würdest. Aber ich bin trotzdem hingefahren. Es hat schon auf der Fahrt dorthin ein bisschen geregnet, so wie am Freitag. Na ja nicht ganz so stark wie am Freitag, aber es erinnerte mich daran, wie wir das Prasseln des Regens auf die Autoscheibe schweigend von drinnen beobachtet haben. Ich weiß, dass Du nicht gern schweigst, aber ich habe diesen Moment sehr genossen. Du warst vermutlich froh, als es dann langsam aufgehört hat, zu regnen, aber ich finde Du bist eigentlich eine sehr angenehme Schweigerin. Das hat Dir vermutlich nur noch niemand gesagt.

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Eine Geschichte vom Mehringplatz
Teil 1 – Der Buchladen

Es ist ein toller Buchladen. Nicht sofort zu erkennen, wenn man den zweiten Hof betritt. Flankiert wird er von einem dezenten Café, nicht ganz so touristenumsäumt wie die Cafés im ersten Hof. Ich sitze da gerne. Oft komme ich mir dann vor, als wäre ich in eine alte schwarz-weiß Fotographie gefallen, was wohl an der elegant farblosen Gestaltung im zweiten der neun Hackeschen Höfe liegt. Selbst die Bücher im Schaufenster des kleinen Buchladens sind zumeist mit schwarz-weißen Titeln versehen.”

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Eine Geschichte vom Mehringplatz
Teil 2 – Die Bank

War es hier, Peter? War es an dieser Stelle? War es diese Bank? Nein, ganz sicher nicht. Obwohl sie ihr ein klassisches Aussehen gegeben haben. Und dutzendfach überstrichen scheinen die Holzlatten und Metallstreben auch zu sein. Aber es ist nicht diese Bank. Nicht unsere Bank, auf der wir immer gelegen hatten. Oft skizziertest Du. Den Platz. Seine strenge Geometrie. Am Brunnen sitzende Menschen. Streunende Hunde. Den Engel. Weißt du, ich weiß gar nicht warum, aber heute sitzen die Menschen kaum mehr an dem Brunnen. Liegt es vielleicht daran, dass er immer trocken ist? Sitzen Menschen nicht gerne an trockenen Brunnen?

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Eine Geschichte vom Mehringplatz
Teil 3 – das Haus

Dieser seichte Wind, das leichte, hintergründige Rauschen der Bäume, in sattes grün getaucht. Das wird sich nie ändern, immerhin. Es kommt immer wieder. Eine der wenigen Konstanten, die einem bleiben. Oder, würdest du mir jetzt auch wieder widersprechen? Nicht, dass du denkst, mir wäre diese Zeit zu schnelllebig. Die Gesellschaft zu brutal oder die Zukunft zu unsicher. Nein, zu dieser Fraktion gehöre ich nicht. Dieses Gerede, weißt du, ich kann es kaum mit anhören. Bernhard fing letztens davon an, bei der Skatrunde. Kennst du ihn noch? Sicher kennst du ihn
noch.

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Eine Geschichte vom Mehringplatz
Teil 4 – der Kiosk

Du musst es flüstern, Peter. Flüstern.
Berlin. Berlin. Immer wieder leise: Berlin.

Weißt du noch, als es nichts mehr war? Nicht mehr als ein Flüstern? Nicht mehr als ein verschwommener Schatten seiner selbst, ein zerbrochener, schwach pulsierender Krug, der einst golden geglänzt hatte. Ich erkannte es kaum wieder, Peter. Und musste mich so oft fragen, wo ich war und welches Gebäude, welche Kirche hier einmal gestanden hatte. Ich fand mich nicht zurecht.

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Eine Geschichte vom Mehringplatz
Teil 5 – der Engel

Würdest du ihn heute erkennen? So verbaut und verändert wie er sich mittlerweile präsentiert? Wahrscheinlich würde dich wie damals der mittig emporragende Engel daran erinnern, was dieser Platz einmal gewesen war. Wie er für uns gewesen war.

Dein Blick war ungläubig. Fassungslos. Zum ersten Mal seit unserem Wiedersehen schienst du eine Art Emotion zu zeigen. Du hattest doch schon so viel Zerbombtes gesehen. Aber als er vor dir lag, schien es dir erst klar zu werden.

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Thema von Anders Norén