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Die Stadt, die immer wird und niemals ist: Berlin wird niemals aufhören, sich fortwährend neu zu erfinden. Darüber berichten wir jeden Tag neu.

Briefe aus T. – Teil 6: Hermann

ENGLISH VERSION: BELOW

Briefe aus T.

Teil 6 – Hermann

27. August 2006

Meine liebe Hanna.

Es ist lange her, dass ich mich hingesetzt habe, um der kleinen Hanna einen Brief zu schreiben. Wenn ich mich recht entsinne, warst Du 12 oder 13 Jahre alt und gerade auf Deiner ersten Klassenfahrt in Burg. Das ist sehr lange her, und aus der kleinen Hanna ist eine stattliche, selbstbewusste junge Frau geworden, die genau weiß was sie will und weiß was sie tut. Das war zumindest der Eindruck, den ich stets hatte.

Aber ich habe gemerkt, dass Du irgendwann im Verlauf des letzten Jahres diese Sicherheit und Zielstrebigkeit verloren hast. Und das ist etwas, was nie hätte passieren sollen.

Seit Du nach Berlin gezogen bist, hatte ich nicht oft die Gelegenheit, Dich zu sehen oder einmal in Ruhe mit Dir zu sprechen. Ich habe das Gefühl, dass Du mir aus dem Weg gehst, und ich habe das Gefühl, dass ich nicht unschuldig daran bin. Dass Du entschieden hast, nach Berlin zu ziehen, das werfe ich mir und nur mir allein vor. Seit unserem Gespräch damals im Auto steht etwas zwischen uns, das weiß ich sehr gut. Vielleicht kann ich mit diesen Zeilen dazu beitragen, dass sich alles wieder einpendelt. Ich hoffe es sehr. Das sollst Du wissen.

Ich habe mich in hier in unserer kleinen Küche niedergelassen, in der wir so oft gesessen und gelacht und “Mensch ärgere dich nicht” gespielt haben, weißt Du noch? Ich mag das Licht der kleinen Wandlampe, die Dori letztes Jahr angebracht hat. Ich sitze hier viel lieber als in meinem eigenen Zimmer. Es erinnert mich ein bisschen an die flache Küche, in der wir früher immer saßen, als wir noch zusammen mit meinen Eltern gelebt haben. Die Steinfliesen waren furchtbar kalt, aber wir hatten fließendes Wasser aus einem Kupfer-Wasserhahn in der Wand. Am Fenster standen ein kleiner Tisch und zwei Stühle, und in der Mitte des Raumes war eine längere Tafel aufgestellt, an der wir immer gemeinsam gegessen haben, die ganze Familie. 

Es sind Erinnerungen an eine andere Zeit. Ich habe mich vor langer Zeit damit abgefunden, dass ich niemals wieder in dieser Küche und in diesem Haus sitzen und leben werde. Meine liebe Hanna, damit solltest auch Du Dich abfinden können. Aber ich weiß, dass Du Dich mit einer so kurzen Erklärung nicht zufrieden geben wirst. Aber ich hoffe sehr, dass Du das, was in diesem Brief steht, für Dich behalten kannst. Denn sonst hat mein Schweigen über all die Jahre keinen Sinn gehabt, gar keinen.

Ich weiß, Deine Mutter hat Dir schon einmal von unserem Versteck im Kirchturm erzählt. Manchmal habe ich mir in dieser grauenhaften Zeit fast gewünscht, entdeckt und sofort erschossen zu werden, damit dieses Martyrium endlich eine Ende hat. Ich weiß, es klingt furchtbar, aber es war wirklich irgendwann kaum noch auszuhalten. Vor allem in den Wintern.

Als der Krieg vorbei war, drang die Nachricht sehr schnell zu uns. Es war ein heißer Tag, das weiß ich noch sehr genau. Pastor Meirich stürmte geradezu die Treppen des Kirchturms herauf, um uns freudestrahlend mitzuteilen, dass Generaloberst Jodl eine bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht unterzeichnet hatte. Er war ganz verschwitzt, und seine Augen strahlten, ich sehe ihn noch heute vor mir. „Sie haben es überstanden!“, sagte er ganz leise, als wäre immer noch jemand da, der uns entdecken und verraten könnte. Und dann, noch einmal, etwas lauter: „Sie haben es überstanden!“ Opa und ich sahen uns an und wussten gar nicht so recht, wie wir darauf reagieren sollten. Opa umarmte Herrn Meirich dann urplötzlich und sie hielten sich sehr lange fest. Opa weinte leise, für ein paar Minuten. Sie standen dort und weinten. Ich saß einfach nur da und wusste nicht, was mich erwarten würde, wenn ich diesen Turm zum ersten Mal seit fast dreieinhalb Jahren wieder bei Tageslicht verlassen würde. Aber so einfach war es nicht, wir trauten uns nicht, einfach nach draußen zu gehen und in der Gegend herumzuspazieren, als wäre nichts gewesen. Wir hatten Pastor Meirich gebeten, uns noch so lange Unterschlupf zu gewähren, wie wir es wollten. Er willigte ein. Er verstand, dass es nicht so einfach war, in ein Dorf zurückzukehren, in dem dieselben Menschen lebten, die uns vor ein paar Wochen noch an die Gestapo verraten oder gleich gelyncht hätten.

Was würden sie mit uns tun? Wie würden sie uns begegnen? Was würden sie sagen? In der Kirche fühlte ich mich sicher. Opa begann dann, unsere Versorgung selbst in die Hand zu nehmen. Er begann, mit dem Wenigen zu handeln, dass wir noch hatten, und versuchte, Arbeit auf den umliegenden Gehöften zu finden, um uns irgendwie eine oder zwei Mahlzeiten am Tag zu organisieren. Manchmal traute ich mich hinaus auf den Friedhof und saß auf einer kleinen Holzbank direkt an der Kirchenmauer. Heute gibt es sie nicht mehr, sie war schon damals sehr brüchig gewesen.

Wenn die Leute, die an der Dorfkirche vorbeiliefen, zu mir herübersahen, dann glaubte ich, es in ihren Gesichtern lesen zu können: „Jude.“ So schauten sie mich an – vorwurfsvoll, verbittert, hasserfüllt. „Jude“. Vielleicht bildete ich mir das nur ein, ich weiß es nicht. Viele fragten sich vielleicht einfach, wer ich überhaupt bin. Weiter als einen Meter weg von der schützenden Kirche traute ich mich nicht. Aber dann, eines Tages, das war im August, wenn ich es richtig in Erinnerung habe, kam Opa mit einem kleinen Beutel Kartoffeln zur Kirche zurück. Ich saß draußen und wartete schon auf ihn, es war heiß. Er setzte sich zu mir und machte mir klar, dass wir eine richtige Bleibe finden mussten, bevor Herbst und Winter kamen.

„Es ist Zeit.“, sagte er, so kurz und knapp, wie er immer gesprochen hatte. So klar und mutig, wie er immer gewesen war. Er war entschlossen, zum Hof zurück zu gehen. Er wusste, genauso wie ich, was uns erwarten würde – ein Zuhause, das nicht mehr unseres war. Und genauso wenig wie ich wusste er, was wir tun würden, wenn wir vor unserem Hof stehen und von draußen hinein starren würden – als Fremde in der Heimat. Der Pastor hatte uns noch während des ersten Turmjahres erzählt, dass bereits eine andere Familie auf unserem Hof lebte. Ich kann nicht sagen, dass es mich damals geschockt hätte, denn das einzige Ziel in dieser Zeit, war überhaupt nur, am Leben zu bleiben. Alles andere – Haus, Hof, Familie, Träume – das hatten wir längst schon aufgegeben. Mir war egal, wer dort lebte. Aber als wir von Meirich erfuhren, dass ausgerechnet die Familie des damaligen Trebbiner Bürgermeisters unseren Hof bezogen hatte, war es schon ein Schlag. Hermann war von jeher ein strammer Nazi gewesen.

Unser Hof gehörte noch gerade so zu Mietgendorf. Vielleicht erinnerst Du Dich ja. Als Du noch klein warst, so vier oder fünf, waren wir einmal dort. Wir sind sogar ganz nah an unserem alten Hof vorbeigelaufen. Natürlich wusstest Du nicht, wo Du warst und dass nicht unweit von dem kleinen Weg, auf dem wir spazierten, Deine Großtante Hildegard ermordet worden war. Gleich hinterm Kesselberg. Mein Vater hat sie dort gefunden und durch den tiefen Schnee nach Hause getragen.

Pastor Meirich hatte uns angeboten, uns mit seiner Kutsche dorthin zu fahren. So sehr ich mich an den Gedanken gewöhnt hatte, nie wieder auf unseren Hof in Mietgendorf zurückzukehren, so groß war meine Angst, als wir auf der Kutsche saßen und auf dem Weg dorthin waren. Es war ein schwülwarmer Tag, mit tiefhängenden, drohenden Wolken. Während der Fahrt war es, als würden wir aus einem Gefängnis ausbrechen und fliehen, ohne zu wissen, wohin wir gehen konnten oder wo wir uns verstecken sollten. Alles schien unverändert zu sein, mit der Ausnahme, dass wir überall russische Soldaten sahen und einige Höfe unter Zerstörungen gelitten hatten.

Pastor Meirich hielt etwa einen halben Kilometer vor unserem Grundstück. Opa hatte ihn darum gebeten. Das letzte Stück legten wir zu Fuß zurück, den kleinen Feldweg durch die Birkenallee hindurch. Er war sehr viel ausgefahrener, als ich es in Erinnerung hatte. Später haben sie ihn dann einmal planiert und viele der Birken gefällt, in den sechziger Jahren.

Auf dem Weg zum Hof hielt ich mich bei Opa fest. So fest ich nur konnte. Ich zitterte, und er zitterte auch. Es regnete leicht, als wir um die Dornenbuschecke bogen und unser Hof dann plötzlich vor uns lag. Niemand war zu sehen, es war ganz still. Wir standen lange dort, in sicherer Entfernung zum Eingangstor, welches dasselbe war, durch das wir unseren Hof zweieinhalb Jahre zuvor verlassen hatten. Ich konnte nichts als weinen, vor Angst, vor Trauer.

Aber Opa zog mich vorwärts. Ich wollte nicht, aber er zog mich mit sich. Er ging näher heran, bis wir fast direkt vorm Eingangstor standen. Es war ganz still, für eine ganze Weile. Ganz leise wehte der Wind, ganz schwach. Ich weiß es noch wie heute. Und dann hörten wir, wie sich die kleine Holztür zur Kammer öffnete, in der wir immer alle Vorräte und Einweckgläser aufbewahrt hatten. Erst sah er uns nicht, stieg ganz entspannt die kleine Treppe zur Diele hoch, unter dem Arm trug er etwas. Aber plötzlich bemerkte er uns. Es wurde langsam dunkel, und erst war ich nicht sicher, ob er wirklich wusste, welche Besucher dort vor seinem Tor standen. Aber Carl-Rudolf Hermann erkannte uns sofort. Er blieb stehen und musterte uns mit zusammengekniffen Augen. Er hatte noch immer den Habitus einen nationalsozialistischen Stadtoberhauptes, so wie er dort auf der Treppe stand. Das einzige, was fehlte, war eine Uniform.

Ich hatte das Gefühl, einen Pistolenlauf im Nacken zu spüren, als ich die kalten Augen dieses fetten, kahlköpfigen Mannes auf uns spürte. Opa wich keinen Schritt zurück, sagte nichts. Er sah ihn an, unbeirrt. Hermann aber stieg die Treppe langsam weiter herauf, ohne die Augen von uns zu nehmen. Als er die Tür erreicht hatte, die an der Mauer-Außenseite zur kleinen Diele führte, hielt er an, spuckte in unsere Richtung aus und griff kräftig und demonstrativ den Türgriff, öffnete die Tür, verschwand darin und schlug die Holztür krachend hinter sich zu. Und dann, dann war es wieder still. Totenstill.

Es dauerte lange, bis wir uns einig darüber waren, was wir tun wollten und wie wir mit alldem umzugehen gedachten. Fast dreieinhalb Jahre lebten wir in einer kleinen Holzhütte auf dem Grundstück von Pastor Heinrich. Dreieinhalb Jahre. Wir wussten nicht, wohin. Es gab nichts, außer Elend. Und Hunger. Und endlose Diskussionen – manchmal auch mit Heinrich. Wir diskutierten die Möglichkeiten, die wir hatten. Aber es war eine Zeit, in der sich vor allem die sowjetischen Besatzer einen feuchten Kericht darum scherten, welche Besitzansprüche es unter der besetzten Bevölkerung gab, und schon gar nicht interessierten sie sich für Juden. Wenn man geglaubt hatte, mit den Russen besser dran zu sein, kam die Ernüchterung sehr schnell.

Wir entschieden, dort zu bleiben. 1949 fand Opa wieder Arbeit in einem der landwirtschaftlichen Betriebe in Trebbin, bei Wilhelm Thielicke, den er noch aus der gemeinsamen Schulzeit in Luckau kannte. Durch ihn sind wir dann auch an unsere erste eigene Bleibe in Trebbin gekommen, ein abgerissenes Stallhäuschen gleich am Bohldamm, welches wir dann in den folgenden Jahren wieder aufgebaut haben. Du kennst es. Heute ist es der Schuppen hinten im Garten, neben den Garagen. Es war unser erstes eigenes Haus im neuen Leben. Opa hasste es, immer.

Es ging dann nur sehr langsam wieder aufwärts. Ich hatte lange das Gefühl, isoliert zu sein. Was häufig aber auch an uns selbst lag. Aber durch die Flüchtlinge, die aus dem Osten kamen und überall in der Gegend Zuflucht gefunden hatten, wurde es mehr und mehr zu einer ganz neuen, veränderten Gesellschaft. Und das Gefühl, ein Fremder in der eigenen Heimat zu sein, relativierte sich immer dann, wenn man die furchtbaren Schicksale vieler Vertriebener kennenlernte.

Ich weiß nicht mehr genau, wann wir damit anfingen, aber ich glaube, es war so gegen 1950 oder 1951, als wir am Todestag von Hildegard hinaus zum Kesselberg fuhren, um ein paar Blumen niederzulegen an der Stelle, wo sie damals tot aufgefunden worden war. Und ich weiß noch, dass wir manchmal auf unserem Spaziergang auch am Hof vorbeigingen und aufs Grundstück und die von innen erleuchteten Fenster schauten. Meist weinte ich, aber es war ein bisschen auch wie Zuhause sein. So ging es einige Jahre. Immer im Winter, meistens im Schnee. Damals schneite es noch viel häufiger als heutzutage.

Der Brief lag – das weiß ich sehr genau – kurz nach Weihnachten 1960 unter unserer Türspalte. Ich saß am Tisch in der Küche, als Opa hereinkam und ihn mir überreichte. Bis heute kann ich nicht beschreiben, wie viel Wut und Verzweiflung in seiner Miene lag, als er mir den Zettel mit zitternder Hand überreichte. Ein ganz kleiner, unscheinbarer Zettel nur, eigentlich kein wirklicher Brief. Du weißt ja, wie er aussieht. So, wie er damals unter unserer Tür lag, habe ich ihn bis heute aufgehoben.

Winter 1960 war das letzte Mal, dass wir dort waren, für lange, lange Zeit. Wir wussten, dass es sinnlos war, mit dieser Drohschrift zur Polizei oder zu irgendjemand anderem zu gehen. Auch Herrn Meirich haben wir nicht davon erzählt. Ich habe den Zettel behalten, aber aus heutiger Sicht denke ich, ich hätte ihn in dem Moment, als Opa in mir gegeben hat, in den Ofen werfen und verbrennen sollen. Gerade in den letzten Monaten habe ich das immer wieder gedacht. Wozu habe ich ihn aufgehoben. Wozu?

Nun gut. Als Hermann 1978 an einer Lungenentzündung starb, entspannte sich vieles. Wir fingen wieder an, zum Kesselberg zu fahren, wenn es die Zeit zuließ. Mit Deiner Mutter waren wir oft da. Wir legten Blumen ab. Zum Hof gingen wir aber nur ganz selten. Wir hatten niemals ein Wort mit Familie Hermann gesprochen, aber die Blicke, mit denen sie uns von der anderen Seite des Zauns begegneten, waren vielsagend. Sie wussten sehr genau, wer wir waren.

Opa sprach von irgendeinem Zeitpunkt an oft davon, dass er von Organisationen gelesen hatte, die im Westen gegen die Enteignung von Juden während der Zeit des Nationalsozialismus vorgingen. Und das sogar erfolgreich. Er fing damit an, ich glaube es war nicht lange nach Hermanns Tod. Es war wie ein Signal für ihn, und ich spürte, wie Hoffnung in ihm keimte. Ich hatte das Gefühl, dass die Verbitterung, die er in sich trug, mit jedem Tag und jedem Jahr größer wurde. An manchen Tagen oder Abenden kannte er kein anderes Thema. Manchmal zog er sich plötzlich seine Jacke an und sagte „Ich fahre zum Friedhof. Blumen für das Grab von Pastor Heinrich. Und ein bisschen Pisse für das von Hermann“.

Er hat das nie in die Tat umgesetzt, das weiß ich. Er kam immer sehr niedergeschlagen zurück. Das einzige, was er immer wieder, bis zu seinem Tod, wiederholte, war, einen Stein auf Hermanns Grabstein zu legen. Ich glaube, um der Familie zu zeigen – wir sind noch da, und wir haben es nicht vergessen. Wiegt Euch nicht in Sicherheit. Das war die einzige Waffe, die er hatte. Einen weiteren Brief hat es aber nie wieder gegeben.

Die Wende kam zu spät für ihn. Und weißt Du Hanna, in gewisser Weise bin ich froh, dass ich ihn nicht mehr davon abhalten musste, den Hof zurückgewinnen zu wollen. Was hätte das schon gebracht. Hass und Zorn wären von neuem ausgebrochen, und wieder wäre eine Familie aus ihrer Heimat vertrieben worden. Denn das war es für sie nun einmal geworden. Eine Heimat. Was konnten die Kinder und Enkel dafür, was ihre Eltern und Großeltern vor Jahrzehnten einmal getan hatten?

Und wir? Wir wären nur von neuem isoliert gewesen und angefeindet worden, wenn wir auf unser Recht bestanden hätten, da bin ich ganz sicher. Es hätte nichts besser gemacht. Ganz im Gegenteil.

Meine liebe Hanna. Dies ist auch der Grund, warum ich Dir niemals erzählen wollte, wo unser Hof einst gelegen hat. Als Deine Mutter und später noch Dein Onkel geboren wurden, habe ich mit diesem Kapitel abgeschlossen. Ganz anders als Dein Großvater, leider. Wenn wir am Kesselberg spazierten und mit Deinen Eltern oder später auch mit Dir spielten, dann habe ich es als einen Ausflug in eine frühere Heimat empfunden, auch wenn das Grundstück, auf das wir von dort aus immer sehen konnten, nicht mehr unseres war. Aber Dein Großvater stand immer nur dort und blickte unaufhörlich über den Holzzaun in den Hof, voller Zorn, voller Verbitterung.

Diese Verbitterung Hanna, dieser Zorn, das muss alles irgendwann einmal enden. Ich will nicht, dass Dinge, die vor über sechzig Jahren passiert sind, noch heute Einfluss auf Familien und Freunde haben, die mit alledem nichts zu tun hatten und auch nicht haben sollten. Was geschehen ist, ist geschehen.

Ich weiß natürlich, wie schwierig das für Dich jetzt ist. Ich weiß, dass Du schon oft dort warst, vor allem auf den Geburtstagen von Annegret und ihrem Bruder, den Du nicht sonderlich gut leiden kannst. Mir war immer bewusst, dass Du das nicht einfach so hättest hinnehmen können. Aber Hanna, meine liebe Hanna – ich bitte Dich mit diesem Brief so innig, wie es nur irgend möglich ist: lass es ruhen. Bitte, Hanna, lass es einfach so, wie es ist. Kein Zorn mehr, keine Verbitterung. Es muss irgendwann enden, damit Neues erwachsen kann. Aus Hass wächst nur neuer Hass. Also bitte ich Dich – hasse nicht, Hanna.

Ich bin sehr müde. Gütiger, ich will gar nicht wissen, wie spät es ist. Ich hoffe aber, dass ich Dir mit diesem Brief die Gewissheit geben konnte, nach der Du gesucht hast. Aber vielmehr hoffe ich, meine geliebte Hanna, dass Du mir beim nächsten Besuch in Trebbin einfach eine große, lange Umarmung schenkst, um das, was gewesen ist, vergessen zu machen. Lass uns den ganzen Kram hinter uns lassen, ich bitte Dich darum, nur darum. Mehr will ich nicht.

Ich hoffe, wir sehen uns bald, vielleicht kommst Du ja einfach am nächsten Wochenende mal runter, für ein paar Stunden nur? Und grüß’ mir Opa, wenn Du vorbeikommst. Ich werde wohl erst wieder in drei Wochen hochfahren können.

In Liebe, Oma

Die ersten fünf Teile der Geschichte findet Ihr auf der Seite “STORY”

 

LETTERS FROM T.

PART 6 – Hermann

August 27, 2006

My dear Hanna.

It has been a long time since I sat down to write a letter to little Hanna. If I remember correctly, you were 12 or 13 years old and just on your first school trip in Burg. That was a very long time ago, and little Hanna has grown into a stately, self-confident young woman who knows exactly what she wants and knows what she is doing. At least that was the impression I always had.

But I noticed that at some point in the course of the last year you lost this certainty and determination. And that is something that should never have happened.

Since you moved to Berlin, I haven’t often had the chance to see you or talk to you in peace. I have the feeling that you are avoiding me, and I have the feeling that I am not innocent of this. I blame myself and only myself for the fact that you decided to move to Berlin. Since our conversation in the car, there has been something between us, I know that very well. Perhaps I can contribute with these lines to the fact that everything settles again. I hope it very much. You should know that.

I have settled down in here in our little kitchen, where we so often sat and laughed and played “Mensch ärgere dich nicht”, remember? I like the light from the tiny wall lamp Dori put up last year. I much prefer sitting here than in my own room. It reminds me a bit of the flat kitchen we used to sit in when we lived with my parents. The stone tiles were terribly cold, but we had running water from a copper faucet in the wall. There was a small table and two chairs by the window, and a longer table in the middle of the room where we always ate together, the whole family. 

They are memories of another time. I resigned myself long ago to the fact that I will never again sit and live in this kitchen and in this house. My dear Hanna, you should also be able to come to terms with that. But I know that you will not be satisfied with such a short explanation. But I hope very much that you can keep what is written in this letter to yourself. Because otherwise my silence over all these years has had no meaning, no meaning at all.

I know your mother has told you before about our hiding place in the church tower. Sometimes, during this horrible time, I almost wished to be discovered and shot immediately, so that this martyrdom would finally come to an end. I know it sounds terrible, but at some point it was really almost unbearable. Especially in the winters.

When the war was over, the news reached us very quickly. It was a hot day, I remember that very clearly. Pastor Meirich virtually stormed up the steps of the church tower to tell us, beaming with joy, that Colonel General Jodl had signed an unconditional surrender of the Wehrmacht. He was all sweaty and his eyes were shining, I can still see him today. “You have survived!” he said very quietly, as if there was still someone there who could discover and betray us. And then, once again, a little louder, “You made it through!” Grandpa and I looked at each other, not really knowing how to respond. Grandpa then hugged Mr. Meirich all of a sudden and they held each other for a very long time. Grandpa cried softly for a few minutes. They stood there and cried. I just sat there, not knowing what to expect when I left this tower in daylight for the first time in almost three and a half years. But it wasn’t that easy, we didn’t dare just go outside and walk around the neighborhood as if nothing had happened. We had asked Pastor Meirich to give us shelter for as long as we wanted. He agreed. He understood that it was not so easy to return to a village where the same people lived who would have betrayed us to the Gestapo or lynched us a few weeks ago.

What would they do with us? How would they meet us? What would they say? I felt safe in the church. Grandpa then began to take our provisions into his own hands. He began to trade what little we had left, trying to find work on the surrounding homesteads to somehow arrange a meal or two for us each day. Sometimes I dared to go out to the cemetery and sit on a small wooden bench right next to the church wall. Today it no longer exists, it had been very fragile even then.

When people walking past the village church looked over at me, I thought I could read it in their faces: “Jew.” That’s how they looked at me – reproachfully, bitterly, hatefully. “Jew.” Maybe I was just imagining it, I don’t know. Perhaps many simply wondered who I was at all. I didn’t dare go further than a meter away from the protective church. But then, one day, that was in August, if I remember correctly, grandpa came back to the church with a small bag of potatoes. I was sitting outside waiting for him, it was hot. He sat down with me and made it clear that we had to find a real place to stay before fall and winter came.

“It’s time.” he said, as short and to the point as he had always spoken. As clear and brave as he had always been. He was determined to go back to the farm. He knew, just as I did, what was in store for us – a home that was no longer ours. And just like me, he didn’t know what we would do when we stood in front of our farm and stared in from outside – as strangers in our home. The pastor had told us while we were still in our first tower year that another family was already living on our farm. I can’t say that it shocked me at the time, because the only goal at all during that time, was to stay alive. Everything else – house, farm, family, dreams – we had long since given up. I didn’t care who lived there. But when we learned from Meirich that the family of the then mayor of Trebbin, of all people, had moved into our farm, it was quite a blow. Hermann had always been a strict Nazi.

Our farm just belonged to Mietgendorf. Maybe you remember. When you were still small, about four or five, we were there once. We even walked very close to our old farm. Of course you didn’t know where you were and that not far from the little path we were walking on, your great-aunt Hildegard had been murdered. Just behind the Kesselberg. My father found her there and carried her home through the deep snow.

Pastor Meirich had offered to drive us there in his carriage. As much as I had become accustomed to the thought of never returning to our farm in Mietgendorf, my fear was so great when we sat on the carriage and were on our way there. It was a muggy day, with low-hanging, threatening clouds. During the ride, it was as if we were breaking out of a prison and escaping, not knowing where we could go or where to hide. Everything seemed unchanged except that we saw Russian soldiers everywhere and some farms had suffered destruction.

Pastor Meirich stopped about half a kilometer from our property. Grandpa had asked him to do so. We walked the last bit, the small dirt road through the birch avenue. It was much more rutted than I remembered. Later they leveled it once and cut down many of the birch trees, in the sixties.

On the way to the farm I held on to Grandpa. As tight as I could. I was shaking, and he was shaking too. It was raining lightly when we turned the corner of the thorn bush and then suddenly our farm was in front of us. No one was to be seen, it was completely quiet. We stood there for a long time, at a safe distance from the entrance gate, which was the same one through which we had left our farm two and a half years before. I could do nothing but cry, with fear, with grief.

But grandpa pulled me forward. I didn’t want to, but he pulled me with him. He walked closer until we were almost right in front of the front gate. It was very quiet, for quite a while. Very softly the wind blew, very faintly. I still remember it like today. And then we heard the small wooden door open to the chamber where we had always kept all the supplies and preserving jars. At first he didn’t see us, he climbed the small stairs to the hallway, relaxed, carrying something under his arm. But suddenly he noticed us. It was getting dark, and at first I was not sure if he really knew which visitors were standing there in front of his gate. But Carl-Rudolf Hermann recognized us immediately. He stopped and examined us with narrowed eyes. He still had the habitus of a National Socialist city leader, just as he stood there on the stairs. The only thing missing was a uniform.

I had the feeling of a gun barrel in my neck when I felt the cold eyes of this fat, bald man on us. Grandpa didn’t take a step back, didn’t say anything. He looked at him, unflinching. Hermann, however, continued to climb the stairs slowly, without taking his eyes off us. When he reached the door that led to the small hallway on the outside of the wall, he stopped, spat in our direction and grasped the door handle forcefully and demonstratively, opened the door, disappeared into it and slammed the wooden door shut behind him with a crash. And then, then it was silent again. Dead silent.

It took us a long time to agree on what we wanted to do and how we were going to deal with it all. For almost three and a half years we lived in a small wooden hut on Pastor Heinrich’s property. Three and a half years. We didn’t know where to go. There was nothing but misery. And hunger. And endless discussions – sometimes also with Heinrich. We discussed the possibilities we had. But it was a time when the Soviet occupiers in particular didn’t give a damn about what property claims there were among the occupied population, and they certainly weren’t interested in Jews. If you thought you were better off with the Russians, the disillusionment came very quickly.

We decided to stay there. In 1949, Grandpa found work again on one of the farms in Trebbin, with Wilhelm Thielicke, whom he still knew from their school days together in Luckau. Through him we got our first own place to live in Trebbin, a torn down stable house right at the Bohldamm, which we rebuilt in the following years. You know it. Today it is the shed at the back of the garden, next to the garages. It was our first own house in our new life. Grandpa hated it, always.

It was then very slow to get back up. For a long time I had the feeling of being isolated. Which was often due to ourselves. But because of the refugees who came from the East and had found refuge everywhere in the area, it became more and more a whole new, changed society. And the feeling of being a stranger in one’s own homeland was always put into perspective when one became acquainted with the terrible fates of many displaced persons.

I don’t remember exactly when we started, but I think it was around 1950 or 1951, when we drove out to the Kesselberg on the anniversary of Hildegard’s death to lay some flowers at the place where she had been found dead. And I remember that sometimes on our walk we also passed by the farm and looked at the property and the windows that were lit from the inside. Mostly I cried, but it was a bit like being at home. It went on like that for a few years. Always in winter, mostly in the snow. At that time it snowed much more often than nowadays.

The letter lay – I know this very well – under our door crack shortly after Christmas 1960. I was sitting at the table in the kitchen when Grandpa came in and handed it to me. To this day I can’t describe how much anger and despair was in his face when he handed me the note with a trembling hand. A very small, inconspicuous piece of paper, not really a letter. You know what it looks like. I have kept it until today, just as it was lying under our door.

Winter 1960 was the last time we were there, for a long, long time. We knew it was useless to go to the police or anyone else with that threatening note. We did not tell Mr. Meirich about it either. I kept the note, but from today’s perspective I think I should have thrown it in the oven and burned it the moment Grandpa gave it to me. Especially in the last few months, I kept thinking that. What was I saving it for. What for?

Very well. When Hermann died of pneumonia in 1978, many things relaxed. We started to go to the Kesselberg again, when time allowed. We often went there with your mother. We laid flowers. But we rarely went to the farm. We never spoke a word to the Hermann family, but the looks they gave us from the other side of the fence were telling. They knew very well who we were.

From some point on, Grandpa often spoke of having read about organizations that were taking action in the West against the expropriation of Jews during the Nazi era. And that even successfully. He started doing that, I think it was not long after Hermann’s death. It was like a signal for him, and I felt hope germinating in him. I had the feeling that the bitterness he was carrying was growing with every day and every year. Some days or evenings he knew no other subject. Sometimes he would suddenly put on his jacket and say “I’m going to the cemetery. Flowers for Pastor Heinrich’s grave. And some piss for Hermann’s”.

He never put that into practice, I know that. He always came back very dejected. The only thing he kept repeating, until he died, was to put a stone on Hermann’s gravestone. I think to show the family – we are still here, and we have not forgotten. Don’t lull yourselves into a sense of security. That was the only weapon he had. But there was never another letter.

The turn came too late for him. And you know Hanna, in a way I’m glad that I didn’t have to stop him from trying to win back the farm. What good would that have done. Hatred and anger would have erupted anew, and once again a family would have been driven from their home. For that is what it had become for them. A homeland. What could the children and grandchildren do about what their parents and grandparents had done decades ago?

And us? We would only have been isolated anew and attacked if we had insisted on our right, I am quite sure of that. It would not have made anything better. Quite the contrary.

My dear Hanna. This is also the reason why I never wanted to tell you where our farm once was. When your mother and later your uncle were born, I closed this chapter. Quite different from your grandfather, unfortunately. When we walked along the Kesselberg and played with your parents or later with you, I felt it as an excursion to a former home, even if the property we could always see from there was no longer ours. But your grandfather always just stood there and looked incessantly over the wooden fence into the yard, full of anger, full of bitterness.

This bitterness Hanna, this anger, it all has to end sometime. I don’t want things that happened over sixty years ago to still have an influence today on families and friends who had nothing to do with any of this, nor should they. What’s done is done.

I know, of course, how difficult this is for you now. I know that you have been there many times, especially at the birthdays of Annegret and her brother, whom you don’t like very much. I was always aware that you could not have simply accepted that. But Hanna, my dear Hanna – I ask you with this letter as sincerely as it is possible: let it rest. Please, Hanna, just leave it as it is. No more anger, no more bitterness. It has to end sometime, so that something new can grow. From hatred only new hatred grows. So I beg you – don’t hate, Hanna.

I am very tired. Goodness, I don’t even want to know what time it is. But I hope that with this letter I could give you the certainty you were looking for. But rather, my beloved Hanna, I hope that the next time you visit Trebbin, you will simply give me a big, long hug to make me forget what has been. Let’s put all this stuff behind us, I ask you to do that, just that. That’s all I ask.

I hope to see you soon, maybe just come down next weekend, just for a few hours? And give my regards to Grandpa when you come by. I probably won’t be able to drive up for another three weeks.

Love, Grandma

You can find the first five parts of the narration on the “STORY” page

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