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Eine Geschichte vom Mehringplatz Teil 5 – Der Engel

ILLUSTRATION: LUCIA BONTJER
TEXT: BJÖRN LEFFLER
ENGLISH VERSION: BELOW

 

DER Engel

Würdest du ihn heute erkennen? So verbaut und verändert wie er sich mittlerweile präsentiert? Wahrscheinlich würde dich wie damals der mittig emporragende Engel daran erinnern, was dieser Platz einmal gewesen war. Wie er für uns gewesen war.

Dein Blick war ungläubig. Fassungslos. Zum ersten Mal seit unserem Wiedersehen schienst du eine Art Emotion zu zeigen. Du hattest doch schon so viel Zerbombtes gesehen. Aber als er vor dir lag, schien es dir erst klar zu werden. Ein normaler, zerbombter Platz, wie viele andere auch, so schien es erst. Doch nur leicht lädiert und noch immer auffordernd in die Ferne spähend stand der Engel auf der filigranen Säule. Um ihn herum gab es nichts mehr außer Trümmerberge. Es schien, als würde er nicht richtig hineinpassen in diese Szenerie. Als sollte vielmehr der Teufel auf der Spitze der Statue thronen anstatt eines Engels.

Warum waren wir so überrascht? Die erste Mörsergranate schlug krachend in den Innenhof oder das, was davon übrig war. Anstatt in Deckung zu gehen, ranntest du. Und rissest mich am Ärmel meiner verdreckten und zerrissen Uniform mit dir. Ich verstand nicht, aber ich rannte hinterher. Schreie. Donnern, gewaltiges Donnern. Scharf pfiffen die Kugeln durch die Luft. Jeden Momente würden sie uns treffen. Ich hatte doch solche Angst, Peter, versteh das doch. Ich dachte, du seist von Sinnen, von Panik ergriffen, was weiß ich. Wir hatten den Platz fast überquert. Links von uns türmte sich ein Trümmerhaufen fast zwei Meter hoch, glaube ich. Diesmal zog ich dich. „Hör auf, Peter!“ schrie ich. „Wir müssen in Deckung gehen!“. Ich weiß es wie heute, Peter. Du sahst mich fragend an. Der Schweiß lief dir über die Stirn, während du durch den tösenden Lärm hindurch riefst: „Wir müssen weg hier, weg! Komm!“.

Warum kam ich nicht, Peter? Warum verharrte ich in der Stellung, die ja gar keine war? Wie oft habe ich es mich gefragt. Du weißt nicht wie oft, Peter. Oder weißt du es? Ist es deine Genugtuung? Dein später, innerer Vorbeimarsch? Wieder Recht behalten, wie immer? Vielleicht wären wir weggekommen, wer weiß es schon. Vielleicht war die Situation noch nicht zu verfahren. Aber Peter, hätte es nicht auch schiefgehen können? Kannst du mich nicht vielleicht ein bisschen verstehen? Kannst du es?

Der Schuss traf mich ins linke Knie. Ein Querschläger? Ein gezielter Schuss? Waren wir nicht in sicherer Deckung? Schrie ich, Peter? Ich weiß es nicht mehr. Auch an den Schmerz erinnere ich mich nicht. Erst als ich auf deinen Schultern lag, kam ich wieder richtig zu mir. Du ranntest, trotz meiner Last. Wie schnell du warst. Woher nahmst du diese Kraft?

Unser Aufprall war hart. Es muss wohl ein gezielter Kopfschuss gewesen sein. Schlaff schlug dein Körper auf dem Asphalt auf. Du lagst halb unter mir. Dein zersprungener Schädel ruhte friedlich neben mir. Ich rief deinen Namen, immer wieder. Immer wieder. Ich wusste es. Ich sah es. Begreifen aber konnte ich es nicht.

Ich weiß nicht, wer mich mitgenommen hat. Ich weiß auch nicht, warum er es tat, anstatt sein eigenes Leben zu retten. Ich wachte erst zwei Tage später in einem überfüllten Lazarett wieder auf. Es war dunkel, nachts. Ich konnte es nicht fassen, ich lebte. Ich lebte, Peter. Und du warst gegangen. Ich verfluchte meinen unbekannten Retter. Verfluche ihn, noch heute, Peter. Ist das richtig? Sicher nicht, aber es ist mir egal. Ich verlor mehr als nur ein Bein.

Er passt noch immer nicht in die Szenerie. Eine so klassische Figur, so herrschaftlich thronend, umgeben von so trostlosen Fassaden, einem so nüchternen Kreis. Es passt nicht, Peter. Genauso wie es damals nicht gepasst hat. Und doch sitze ich oft hier und schaue hoch zu ihm. Versuche ihm in die Augen zu sehen, die doch immer nur die Ferne suchen. Aber womöglich kommt er irgendwann, der Moment, in dem er auf mich niederblickt, mich seine Augen treffen. Um mich zu holen, mich endlich zu holen.

Kommst du, Peter? Kommst du endlich? Und holst mich?
Mein Engel, mein geliebter Engel.

Die ersten vier teile der Serie findet Ihr hier.
DIE ILLUSTRATIONEN ZUR GESCHICHTE SIND VON LUCIA BONTJER. MEHR ÜBER LUCIA ERFAHRT IHR HIER.

 

The Angel

Would you recognize it today? Installed and changed as it is now? Like then, the angel towering in the middle would probably remind you of what this place once was. What it was for us.

Your look was incredulous. Stunned. For the first time since we met, you seemed to be showing some kind of emotion. You’d seen so much bombed out before. But when it was in front of you, it only seemed to become clear to you. A normal, bombed place, like many others, it seemed at first. But only slightly damaged and still peering into the distance, the angel stood on the filigree pillar. There was nothing around him but mountains of rubble. It seemed like he didn’t really fit into this scene. As if the devil should be enthroned on the top of the statue instead of an angel.

Why were we so surprised? The first mortar shell crashed into the courtyard or what was left of it. Instead of taking cover, you ran. And yanked me by the sleeve of my filthy and torn uniform with you. I didn’t understand, but I ran after. Screams. Thunder, tremendous thunder. The bullets whistled sharply through the air. They would meet us any moment. I was so scared, Peter, understand that. I thought you were mad, panicked, what do I know. We had almost crossed the square. To the left of us there was a pile of rubble almost two meters high, I think. This time I pulled you. “Stop it, Peter!” I yelled. “We have to take cover!” I know like today, Peter. You looked at me questioningly. The sweat ran down your forehead as you shouted through the roaring noise: “We have to get away from here, away! Come over!”.

Why didn’t I come, Peter? Why did I stay in the position that wasn’t really any? How many times have I asked myself. You don’t know how often, Peter. Or do you know? Is it your satisfaction? Your later, inner march past? Got right again, as always? Maybe we would have gotten away, who knows. Perhaps the situation was not yet manageable. But Peter, couldn’t it have gone wrong too? Can’t you understand me a little? Can you?

The shot hit me in the left knee. A ricochet? An aimed shot? Weren’t we under safe cover? Did I scream, Peter? I do not know it anymore. I don’t remember the pain either. It wasn’t until I was on your shoulders that I really came to. You ran despite my burden. How fast you were. Where did you get this power from?

Our impact was hard. It must have been a targeted headshot. Your body hit the asphalt limply. You lay half under me. Your cracked skull rested peacefully next to me. I kept calling your name. Again and again. I knew it. I saw it. But I couldn’t understand it.

I don’t know who took me. I also don’t know why he did it instead of saving his own life. I didn’t wake up until two days later in a crowded hospital. It was dark at night. I couldn’t believe I was alive. I was alive, Peter. And you were gone. I cursed my unknown savior. Curse him today, Peter. Is that correct? Certainly not, but I don’t care. I lost more than one leg.

It still doesn’t fit into the scenery. Such a classic figure, so stately enthroned, surrounded by such desolate facades, such a sober circle. It doesn’t fit, Peter. Just as it didn’t fit back then. And yet I often sit here and look up at him. Try to look into his eyes, which are always looking far away. But it may come at some point, the moment when he looks down at me, when his eyes meet. To get me, to finally get me

Are you coming Peter? Are you finally coming? And get me?
My angel, my beloved angel.

The first four parts OF THE SERIES YOU CAN FIND HERE.
THE ILLUSTRATIONS OF THE STORY ARE BY LUCIA BONTJER. MORE ABOUT LUCIA YOU CAN READ HERE.

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