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Die Stadt, die immer wird und niemals ist.

Eine Geschichte vom Mehringplatz Teil 4 – Der Kiosk

ILLUSTRATION: LUCIA BONTJER
TEXT: BJÖRN LEFFLER

 

Der Kiosk

Du musst es flüstern, Peter. Flüstern.
Berlin. Berlin. Immer wieder leise: Berlin.

Weißt du noch, als es nichts mehr war? Nicht mehr als ein Flüstern? Nicht mehr als ein verschwommener Schatten seiner selbst, ein zerbrochener, schwach pulsierender Krug, der einst golden geglänzt hatte. Ich erkannte es kaum wieder, Peter. Und musste mich so oft fragen, wo ich war und welches Gebäude, welche Kirche hier einmal gestanden hatte. Ich fand mich nicht zurecht.

Aber ich hatte dich gefunden.
Du hattest eine Weile gebraucht, um mich zu erkennen. Sah ich wirklich so schlimm aus, Peter? So schlimm wie du? Du schienst fast überrascht zu sein, mich lebend zu treffen. Dabei hattest du doch wieder einmal Recht behalten. Und deine trüben Augen begannen ganz langsam zu funkeln. Deine Umarmung war schwach. Du hattest gerade geschlafen, glaube ich. Wenn das überhaupt möglich war in diesen Tagen.

Bei Dussmann habe ich eins gefunden, Peter. Es sieht nicht ganz so aus wie jenes, das du damals so gerne betrachtet hast. Aber viele Bilder glichen sich. Ihr lasziver Blick auf dem Titelbild, es ist das gleiche Foto, glaube ich. Ich habe es gekauft, für dich, in Vertretung sozusagen. Du würdest sie immer noch lieben, nicht wahr? Sie kam nicht zurück, Peter. Auch nicht nach dem Krieg. Was die Nazis nicht geschafft hatten, schaffte auch niemand danach. Sie blieb erst bei den Amerikanern, später lebte sie dann lange in Paris. Wärst du hingefahren? Nur um die Möglichkeit zu haben, sie zu sehen, sie zu suchen, sie zufällig auf der Straße zu treffen? Ihre Nähe zu spüren?

Du warst ein ewig Suchender, Peter. Immer auf der Suche nach dem Perfekten, nicht wahr? Die perfekte Frau, die perfekte Stadt, die perfekten Ideale. Aber es waren nicht die perfekten Ideale, das hast du sehr schnell begriffen. Wir ahnten so vieles. Aber glaube mir, es kam um so vieles schlimmer als wir es uns ausmalen konnten. Nach dem Krieg kam es alles raus, Stück für Stück. Jahr für Jahr. Diese
Bilder aus den Lagern, Peter. Unbeschreiblich. 

Hatte es das Schicksal so gewollt? Deine Einheit hatte sich der unseren auf dem Rückzug angeschlossen. Du humpeltest. Es waren deine Zehen. Erfroren, sagtest du. Aber es schien dir nichts auszumachen. So fremdartig kalt und gleichgültig warst du. Aber hätte es anders sein können? Hätte ich etwas anderes erwarten sollen? Sicher warst du glücklich, mich zu sehen. Sicher konntest du es einfach nicht zeigen. Sicher hätte das die Zeit gebracht, nicht wahr?

Sie starb erst 1992. Ich glaube, es war Mai. Ein trüber Mai. Irgendwie traf es mich hart. Man hatte so lang, fast Jahrzehnte, kaum etwas von ihr gehört. Aber als ich die Nachricht erhielt, war ich auf eigenartige Art und Weise schockiert. Es war in Potsdam. Ich hatte einen meiner ausgedehnten Schlossparkspaziergänge gemacht. Ja, die mache ich immer noch. Auch allein.

Ich las es an einem Kiosk. Glücklicherweise war ich schon fast am Auto. Ich konnte es nicht zurückhalten, Peter. Ich weinte. Um dich. Es war, als wärst du noch einmal gestorben. In diesen Tagen und Nächten im Mai ’92 lief ich ziellos durch die Straßen. Erforschte viele kleine Gassen,
suchte die dunkelsten Ecken. So, wie wir es oft getan hatten, weißt du noch?

Ich sah uns vor den Fassaden stehen. Sie studieren, sie skizzieren. Es war ganz merkwürdig, wie in einem alten Film.
Ich sah uns schwarzweiß, verblasst.

Teil 1, 2 und 3 der Serie findet Ihr hier.
DIE ILLUSTRATIONEN ZUR GESCHICHTE SIND VON LUCIA BONTJER. MEHR ÜBER LUCIA ERFAHRT IHR HIER.

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