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Nachnutzung des Flughafens Tegel: Constanze Döll im Interview

© Foto: Gerhard Kassner

Sechs Monate nach Eröffnung des Flughafens BER in Schönefeld wird der Flughafen Tegel endgültig geschlossen. Nach aktuellem Planungsstand wird also ab Mai 2021 aus dem Flughafengelände im Norden Berlins eines der größten Stadtentwicklungsprojekte seit der Wiedervereinigung.

Auf dem Areal sollen in den folgenden Jahren ein Forschungs- und Industriepark für urbane Technologien (“Berlin TXL – The Urban Tech Republic”) sowie ein neues Wohnviertel (“Schumacher Quartier”) entstehen. Zudem wird ein etwa 200 Hektar großer Landschaftsraum entstehen. Mit der Entwicklung, Betreuung und Koordination dieses  Stadtentwicklungsprojekts hat der Berliner Senat die Tegel Projekt GmbH beauftragt.

Wir hatten die Gelegenheit, mit Constanze Döll, Pressesprecherin der Tegel Projekt GmbH, über die ganz konkrete Umsetzung dieses visionären wie großformatigen Stadtentwicklungsprojektes zu sprechen und mit ihr auszuloten, wo die Unterschiede zur Nachnutzung des Flughafengeländes in Tempelhof liegen.

ENTWICKLUNGSSTADT: Liebe Frau Döll, erst einmal vielen Dank, dass Sie sich Zeit für die Beantwortung unserer Fragen nehmen. Wir haben bereits am 12. Oktober über das Projektvorhaben berichtet, auf dem Gelände des Flughafen Tegel einerseits einen Forschungs-, Wissenschafts-, und Arbeitscampus und andererseits ein Wohnquartier zu errichten.
Die erste unserer Fragen schaut eher zurück als nach vorn: Wann gab es die ersten Überlegungen für eine solche Nachnutzung des Flughafengeländes?

Constanze Döll: Bereits 2008, in diesem Jahr fand die erste Standortkonferenz für den Zukunftsraum Tegel statt. Und danach wurden in einem mehrstufigen Verfahren die Grundlagen für die Umsetzung des sogenannten „Forschungs- und Industrieparks für Zukunftstechnologien“ erarbeitet. Nach der zunächst ergebnisoffenen Suche nach der richtigen Nachnutzung lag 2012 schließlich der Masterplan als Ergebnis vor und die Idee der „Urban Tech Republic“ konnte planerische Gestalt annehmen.

Die Umsetzung des Projekts hängt direkt mit der Eröffnung des BER zusammen, der planmäßig am 31. Oktober 2020 vom Netz gegangen ist – mit achtjähriger Verspätung. Welche Auswirkungen hatten diese Verzögerungen auf das sogenannte Projekt „Berlin TXL“, außer dass Sie sich im erzwungenen Wartezustand befanden?

Wir haben die Zeit gut genutzt, haben unsere Konzepte verfeinert und die Planungen vorangebracht. Planungen dieser Größe und Komplexität sowie die Schaffung der entsprechenden planungsrechtlichen Rahmenbedingungen sind ein mehrjähriger Prozess, hieran konnten wir auch gut „aus der Ferne“ weiterarbeiten. Sicher gab es bei all diesen Verzögerungen auch ernüchternde Momente. Dem Projekt hat die gewonnene Zeit aber sicher gut getan; das wird sich in vielen Details bemerkbar machen.

Zukunftsvision: Auf dem Gelände des Flughafens Tegel soll ein Wohnquartier und Forschungs-, Wissenschafts- und Arbeitscampus entstehen. Geplante Entwicklungszeit: 20 bis 30 Jahre.

Welches werden die nächsten Schritte sein, nachdem der Umzug vom Flughafen Tegel nach Schönefeld vollständig abgeschlossen ist?

Bis wir auf das Gelände können, muss der Flughafen erstmal ausziehen: Die Flughafengesellschaft wird den Airport noch ein halbes Jahr betriebsbereit halten – das ist verwaltungsrechtlich so vorgesehen – und im Anschluss daran eventuell noch sicherheitsrelevante Anlagen zurückbauen. Wir rechnen damit, dass wir zwischen Mai und August 2021 übernehmen können. Die ersten Schritte werden dann zum Beispiel sein, das Gelände zu sichern, die Baustellenlogistik einzurichten und Baustraßen herzustellen. Und wir werden das Informationsangebot vor Ort noch ausweiten und ein Infocenter eröffnen. Mit der Sondierung von Altlasten und Kampfmitteln haben wir bereits begonnen; die werden ggf. entfernt, bevor es dann 2022 mit den ersten Tiefbauarbeiten losgehen kann.

“Der Bildungscampus und die ersten Wohngebäude im Schumacher Quartier werden voraussichtlich bis 2027 fertig sein.”

Viele Beobachter*innen halten es für möglich, dass es auf dem Flughafengelände Tegel einen ähnlichen Zustand geben könnte wie auf dem heutigen „Tempelhofer Feld“, also eine vollständige Erhaltung der Flächen in ihrem jetzigen Zustand ohne bauliche Veränderungen. Warum wird das dort nicht passieren?

Weil es bereits lange vor der Schließung des Flughafens einen klaren politischen Auftrag zur Nachnutzung, einen konsensual entwickelten Masterplan und einen breit angelegten partizipativen Prozess gab. Dies alles war Grundlage dafür, dass das Nutzungskonzept steht, die Pläne fertig sind und wir nur noch auf offiziellen Startschuss warten, um mit dem ersten Bauabschnitt beginnen zu können.

Gibt es eine verlässliche Einschätzung darüber, welche Bauzeit für die drei geplanten Projekte – die Schaffung der „Urban Tech Republic“, der Aufbau des „Schumacher Quartiers“ sowie die Anlage von Grünflächen und Parkanlagen – zu erwarten ist?

Wir rechnen mit einem Realisierungszeitraum von ca. 20 bis 30 Jahren. Der Bildungscampus und die ersten Wohngebäude im Schumacher Quartier werden voraussichtlich bis 2027 fertig sein; die letzten in den 2030er Jahren. Ebenso der Quartiers- und Landschaftspark. Das Baugeschehen in der Urban Tech Republic wird vermutlich weitere zehn Jahre andauern, kann aber – je nach konjunktureller Lage – auch weniger oder mehr Zeit in Anspruch nehmen. Wirklich „fertig“ wird der Forschungs- und Industriestandort nie sein – er wird sich agil entwickeln und sein Gesicht auch stetig wandeln.

Liebe Frau Döll, wir danken Ihnen für das Gespräch und drücken Ihnen die Daumen für die Umsetzung des Projekts.

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© Grafiken: Tegel Projekt GmbH

Zukunftsvision Wohnen: Visualisierung des Schumacher Quartiers

Zukunftsvision Forschung: Visualisierung der “Urban Tech Republic”

 

Six months after the opening of BER Airport in Schönefeld, Tegel Airport will be closed for good. According to current planning, the airport site in the north of Berlin will become one of the largest urban development projects since reunification, starting in May 2021.

In the following years, a research and industrial park for urban technologies (“Berlin TXL – The Urban Tech Republic”) and a new residential area (“Schumacher Quartier”) are to be built on the site. In addition, a landscape area of about 200 hectares will be created. The Berlin Senate has commissioned Tegel Projekt GmbH to develop, supervise and coordinate this urban development project.

We had the opportunity to talk to Constanze Döll, press spokeswoman of Tegel Projekt GmbH, about the very concrete implementation of this visionary and large-scale urban development project and to sound out with her where the differences to the subsequent use of the airport site in Tempelhof lie.

ENTWICKLUNGSSTADT: Dear Ms. Döll, first of all, thank you very much for taking the time to answer our questions. We already reported on October 12th on the project plan to build a research, science and work campus on the Tegel Airport site on the one hand and a residential area on the other.
The first of our questions looks back rather than forward: When were the first considerations for such a subsequent use of the airport site?

Constanze Döll: The first location conference for the Tegel region of the future took place in 2008. In a multi-stage process, the foundations for implementing the so-called “Research and Industrial Park for Future Technologies” were worked out. After an initially open-ended search for the right subsequent use, the master plan was finally presented in 2012 and the idea of the “Urban Tech Republic” could take shape.

The implementation of the project is directly linked to the opening of the BER, which went off the grid as planned on October 31, 2020 – with an eight-year delay. What effects did these delays have on the so-called “Berlin TXL” project, apart from the fact that you were in a forced waiting state?

We made good use of the time, refined our concepts and made progress with the planning. Planning of this size and complexity, as well as the creation of the corresponding planning law framework, is a process that takes several years, and we were able to continue working on it well “from a distance”. There were certainly difficult moments in all these delays. But the time gained has certainly been good for the project; this will be reflected in many details.

What will be the next steps once the move from Tegel Airport to Schoenefeld is complete?

The airport will have to move out before we can enter the grounds: The airport company will keep the airport operational for another six months – this is provided for under administrative law – and then possibly dismantle any security-relevant facilities. We expect to be able to take over between May and August 2021. The first steps will then be to secure the site, set up construction site logistics and build site roads, for example. And we will expand the range of information on site and open an information center. We have already begun sounding out contaminated sites and explosive ordnance; these will be removed if necessary before the first civil engineering work can begin in 2022.

“THE EDUCATION CAMPUS AND THE FIRST RESIDENTIAL BUILDINGS IN THE SCHUMACHER QUARTIER ARE EXPECTED TO BE COMPLETED BY 2027.”

© Foto: Gerhard Kassner

Many observers believe that it is possible that the Tegel airport site could be in a similar condition to today’s “Tempelhofer Feld”, i.e. that the areas could be completely preserved in their current state without structural changes. Why will this not happen there?

Because long before the airport was closed, there was a clear political mandate for subsequent use, a consensually developed master plan and a broad-based participatory process. All of this was the basis for the utilization concept to be in place, the plans to be ready and we are only waiting for the official go-ahead to start the first phase of construction.

Is there a reliable estimate of the expected construction time for the three planned projects – the creation of the “Urban Tech Republic”, the development of the “Schumacher Quartier” and the creation of green spaces and parks?

We expect a realization period of about 20 to 30 years. The education campus and the first residential buildings in the Schumacher Quartier are expected to be completed by 2027; the last ones in the 2030s. The same applies to the neighborhood and landscape park. Construction work in the Urban Tech Republic will probably continue for another ten years, but may take less or more time, depending on the economic situation. The research and industrial location will never really be “finished” – it will develop in an agile manner and its face will also change constantly.

Dear Ms. Döll, we thank you for the interview and keep our fingers crossed for the implementation of the project.

© Graphics: Tegel Project GmbH

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