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Herthas Stadionpläne: Der Senat spielt auf Zeit – und mit dem Feuer.

Ein Kommentar von Björn Leffler

Über den vom Fußball-Bundesligisten Hertha BSC gewünschten Bau eines neuen, reinen Fußballstadions ist in den vergangenen Monaten und Jahren viel geschrieben und berichtet worden. Anfangs gab es mehrere Alternativen, die Hertha und der Senat gemeinsam ausgelotet haben. Zeitweise war auch ein Umbau des Olympiastadions in ein reines Fußballstadion eine denkbare Option.

Der Berliner Senat hat jedoch die Ambitionen Herthas ausgebremst und vertraut darauf, dass der Verein seinen Mietvertrag  im landeseigenen Olympiastadion verlängern wird. Hertha BSC hat natürlich ganz andere Pläne. Aber das Vorhaben, ein neues Stadion in direkter Nachbarschaft zum Olympiastadion zu errichten, nämlich im Olympiapark, scheiterte daran, dass das benötigte Grundstück mit 24 bestehenden Wohnbauten – zweigeschossige Klinkerbauten aus den 70er Jahren – von der Wohnungsbaugenossenschaft nicht an Hertha veräußert wurde. Der Senat steht dem Vorhaben des Vereins mittlerweile offen ablehnend gegenüber und prüft halbherzig Standorte im Berliner Norden. Vermutlich spielt die Berliner Landespolitik damit aber nur auf Zeit, so dass Hertha letztlich gezwungen ist, den bis 2025 laufenden Mietvertrag zu verlängern.

Der Berliner Senat spielt auf Zeit

Dass der Olympiapark der optimale Standort für einen solchen Stadion-Neubau ist, scheint in Senatsverwaltung für Inneres und Sport aktiv ignoriert zu werden. Die Chancen für eine dringend notwendige, aktive Weiterentwicklung des – bis auf das sanierte Olympiastadion – in großem Umfang ungenutzen Olympiaparks, wollen einfach nicht gesehen werden. Der Senat fürchtet schlichtweg um die Mieteinnahmen für das Olympiastadion, anstatt gemeinsam mit Hertha BSC, der Messe Berlin und weiteren Veranstaltungsgesellschaften Ideen für Kooperationen zur Nutzung beider Stadien zu entwickeln. Kreativität und Mut sind nicht die Dinge, für die die Rot-rot-grüne Landesregierung aktuell steht. Von Großprojekten lässt man lieber die Finger und versucht, Berlin so klein wie möglich zu halten, was sich auch an anderen städtebaulichen Projekten zeigt.

Eine andere, durchaus realistische Option wurde ebenfalls bereits abgetan, ein möglicher Stadion-Neubau auf dem riesigen, fast ganzjährig ungenutzten Maifeld, direkt neben dem Olympiastadion. Das einst von den Nationalsozialisten als Aufmarschfeld konzipierte Freifeld wäre eine ideale und auch optisch attraktive Baufläche. Hier spräche allerdings der Denkmalschutz dagegen, heißt es aus Senatskreisen. Die Sichtachse zum Glockenturm müsse gewahrt bleiben.

Diese Sichtachse war es schon 2004, die dem heutigen Olympiastadion ein zum Glockenturm offenes Dach bescherte. Durch diese Öffnung zum Maifeld hin konnte sich die Dachkonstruktion nicht selbst tragen und musste im Oberring mit massiven Dachstützen verstärkt werden. Ein architektonisches Ärgernis, welches dem Hauptnutzer Hertha BSC bis heute tausende, unattraktive Sitzplätze beschert, von denen der Besucher das Spielfeld nur stark sichtbehindert einsehen kann. Bis auf wenige Spiele im Jahr bleiben diese Plätze meist frei.

Das ewige Diktat des Denkmalschutzes

Fraglich ist, wie lange man sich vom Denkmalschutz zukunftsweisende und sinnvolle Weiterentwicklungen des Areals diktieren lassen möchte. Auf der letzten Mitgliederversammlung von Hertha BSC sagte selbst Ex-Herthaspieler Axel Kruse, er könne nicht verstehen, „warum die Sichtachse eines Nazi-Bauwerks schützenswert“ sei.

Aber selbst dieses Problem ließe sich leicht lösen, und zwar mit einem Kniff, der während des Baus des Olympiastadions von 1934-1936 schon genutzt wurde. Die altehrwürdige Arena ist zu 60% in die Erde eingelassen. Nur der Oberring befindet sich oberhalb des Baugrunds. Würde man ein mögliches neues Stadion ebenfalls in die Erde einlassen und nur das letzte Stück des Daches oberirdisch belassen, wäre die Sichtachse zum Glockenturm gewährleistet (siehe Abbildung).

Vermutlich ist aber auch dies nur eine erneute Ausrede, um den ungewollten Neubau nicht angehen zu müssen. Im Berliner Senat scheint man noch immer nicht erkannt zu haben, dass bei Hertha BSC seit dem Einstieg des finanzstarken Investors Lars Windhorst die Zeiten von Understatements und Mutlosigkeit vorbei sind. Windhorsts Team, darunter der aktuelle Trainer Jürgen Klinsmann, wollen Hertha BSC zu einem großen europäischen Club umbauen, der in wenigen Jahren in einem eigenen, reinen Fußballstadion spielen soll. Dies wird anvisiert, um den Verein wettbewerbsfähiger und für hochkarätige Spieler attraktiver zu machen und ihn in die europäische Spitze zu führen. Das ist das erklärte Ziel des Investors und auch Klinsmanns.

Herthas Ambitionen sind nicht an Berlin gebunden

Der Berliner Senat scheint sich sehr sicher zu sein, dass Hertha BSC in Berlin bleiben wird, auch wenn dem Verein ein Stadion-Neubau verwehrt wird. Dass sich Lars Windhorst wenig um die Befindlichkeiten der Hertha-Mitglieder kümmern dürfte, darf vermutet werden. Wenn sich ein attraktiver Standort in Brandenburg findet, würde Hertha mit hoher Wahrscheinlichkeit sein Stadion dort bauen. Die Zustimmung der Mitglieder braucht der Verein laut Satzung dafür nicht.

Der Berliner Senat, insbesondere Innen- und Sportsenator Andreas Geisel, wären gut beraten, über die innerstädtischen Optionen noch einmal gründlich nachzudenken. Lars Windhorst ist nicht für seine übermäßige Geduld bekannt.

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2 Kommentare

  1. Stevie Januar 9, 2020

    Messerscharf analysiert!
    Der Berliner Senat, hatte niemals und wird niemals die Absicht haben, Hertha BSC ein Grundstück für neues Stadion in Berlin zu verpachten oder zu verkaufen. Nach geleakten, internen Infos, hat Senator Geisel keine Interesse daran und wird auch weiterhin alles tun um einen Neubau in Berlin zu verhindern.

  2. K.Beyer Januar 9, 2020

    Sehr guter Beitrag. Das Olympiagelände ist DAS Sportgelände Deutschlands, wenn nicht sogar Europas. Hier muss sich Wohnen und Denkmalschutz unterordnen. Hier gehört dass von Hertha finanzierte Stadion hin.
    Es macht keinen Sinn, schon gar nicht unter dem Aspekt der Verkehrswende einen neuen Verkehrshotspot beispielsweise auf dem Festplatzgelände zu schaffen.
    Das Olympiagelände ist mit dem ÖPNV seit bald 100 Jahren voll erschlossen. Hier muss, entgegen dem Festplatz, zudem kein Cent Steuergeld in eine Anbindung gesteckt werden. Die Politik muss sich die Frage stellen lassen, wieviel Berlin darf es noch sein? Wenn Hertha nicht in Berlin bauen darf, wird ein gutes Stück Berlin entweder die Stadt verlassen oder Dank des Wettbewerbsnachteil nachhaltig geschädigt. Das Maifeld ist für die Bebauung prädestiniert. Die Sichtachse kann erhalten bleiben und die ehemalige Aufmarschfläche der Nazis erhält einen wirklichen Sinn. Synergieeffekte könnten genutzt werden. Polo, Cricket und Pyronale kann ohne großen Aufwand auch woanders stattfinden. Das Olympiagelände ist nicht der private Hinterhof weniger Anwohner, sei es Mieter oder Ruhlebener Eigenheimbesitzer. Das Olympiagelände gehört dem Sport. Auffällig ist, dass sich einige nicht in Berlin sozialisierte Politiker*innen, scheinbar aus Prinzip gegen Hertha stellen. Ich erwarte aber von der Berliner Politik ein hohes Maß an lösungsorientierten Handeln. Bisher kam nur „geht nicht, wollen wir nicht, können wir nicht.“ Von Hertha erwarte ich die nötige Transparenz. Die Zeit drängt. Die politischen Entscheider müssen sich an ihren Tun messen lassen und das ist bisher herzhaft wenig.

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