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Martin Bez im Gespräch zum Neubau am Schloss Charlottenburg

Im Februar berichteten wir über das Vorhaben, am Schloss Charlottenburg ein neues Besucherzentrum zu errichten. Nun hatten wir die Gelegenheit, mit dem verantwortlichen Architekten, Martin Bez, ausführlich zum Projekt zu sprechen.

So soll das neue Besucherzentrum am Schloss Charlottenburg aussehen, das ab 2024 gebaut wird.

© Visualisierungen: bez+kock architekten

 

Rund 400.000 Besucherinnen und Besucher sind es jährlich, die sich das historische Schloss Charlottenburg im gleichnamigen Berliner Stadtteil ansehen möchten. Ein neues Besucherzentrum wird daher dringend benötigt, um die Empfangssituation am Schloss zu verbessern.

Geplant ist es, im neuen Besucherzentrum unter anderem den Ticketverkauf und einen Museumsshop unterzubringen. Zudem soll ein umfangreiches Informationsangebot für die Gäste geschaffen werden, auch Räume für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie ein Empfang. Der Entwurf des Gebäudes kommt vom Architekturbüro bez+kock architekten.

Wir konnten mit Architekt Martin Bez, Geschäftsführer des Büros, zu diesem Projekt etwas ausführlicher sprechen.

 

ENTWICKLUNGSSTADT BERLIN: Sehr geehrter Herr Bez, vielen Dank erst einmal, dass Sie uns Ihre Zeit für ein kurzes Interview widmen. Zu Beginn würden wir gern erst einmal wissen, wo eigentlich die Schwerpunkte Ihrer Arbeit liegen. Auf welche Projekte ist Ihr Büro spezialisiert, was reizt Sie besonders?

Antwort Martin Bez: Unser Hauptinteresse gilt dem öffentlichen Bauen. Wir beschäftigen uns leidenschaftlich mit den Häusern, die unsere Gesellschaft für ihr Gemeinwesen errichtet. In der Regel sind dies Häuser, die zum elementaren Bestandteil des öffentlichen Stadtraumes werden und somit das Erscheinungsbild unserer Städte prägen. Darüber hinaus sind dies zumeist Häuser, bei denen das Gebäudeinnere öffentlich zugänglich ist, so dass der Stadtraum im Inneren seine Fortsetzung findet. Diese Bauaufgaben sind äußerst vielfältig und reichen vom Kindergarten bis zur Hochschule, von der Stadthalle bis zum Rathaus, von der Bibliothek bis zur Kirche, vom Konzerthaus bis zum Museum. Der Reiz besteht für uns darin, für jede dieser sehr unterschiedlichen Aufgabenstellungen eine spezifische, architektonische Antwort zu finden.

Der Neubau des Besucherzentrums am Schloss Charlottenburg ist ein durchaus herausforderndes Projekt, da der Umgang mit historischen, denkmalgeschützten Gebäuden häufig nicht einfach ist. Welchen Ansatz haben Sie bei Ihrem architektonischen Konzept verfolgt?

Die Wertschätzung für historische Gebäude ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich angewachsen. Dies zeigt sich auch darin, dass wir es aktuell bei etwa der Hälfte unserer Projekte mit denkmalgeschützten Bestandsgebäuden zu tun haben. Natürlich liegt darin eine besondere Herausforderung. Es ist deutlich mühsamer, sich mit einem Altbau zu beschäftigen, als einen Entwurf völlig frei von historischen Referenzen definieren zu können. Hinzu kommt, dass sich die Altbauten oft zunächst weder funktional noch technisch besonders gut für die neuen Anforderungen zu eignen scheinen.

Und doch liegt gerade in der Auseinandersetzung mit dem Vorhandenen ein enormes, inspirierendes Potenzial. Die neu hinzukommenden Elemente entstehen durch das Zusammenspiel von Alt und Neu und sind dadurch weniger beliebig. Für uns liefert der Bestand sehr häufig den entscheidenden Impuls für das architektonische Konzept. Dies kann auf verschiedenen Ebenen geschehen: der Typologie, des Raums, der Proportion oder der Materialität. Beim Besucherzentrum für das Schloss Charlottenburg haben wir uns von der eleganten Architektur der historischen Orangerien inspirieren lassen. Diese verbinden konstruktive Leichtigkeit und seriellen Rhythmus mit einer narrativen Bildhaftigkeit, die für uns sehr gut an diesem geschichtsträchtigen Ort vorstellbar erschien – ohne dabei in Konkurrenz zum eigentlichen Schloss zu treten.

„Die Wertschätzung für historische Gebäude ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich angewachsen.“

So stellen sich die Projektplaner das zukünftige Empfangszentrum von innen vor. Hier soll auch ein Bistro und der Museumsshop untergebracht werden.

Die Visualisierung Ihres Entwurfs zeigt ein filigranes, transparentes Gebäude. Wie stellen Sie sicher, dass auch der fertige Bau diese Transparenz und, nennen wir sie ruhig „Durchsichtigkeit“, erhält und nicht zum spiegelnden „Glaskomplex“ wird?

Die Transparenz des Besucherzentrums ist für uns von zentraler Bedeutung. Schließlich geht es darum, eine einladende Geste für die Besucher zu formulieren. Der Pavillon ist quasi das Schaufenster für den Museumsshop, den Ticketverkauf und das Bistro. Um diese Transparenz ohne überzogene Gebäudetechnik erreichen zu können, werden wir uns im Zuge der weiteren Planung sehr intensiv mit dem Thema des Sonnenschutzes befassen. Dabei wird sicherlich der umlaufend vorgeblendeten Eisenkonstruktion eine wesentliche Rolle als Filterschicht zukommen.

Welche Materialien werden bei dem Bau vorwiegend zum Einsatz kommen?

Das Gebäude soll als schlanke Stahlskelettkonstruktion aus Stützen und Trägern realisiert werden, auf die wir vorgefertigte Bögen aus Stampflehm als Deckenkonstruktion auflegen wollen. Diese knüpfen an die Tradition der preußischen Kappendecken an und bringen wertvolle, thermische Speichermasse in das leichte Gebäude. Die Kernzonen sollen ebenfalls in Stampflehm errichtet werden – sie nehmen große Teile der dienenden Räume und Installationen auf.

Darüber hinaus wird die charaktervolle Lehmoberfläche die besondere Atmosphäre des Innenraums mit ihren haptischen Qualitäten prägen. Umhüllt wird das Gebäude von einer filigranen Glaskonstruktion, die wiederum umlaufend der vorhin erwähnten, eisernen Konstruktionsschicht vorgelagert wird. Die eisernen Balustraden, Stützen und Balkone orientieren sich mit ihrer dunkelgrünen Farbigkeit und dem schmiedeeisernen Duktus an den prägnanten Zaunanlagen, die das gesamte Areal des Schlosses Charlottenburg umrahmen.

„Die Transparenz des Besucherzentrums ist für uns von zentraler Bedeutung. Schließlich geht es darum, eine einladende Geste für die Besucher zu formulieren.“

Gibt es in Berlin derzeit noch weitere Projekte, an denen Sie arbeiten oder für die Sie sich bewerben? Welche Themen würden Sie in der Hauptstadt besonders reizen?

Derzeit haben wir kein weiteres Projekt in Berlin. Wir beteiligen uns jedoch regelmäßig an den spannenden Wettbewerbsverfahren, die hier ausgelobt werden. So haben wir beispielsweise im vergangenen Jahr einen Beitrag zur Neugestaltung der Eingangssituation am Bundespräsidialamt eingereicht. Aktuell bearbeiten wir den Wettbewerb für die Gipsformerei der Staatlichen Museen zu Berlin / Stiftung Preußischer Kulturbesitz, nur wenige hundert Meter vom Schloss Charlottenburg entfernt.

Sehr geehrter Herr Bez, wir danken Ihnen für das Gespräch!

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