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Wiederaufbau: Senat unterstützt Signa-Projekt am Hermannplatz

Das umstrittene Immobilienprojekt des österreichischen Bauunternehmens Signa am Neuköllner Hermannplatz erhält vom neuen Berliner Senat Unterstützung. Nach historischen Vorbild soll das Karstadt-Gebäude kernsaniert und baulich erweitert werden.

So stellt sich das Unternehmen Signa den Wiederaufbau des historischen Karstadt-Gebäudes am Hermannplatz in Neukölln vor. Auf dem Dach des Gebäudes soll eine 4.000 Quadratmeter große Dachterrasse entstehen.

© Visualisierungen: Signa

 

Es ist unlängst Bewegung gekommen in das viel diskutierte Vorhaben des Signa-Konzerns, am Neuköllner Hermannplatz in Berlin das historische Karstadt-Gebäude in seinen ursprünglichen Dimensionen wieder auferstehen zu lassen.

Im Rahmen der jetzt laufenden Koalitionsverhandlungen über eine neue, SPD-geführte Landesregierung wurde bekannt gegeben, dass auch der neue Berliner Senat das Projekt an der Grenze zwischen Neukölln und (Friedrichshain-)Kreuzberg unterstützt.

Einigung zwischen Signa und Berliner Senat bereits im September 2020

Es ist keine gänzlich neue Situation, die hier entsteht. Bereits im September 2020 hatten sich der Berliner Senat und das Immobilienunternehmen darauf geeinigt, dass die von Signa in Berlin angestrebten Baupläne umgesetzt werden können.

Im Gegenzug sicherte Signa zu, vier Warenhäuser, die ursprünglich geschlossen werden sollten, weiter zu betreiben. Zudem sollen drei der vier Häuser für mindestens weitere drei Jahre offen bleiben, eines sogar für fünf Jahre.

Ursprünglicher Plan: Abriss des bestehenden Gebäudes und Neubau

Neben dem Bau eines 134-Meter Hochhauses am Alexanderplatz sind von diesem Deal auch die Signa-Hochhauspläne in der City West und eben das Karstadt-Projekt am Hermannplatz betroffen. Signa hatte ursprünglich geplant, das heute bestehende Gebäude abzutragen und in Betonbauweise in seinen ursprünglichen Ausmaßen von 1929 wieder zu errichten.

Nachdem jedoch vermehrt Kritik daran aufkam, das bestehende Gebäude komplett abzureißen, wurde in Absprache mit Architekt David Chipperfield, der das architektonische Konzept für den Wiederaufbau lieferte, eine energiesparende Alternative gewählt. Chipperfield hat in Berlin unter anderem die James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel entworfen.

Diese sieht vor, den Bestandsbau zu entkernen, sein Stahlbetonskelett zu sanieren und den Bau dann zu erweitern. Denn Probebohrungen haben ergeben, dass der Beton selbst nach 100 Jahren noch tragfähig und stabil ist.

Die Aufstockung des Gebäudes soll mit dem Baustoff Holz erfolgen

Als Material für die geplante Aufstockung des Gebäudes auf Vorkriegshöhe um drei Stockwerke und die zwei markanten Türme soll der Baustoff Holz verwendet werden.

Im Vergleich zur herkömmlichen Bauweise sollen sich die Kohlendioxidemissionen dadurch um 70 Prozent und der Baustellenverkehr um 60 Prozent reduzieren lassen. Die Holzkonstruktion soll jedoch von außen nicht sichtbar sein.

Neues Fassadenkonzept: Rote Ziegel statt Muschelkalk

Die Fassade soll nach aktuellem Planungsstand mit Ziegeln verblendet werden und nicht mehr, wie in den bisherigen Visualisierungen gezeigt, mit grauem Muschelkalk oder Beton. Wenn alles reibungslos verläuft, inklusive Bebauungsplanverfahren mit öffentlicher Beteiligung, könnten ab 2023 die vorbereitenden Arbeiten beginnen und der Bau bis 2027 fertiggestellt werden.

Weil die Umgestaltung des Hauses als Projekt „gesamtstädtischer Bedeutung“ gilt, hatte der Senat bereits vor rund einem Jahr die Planungshoheit an sich gezogen. Zuvor hatte Baustadtrat Florian Schmidt (Die Grünen) aus dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, auf dessen Boden das Kaufhaus steht, das Vorhaben mehrfach abgelehnt.

Ersatzstandort für das Kaufhaus während der Umbauarbeiten

Während der Bauarbeiten wird es keinen Verkaufsbetrieb im Gebäude geben. Dieser soll allerdings an einem Ersatzstandort weiterlaufen, der derzeit gesucht werde. Wo sich dieser befinden wird, ist im Moment aber noch nicht bekannt.

Die Größe der heutigen Verkaufsfläche von rund 30.000 Quadratmetern will Signa in etwa beibehalten. Auch Laden- und Produktionsflächen für lokale Unternehmen sollen geschaffen werden. Der Großteil der neu entstehenden Räume soll für Büros, Praxen und andere Einrichtungen genutzt werden.

Auch bezahlbare Wohnungen sollen im Neubau entstehen

Stehen bleiben soll der denkmalgeschützte Teil des Gebäudes an der Straße Hasenheide, das den Zweiten Weltkrieg weitgehend unbeschadet überstanden hat. Teil des Projekts sollen übrigens auch bezahlbare Wohnungen sein, die auf bis zu 5.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche entstehen könnten.

Signa soll hierzu bereits in Gesprächen mit der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft DEGEWO sein. Auch eine Kita mit 50 bis 100 Plätzen soll entstehen. Die zukünftige Dachterrasse des Gebäudes soll rund 4.000 Quadratmeter groß sein und verschiedene Gastronomie- und Veranstaltungsflächen beherbergen.

Widerstand gegen das Projekt im Kiez

In den angrenzenden Stadtteilen Kreuzberg und Neukölln wird das Projekt durchaus kritisch gesehen. Viele Anwohner*innen befürchten durch die Umsetzung eines solchen „Leuchtturmprojektes“ steigende Mieten und ein höheres Verkehrsaufkommen im Kiez.

Um die Sorgen der Kiezbewohner*innen aufzunehmen, hatte Signa nach zahlreichen Gesprächen mit Bezirk, Senat und Bürgerinitiativen seine Pläne mehrfach angepasst und ein ausgewogenes Flächennutzungskonzept entwickelt.

Der größte Warenhausbau der Weimarer Republik

In den Jahren 1927 bis 1929 wurde am Hermannplatz 10, an der Grenze zwischen den einstigen Berliner Bezirken Kreuzberg und Neukölln, der größte Warenhausbau der Weimarer Republik errichtet.

Der sechsgeschossige Stahlbetonbau wurde seitlich durch zwei markante Türme begrenzt, auf deren Dächern jeweils eine hohe Lichtsäule stand und zwischen denen ein 4.000 Quadratmeter großes Dachgartenrestaurant lag.

Das gesamte Bauwerk war mit fränkischem Muschelkalk verkleidet, seine Fassaden in einem Stilgemisch aus Neugotik, Expressionismus und Art déco gestaltet. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Haus am Hermannplatz weitgehend zerstört.

Zerstörung im Krieg und Wiederaufbau

An der Hasenheide blieb ein kleiner Teil des Altbaus erhalten, in dem noch 1945 wieder ein Verkauf aufgenommen wurde. Am 7. Mai 1951 wurde ein Anbau nach einem Entwurf des Architekten Alfred Busse eröffnet.

In den folgenden Jahrzehnten wurde das Haus mehrfach umgebaut, zuletzt zwischen 1998 und 2000. Seinen alten Glanz allerdings erreichte das Haus nie wieder. Diesen möchte Signa nun reaktivieren. Auf das Ergebnis darf man – ob man nun Gegner oder Befürworter des Projekts ist – sehr gespannt sein.

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Baustart für das 134-Meter Signa-Hochhaus am Alexanderplatz

Das historische Vorbild: Ein Bild des Karstadt-Gebäudes aus den 1920er Jahren.

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