-->
entwicklungsstadt berlin

Jede Zeit baut ihre Stadt.

Autofreier Bezirk? Friedrichshain-Kreuzberg plant Verkehrsrevolution

Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg plant eine „flächendeckende Verkehrsberuhigung“ in mehreren Quartieren. So sollen weniger Autos zu weniger Lärm und Durchgangsverkehr führen. Doch es gibt auch Kritik am Vorhaben, da Probleme für den Lieferverkehr und Einsatzfahrzeuge erwartet werden.

Wem gehört der öffentliche Straßenraum? Im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg soll nun eine flächendeckende Verkehrsberuhigung zugunsten von Fußgängern und Radfahrenden erfolgen.

© Visualisierung: Visual Utopias
Text: Stephanie Engler

 

Der innerstädtische, dicht besiedelte Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg plant eine „flächendeckende Verkehrsberuhigung“ in mehreren Quartieren, die sowohl in Friedrichshain als auch in Kreuzberg liegen. So sollen weniger Autos zu weniger Lärm und Durchgangsverkehr führen.

Zukünftig soll es in ausgewählten Zonen mehr Platz für Radfahrer und Fußgänger geben. Kritik am Vorhaben des Bezirks gibt es jedoch von mehreren Seiten, da große Probleme für den Lieferverkehr und Einsatzfahrzeuge entstehen könnten.

Mehr Platz für Radfahrer und Fußgänger soll im gesamten Bezirk entstehen

Durch die neuen, autofreien Zonen soll mehr Platz für Radler und Fußgänger gemacht werden. Der Durchgangsverkehr soll rigoros reduziert werden und so den gesamten Bezirk von Autos befreien – so das ambitionierte Vorhaben. Der Bezirk plant damit also eine radikale Verkehrsrevolution, die in Berlin bislang beispiellos ist.

Die Verkehrsstadträtin Annika Gerold (Die Grünen) und der Leiter des Straßen- und Grünflächenamtes, Felix Weisbrich, stützen sich dabei auf das Mobilitätsgesetz, das Radverkehrskonzept und mehrere Anwohneranträge für Kiezblocks. 

Verkehrsverwaltung sieht dringenden Handlungsbedarf im Bezirk

Beide vertreten die Meinung, dass es in ganz Friedrichshain-Kreuzberg einen allumfassenden Handlungsbedarf gebe. Daher solle auch der gesamte Bezirk von der Verkehrsberuhigung profitieren. So würde man der Verkehrsverlagerung entgegenwirken.

Einige der Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung sollen künftig den Durchgangsverkehr, die Geschwindigkeitsreduktion, eine bessere Barrierefreiheit durch Einbahnstraßen, Diagonalsperren und Fußgängerzonen betreffen.

Geplant sind zudem Fahrbahnverengungen vor Schulen, Fahrbahnschwellen, Mittelinseln, Parkverbote, Lieferzonen und Poller. Gehwegvorstreckungen, Aufpflasterungen und Bordsteinabsenkungen sollen zudem für sichere und barrierefreie Übergänge sorgen. 

Umsetzungsstrategie wurde erarbeitet und wird nun geprüft

Dem Verkehrsausschuss der Bezirksverordnetenversammlung wurde nun vom Straßen- und Grünflächenamt eine Umsetzungsstrategie für das umfangreiche Vorhaben vorgelegt. Sie beinhaltet eine datenbasierte Analyse, einen methodischen Ansatz und ein entsprechendes Beteiligungskonzept für die Öffentlichkeit. 

Der Plan des Bezirks verhallt natürlich nicht ohne Kritik. Der verkehrspolitische Sprecher des ADAC Berlin-Brandenburg, Edgar Terlinden, warnte davor, den Verkehr einfach in andere, städtische Bereiche zu verlagern und kritisierte, dass der Bezirk das Problem damit nicht lösen würde. Es wäre nur eine Teillösung in einem Bezirk, „die an den Bedarfen der Mobilität in einer Metropolregion vorbeigeht„. 

ADAC kritisiert die Pläne des Bezirks scharf

Die geplante Verkehrsberuhigung würde in die Mobilität vieler Menschen eingreifen. Davon wären besonders ältere Menschen, Personen mit Handicap und mobile Familien betroffen. Wohngebiete sollten weiter mit dem Auto erreichbar bleiben. Bei einer Durchsetzung müsse eine Alternative, wie der Nahverkehr, entsprechend ausgebaut werden. 

Terlinden rechnet mit weiteren Problemen, die besonders den Lieferverkehr, Ver- und Entsorger und Einsatzfahrzeuge der Rettungsdienste beträfe. Diese müssten große Umwege fahren und würden somit womöglich lebenswichtige Zeit verschwenden. 

Bezirk möchte Realexperimente und Haushaltsbefragungen durchführen

Der Bezirk plant hingegen verschiedene Realexperimente, um die Umgestaltung für die Bewohnerinnen und Bewohner greifbarer und erlebbar zu machen: An verschiedenen Wochenenden sollen Diagonalsperren aufgestellt und Befragungen durchgeführt werden. Vor der Vorstellung des finalen Konzepts sollen zudem noch Haushaltsbefragungen und Diskussionen stattfinden. 

Die finalen Besprechungen zwischen dem Bezirksamt und allen Initiatoren von in Friedrichshain-Kreuzberg erfolgreich eingereichten Kiezblocks sollen im Sommer 2022 erfolgen. Fünf Kiezblocks wurden bereits über Einwohneranträge in der Bezirksverordnetenversammlung beschlossen. Laut der Initiative Kiezblock sind es derzeit 14 Quartiersgruppen, die sich für den Plan einsetzen. 

Mehrere Fußgängerzonen wurden mittlerweile eingerichtet

An einigen Stellen in Friedrichshain-Kreuzberg hat das Bezirksamt bereits Fußgängerzonen und Sperren gegen den Durchgangsverkehr eingerichtet: am Lausitzer Platz, im Bergmann-, Wrangel- und Samariterkiez. Weitere Gebiete mit Bedarf für mehr Verkehrssicherheit wurden vom Straßen- und Grünflächenamt schon ermittelt. 

Stadträtin Gerold will jedoch nicht nur Nebenstraßen, sondern auch Hauptverkehrsachsen in Angriff nehmen. Für Fußgänger und Fahrradfahrer wird die geplante Umgestaltung wohl ein Segen, Leidtragende werden jedoch die für Autofahrer sein.

Modellprojekt „Graefekiez ohne Parkplätze“ wird diskutiert

Eines der zahlreichen Vorhaben ist das Modellprojekt „Graefekiez ohne Parkplätze“. Dabei handelt es sich um einen Modellversuch, welches in Kooperation mit dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) durchgeführt werden soll. Bislang wurde das Vorhaben aber nur diskutiert.

Bei diesem Versuch soll es über mehrere Monate keine Parkplätze, sondern nur Flächen für Fahrzeuge von Menschen mit Behinderung, Lieferverkehr sowie Ladesäulen geben. Im Herbst könnte es durch die Bezirksverordnetenversammlung beschlossen werden. 

„Visual Utopias“ visualisiert autofreie Skalitzer Straße

Wie eine flächendeckend vom Autoverkehr befreite Stadtlandschaft aussehen würde, hat das Portal Visual Utopias in einem Kurzfilm visualisiert. Dabei wurde ein Teil der Skalitzer Straße in Kreuzberg virtuell vom Autoverkehr befreit und in eine grün dominierte, von Radfahrern und Fußgängern genutzte Stadtumgebung verwandelt.

Das von Jan Kamensky verantwortete Online-Portal zeigt kurze Animationsfilme über die Umwandlung von autogerechten Straßen in menschenfreundliche Orte – nicht nur in Berlin, sondern auch in anderen Städten wie Hamburg (Holstenplatz), Köln (Barbarossaplatz) oder Wien (Kohlgasse). Auch internationale Städte wie Rotterdam, New York City oder Paris werden dort visuell umgestaltet.

Was bislang reine Fiktion ist, möchten die Bezirkspolitikerinnen und -politiker in Friedrichshain-Kreuzberg offensichtlich zur Realität werden lassen. Der Weg dorthin scheint aus heutiger Perspektive weit zu sein. Wir werden das Vorhaben aber auf jeden Fall mit großem Interesse verfolgen.

Hier seht Ihr die Visualisierung von Visual Utopias: 

 

Weitere Bilder zum Projekt findet Ihr hier: 

Drei ausgewählte Quartiere: Hier ist das Bezirksamt bereits aktiv, unter anderem durch Einrichtung von Fußgängerzonen zur Verkehrsberuhigung.

Weitere Projekte in Friedrichshain-Kreuzberg findet Ihr hier

 

Weitere Artikel zu ähnlichen Projekten findet Ihr hier:

Zentraler Fahrradschnellweg: 38 Kilometer von Ost nach West

Die Friedrichstraße bleibt autofrei – Fahrräder müssen ebenfalls weichen

Schönhauser Allee: So sollen die neuen Fahrradwege aussehen

Charlottenburg: Bau des Fahrradwegs “Opernroute Nord”

Verkehrswende auf zwei Rädern: 10 Fahrradprojekte in Berlin

Weiter Beitrag

Zurück Beitrag

1 Kommentar

  1. Hans Wimmer Juni 11, 2022

    Was nun ständig als Verkehrsrevolution bezeichnet wird, ist doch tiefster Dogmatismus. Wenn ich so Sachen lese wie „menschenfreundliche Orte“ oder „Haushaltsbefragungen“ und besser noch „demokratische Nutzung“, verklären diese Begriffe die Wirklichkeit. So wurde bspw. in der Danneckerstr. 2020 eine „Pop-up-Klimastraße“ eingerichtet als temporäre Maßnahme (angeblich) auch wegen der Coronasituation. Wurden die Bewohner befragt? Natürlich nicht…

    Zitat im rbb damals von Frau Herrmann (Grüne) „Wir wollen den öffentlichen Raum in unserem dicht besiedelten Bezirk gerechter verteilen“. Schaut man sich vor Ort um, so standen zumeist 3-4 Auto in einer Nebenstraße ohne Verkehr. Nun stehen dort 12 Blumenkübel und 50 Metallpoller, die den Autoverkehr draußen halten. Nach Kritik wurde die Durchfahrt für Fahrradfahrer wieder gestattet.

    Nebenstraßen zum Schauplatz der Verkehrswende zu machen, ist einfach Quatsch. Es wird unnötigerweise in die Mobilitätsfreiheit von Anwohner eingegriffen. Statt Dogmatismus und ideologische Vorzeigeprojekte, brauchen wir mehr pragmatische Lösungen an den großen Verkehrsstraßen. In Bullerbü standen auch keine Poller.

Antworten

© 2022 entwicklungsstadt berlin

Thema von Anders Norén