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Elisabeth Ziemer im Gespräch über die Zukunft des Neptunbrunnens

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Nicht erst seit dem erfolgreich abgeschlossenen Wiederaufbaus des Berliner Stadtschlosses in Form des Humboldt Forums wird über eine mögliche Rückführung des Neptunbrunnens an seinen historischen Standort diskutiert.

Im Zuge der nun anstehenden Gestaltung des Freiraums in Berlins historischer Mitte zwischen Marienkirche, Fernsehturm, Rotem Rathaus und dem Spree-Ufer am westlichen Rand des Marx-Engels-Forums wird das Thema nun erstmals konkret.

Mit Elisabeth Ziemer, Vorsitzende des Vereins “Denk mal an Berlin e.V.” sprachen wir über das Thema, die Position des Vereins und ganz konkrete Umsetzungsvorschläge.

ENTWICKLUNGSSTADT: Sehr geehrte Frau Ziemer, vielen Dank dass Sie uns Ihre Zeit für ein kurzes Interview widmen. Zu Beginn würden wir gern etwas zum Verein „Denk mal an Berlin e.V.“ wissen. Seit wann gibt es den Verein, welche Ziele verfolgen Sie und welche Gruppe steht dahinter?

Elisabeth Ziemer: Wir haben unseren Verein 2003 gegründet mit dem Ziel, das Bewusstsein für den Denkmalschutz in Berlin in breiteren Bevölkerungskreisen zu verankern. Schon ein Jahr später begannen wir mit Jugendprojekten in Zusammenarbeit mit den bezirklichen Museen und Schulen – ein so erfolgreiches und spannendes Unternehmen, dass es uns 2010 die höchste Auszeichnung des Landesdenkmalamtes, die Ferdinand-von-Quast-Medaille, einbrachte. Wir haben Führungen, Veranstaltungen und Exkursionen im Angebot und wir sammeln Gelder für die Restaurierung von Denkmalen oder unterstützen Andere darin. Unser erstes Förderprojekt war der Buttbrunnen neben dem Alten Museum, unser größtes die Wiederherstellung des Turms der Parochialkirche. In diesem Jahr werden wir mit Mitteln der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und des Landesdenkmalamtes, neben Spendenmitteln, das Grabmal von Oscar Blumenthal auf dem Jüdischen Friedhof in Weissensee wiederherstellen. Ein wichtiger, aber vergessener Theaterkritiker und -besitzer, der dem modernen Drama auf seinem Lessing-Theater mit Stücken von Hauptmann, Ibsen und Strindberg zum Erfolg verhalf. Mittlerweile haben wir über 320 Mitglieder und freuen uns auf weitere.

“Im jetzigen Freiraum verliert sich das Potenzial des Brunnens. Und der Steinwüste des Schlossplatzes würden Wasser und Grün äußerst gut tun.”

In der vergangenen Woche berichteten wir auf ENTWICKLUNGSSTADT über die von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen vorangetriebenen Gestaltung des Freiraums in Berlins historischer Mitte zwischen Marienkirche, Fernsehturm, Rotem Rathaus und dem Spree-Ufer am westlichen Rand des Marx-Engels-Forums. Die seit der Wiedervereinigung diskutierte Rückführung des Neptunbrunnens an seinen historischen Standort ist in der Planung dieser Fläche nicht vorgesehen. Wie haben Sie davon erfahren und wie bewerten Sie das Vorgehen?

Der Wettbewerb ist öffentlich ausgeschrieben und hält explizit fest, dass der Brunnen an seinem Platz bleiben soll. Wer also vorschlägt, ihn zu versetzen, entspricht nicht den Vorgaben und wird vermutlich von der Konkurrenz ausgeschlossen. Damit werden Lösungen verhindert, die an seiner Stelle den in vielen Werkstattgesprächen geforderten Platz der Demokratie gefordert hatten. Also einen öffentlichen Demonstrations-, oder Veranstaltungsraum. Ich kann sehr wohl die Haltung des Landesdenkmalamtes verstehen, hier die DDR-Planung der 60er und 70er Jahre zu konservieren. Für mich stellt sich aber die Frage, ob der Neptunbrunnen an dieser Stelle eine sinnvolle Zukunft haben kann.

Um es noch einmal konkret zu machen: Wo sollte der seit 1969 vor dem Roten Rathaus installierte Neptunbrunnen aus Ihrer Sicht zukünftig stehen und warum? Immerhin ist der jetzige Standort mittlerweile auch als „historisch“ anzusehen und seit über 50 Jahren die „Heimat“ des Brunnens.

Ja, das ist absolut richtig. Die bisherige Konzeption der Freiraumgestaltung spielt mit der Gegenüberstellung von Rathaus und Brunnen, dazwischen als Erinnerung an die Berliner Nachkriegsgeschichte die Denkmäler des Aufbauhelfers und der Aufbauhelferin. Allerdings lässt der Wettbewerbstext eine andere Anordnung dieser beiden Skulpturen zu – anders als beim Brunnen – und auch die Wegeführung kann verändert werden. Das ist aus meiner Sicht inkonsequent. Was mir aber Sorgen macht, ist die starke Beanspruchung des Brunnens an dieser Stelle (Demonstrationen, Weihnachtsmärkte, Treffpunkt von Jugendlichen). Der Nutzungsdruck wird sich durch die Attraktivitätssteigerung der Anlage noch erhöhen. Wird er dem in Zukunft gewachsen sein? Ich glaube nicht. Sein Zustand ist jetzt schon äußerst schlecht. Aber ich teile auch das Argument, dass er typologisch nicht in diesen Freiraum passt. Er ist von Begas* als aufwendiger, repräsentativer Brunnen geschaffen worden, der das Schloss als Hintergrund und einen Platz mit räumlicher Fassung für die Entfaltung seiner Wirkung braucht. Im jetzigen Freiraum verliert sich sein Potenzial. Und der Steinwüste des Schloßplatzes würden Wasser und Grün äußerst gut tun.

* Reinhold Begas errichtete den Brunnen von 1881 bis 1891, Anm. d. Red.

“Der Wettbewerb (…) hält explizit fest, dass der Brunnen an seinem Platz bleiben soll. Damit werden Lösungen verhindert, die an seiner Stelle den in vielen Werkstattgesprächen geforderten Platz der Demokratie gefordert hatten.”

Wie verlief der bisherige Diskussionsprozess um eine mögliche Umsetzung des Brunnens? Welchen Prozess zur Entscheidungsfindung wünschen Sie sich?

In den Werkstattgesprächen, die von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung organisiert wurden und an denen sehr viele Menschen teilnahmen, wurden viele Ideen für den jetzigen Wettbewerb formuliert. Dabei spielte auch die Umsetzung des Brunnens eine Rolle. Das war ein vorbildlicher, aufwendiger, jahrelanger Beteiligungsprozess. Besser kann man das nicht machen. Aber die Konsequenz hätte jetzt nicht sein dürfen, daß man “Visionen” verlangt, aber den Brunnen durch den Wettbewerbstext festschreibt. Insofern wünsche ich mir hier noch eine Korrektur. Könnte nicht z. B. auch eine moderne Fontänenanlage, die sich im Boden befindet und bei Veranstaltungen abgestellt wird, eine Vision sein, die einen Platz der Demokratie und Wasserspiele ermöglicht? Wenn dann noch die ursprünglichen, versetzbaren Stahlstühle von Achim Kühn* wieder zur Verfügung stünden, wäre ein Maximum an Flexibilität und Nutzbarkeit erreicht und das Denkmal könnte sich an seinem ursprünglichen Platz entfalten.

* Achim Kühn ist Kunstschmied und Urheber von über 200 Stahlstühlen, die zu zu DDR-Zeiten rund um die Kaskaden am Fernsehturm und auf dem Boulevard Unter den Linden standen. Die Leute konnten sich hinsetzen wie sie wollten, die Stühle im Kreis aufstellen oder mit der Sonne drehen. (Anm. d. Red.)

Sehr geehrte Frau Ziemer, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Weitere Interviews und den ENTWICKLUNGSSTADT PODCAST findet Ihr auf der INTERVIEW Seite.
Zur Buchrezension des Werks “Mitte auf Augenhöhe” von Benedikt Goebel und Lutz Mauersberger geht es hier.

 

Der heutige Standort des Brunnens vor dem Roten Rathaus. Dort steht er seit 1969.

Der historische Standort des Neptunbrunnens auf dem Schlossplatz an der südlichen Fassade des rekonstruirten Humboldt Forums

Das “Entwicklungsgebiet Rathausforum” umfasst das Areal vom gegenüber des Humboldt Forums liegenden Spreeufers über das Marx-Engels-Forum bis hin zu den Freiflächen vor dem Roten Rathaus und den südöstlich vom Fernsehturm angelegten Brunnenanlagen. Dieses Areal wird nun städtebaulich entwickelt und neu geplant.

 

Not only since the successfully completed reconstruction of the Berlin City Palace in the form of the Humboldt Forum has there been discussion about a possible return of the Neptune Fountain to its historic location.

In the course of the now upcoming design of the open space in Berlin’s historic center between St. Mary’s Church, the TV Tower, the Red City Hall and the banks of the Spree River on the western edge of the Marx Engels Forum, the topic is now becoming concrete for the first time.

We spoke with Elisabeth Ziemer, chairwoman of the association “Denk mal an Berlin e.V.” about the topic, the association’s position and very concrete proposals for implementation.

ENTWICKLUNGSSTADT: Dear Ms. Ziemer, thank you for giving us your time for a short interview. To begin with, we would like to know something about the association “Denk mal an Berlin e.V.”. How long has the association been in existence, what goals do you pursue, and what group is behind it?

Elisabeth Ziemer: We founded our association in 2003 with the aim of anchoring awareness of historic preservation in Berlin in broader circles of the population. Just one year later, we began youth projects in cooperation with district museums and schools – an undertaking so successful and exciting that it earned us the highest award of the State Office for Monuments, the Ferdinand von Quast Medal, in 2010. We offer guided tours, events and excursions, and we raise funds for the restoration of monuments or support others in doing so. Our first funding project was the Butt Fountain next to the Old Museum, our largest the restoration of the tower of the Parochial Church. This year, with funds from the Deutsche Stiftung Denkmalschutz and the Landesdenkmalamt, in addition to donations, we will restore the tomb of Oscar Blumenthal at the Jewish Cemetery in Weissensee. An important but forgotten theater critic and owner who helped modern drama succeed at his Lessing Theater with plays by Hauptmann, Ibsen and Strindberg. We now have over 320 members and look forward to more.

“IN THE CURRENT OPEN SPACE, THE POTENTIAL OF THE FOUNTAIN IS LOST. AND THE STONE WASTELAND OF THE CASTLE SQUARE WOULD DO WATER AND GREEN EXTREMELY WELL.”

Last week on ENTWICKLUNGSSTADT, we reported on the Senate Department for Urban Development and Housing’s push to design the open space in Berlin’s historic center between St. Mary’s Church, the TV Tower, the Red City Hall and the banks of the Spree River on the western edge of the Marx Engels Forum. The return of the Neptune Fountain to its historic location, which has been discussed since reunification, is not included in the planning for this area. How did you learn about this and how do you assess the procedure?

The competition is open to the public and explicitly states that the fountain is to remain in its place. So anyone who proposes to move it does not comply with the specifications and will probably be excluded from the competition. This prevents solutions that had called for the square of democracy in its place, which had been demanded in many workshop discussions. So a public demonstration, or event space. I can very well understand the attitude of the State Office for the Preservation of Monuments to conserve the GDR planning of the 60s and 70s here. For me, however, the question arises whether the Neptune Fountain can have a meaningful future at this location.

To make it concrete again: Where should the Neptune Fountain, which has been installed in front of the Rotes Rathaus since 1969, be located in the future in your view and why? After all, the current location is now also considered “historic” and has been the “home” of the fountain for over 50 years.

Yes, that is absolutely correct. The previous concept of the open space design plays with the juxtaposition of the city hall and the fountain, with the monuments of the reconstruction helper and the reconstruction helper in between as a reminder of Berlin’s post-war history. However, the competition text allows for a different arrangement of these two sculptures – in contrast to the fountain – and the routing can also be changed. This is inconsistent from my point of view. What worries me, however, is the heavy use of the fountain at this location (demonstrations, Christmas markets, meeting place for young people). The pressure of use will increase due to the increase in attractiveness of the site. Will it be able to cope with that in the future? I don’t think so. Its condition is already extremely poor. But I also share the argument that it does not fit typologically into this open space. It was created by Begas* as an elaborate, representative fountain that needs the castle as a backdrop and a square with a spatial setting for its effect to unfold. In the current open space, its potential is lost. And the stone desert of the castle square would do water and greenery extremely well.

* Reinhold Begas erected the fountain from 1881 to 1891, editor’s note.

“THE COMPETITION (…) EXPLICITLY STATES THAT THE FOUNTAIN SHOULD REMAIN IN ITS PLACE. THIS PREVENTS SOLUTIONS THAT HAD CALLED FOR THE SQUARE OF DEMOCRACY IN ITS PLACE, WHICH HAD BEEN CALLED FOR IN MANY WORKSHOP DISCUSSIONS.”

What has the discussion process been so far around a possible implementation of the fountain? What kind of decision-making process would you like to see?

In the workshop discussions, which were organized by the Senate Department for Urban Development and in which very many people participated, many ideas were formulated for the current competition. The implementation of the fountain also played a role. That was an exemplary, elaborate, year-long participation process. You can’t do better than that. But the consequence should not now have been that “visions” are demanded, but the fountain is fixed by the competition text. In this respect, I would like to see a correction here. Could not, for example, a modern fountain system, which is located in the ground and is shut off during events, also be a vision, which enables a place of democracy and water games? If then the original, relocatable steel chairs by Achim Kühn* would be available again, a maximum of flexibility and usability would be achieved and the monument could unfold at its original place.

* Achim Kühn is a blacksmith and the creator of more than 200 steel chairs that stood around the cascades at the TV tower and on the boulevard Unter den Linden in GDR times. People could sit down as they wished, set up the chairs in a circle or turn them with the sun. (Editor’s note)

Dear Ms. Ziemer, thank you for the interview!

More interviews and the DEVELOPMENT CITY PODCAST can be found on the INTERVIEW page.
Click here for the book review of “Mitte auf Augenhöhe” by Benedikt Goebel and Lutz Mauersberger.

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