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Molkenmarkt-Projekt: Jury kann sich zu keiner Entscheidung durchringen

Mit Spannung wurde die Entscheidung der Jury zur zukünftigen Gestaltung des Molkenmarkts in Berlins historischem Zentrum erwartet. Das Preisgericht konnte sich jedoch zu keiner Entscheidung durchringen, was für den weiteren Realisierungsprozess des Wiederaufbauprojekts eine Menge Fragen aufwirft.

Visualisierung einer historisierenden Rekonstruktion des Molkenmarkts in Berlin-Mitte. / © Patzschke Architekten (Pakertharan Jeyabalan)

© Visualisierungen Titelbild: Albers  Gesellschaft von Architekten / OS arkitekter
© Foto unten: depositphotos.com
Text: Björn Leffler

 

Mit Spannung wurde die Entscheidung der Jury zur zukünftigen Gestaltung des Molkenmarkts in Berlins historischem Zentrum erwartet, nachdem sich das Preisgericht im Juli überraschend vertagt hatte. Schon damals war kolportiert worden, dass Unstimmigkeiten innerhalb des Entscheidungsgremiums der Grund dafür seien.

Als das Preisgericht, welches Ende November letzten Jahres über die eingereichten Wettbewerbsbeiträge diskutierte, den ersten Preis zur Neugestaltung des Molkenmarkts in Berlin-Mitte zweimal vergab, wurde erstmals offenkundig, dass die städtebaulichen Visionen für den zukünftigen Molkenmarkt bei den Experten offenbar weit auseinanderliegen.

Nach neun Stunden Sitzung: Jury ist unfähig, eine Entscheidung zu treffen

Dieser Eindruck hat sich nach der mit Spannung erwarteten Entscheidung der Jury am gestrigen Dienstag mehr als bestätigt. Nach einer rund neunstündigen Sitzung wurde entschieden, dass letztlich nichts entschieden ist. Denn keiner der beiden Wettbewerbsbeiträge wurde zum Sieger erklärt.

Zur Einordnung der zwei konkurrierenden Konzepte: Das dänische Büro OS arkitekter wählte einen radikal modernen Ansatz, um das zukünftige Molkenmarkt-Quartier zu gestalten. Vor der ästhetischen Gestaltung der Gebäude steht erst einmal der Grundgedanke, ein klimaneutrales und innovatives Viertel zu entwickeln, welches auf alternative Baustoffe und ein nachhaltiges Gebäudekonzept setzt.

Deutlich traditioneller kommt der Entwurf des Büros Bernd Albers daher, der sich stark an der historischen, geschlossen konzipierten Blockrandbebauung des einstigen Molkenmarktviertels orientiert.

Beide Büros haben ihre Entwürfe noch einmal überarbeitet und verteidigt

Eine endgültige Entscheidung sollte im Laufe des Jahres 2022 fallen. Zunächst sollten die beiden Siegerbüros ihre Entwürfe auf der Grundlage der Jury-Empfehlungen überarbeiten und die Ergebnisse in einem weiteren Werkstattverfahren diskutieren, was längst geschehen ist.

Das Preisgericht hat nach der gestrigen Sitzung entschieden, dass es trotz aller Überarbeitungen und ausführlichen Diskussionen zu keiner Entscheidung fähig ist. Wie Der Tagesspiegel berichtet, sollen unüberbrückbare Differenzen zwischen der Mehrheit der Jurymitglieder, die zum Entwurf von OS arkitekter tendiert hätten, und Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt bestehen, die keinen der Entwürfe für eine Realisierung empfehlen wolle.

Uneinigkeit über Ausgestaltung und Bauweise des Quartiers am Molkenmarkt

Dem Vernehmen nach kritisiert Kahlfeldt den zu hohen Anteil an Grünflächen und die vorgesehene Skelettbauweise der zukünftigen Gebäude, die eine flexible Nutzbarkeit der Gebäude ermöglichen soll. Beides – eine intensive Begrünung des Areals und flexibel nutzbare Neubauten – waren jedoch zentrale Auslobungskriterien des Wettbewerbsverfahrens.

Die offizielle Pressemitteilung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen klingt entsprechend uneindeutig: „Das offene städtebauliche Wettbewerbsverfahren zur Neugestaltung des Molkenmarktes wurde mit zwei ersten Preisträgern im November 2021 entschieden. Das daran anschließende und auf den Wettbewerb aufbauende Werkstattverfahren mit den beiden Preisträgern wurde nun am 13. September 2022 mit einem Abschlusskolloquium beendet.

Wiederaufbau Molkenmarkt in  Berlin-Mitte: Ein Wettbewerb ohne Sieger

Von einer Entscheidung oder gar einem Wettbewerbssieger ist hier überhaupt keine Rede. So heißt es weiter: „Mit Abschluss des Werkstattverfahrens kann die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen jetzt die Charta erstellen. Wesentliche Qualitätsanforderungen und Entwicklungsgrundsätze sollen in einen Masterplan münden, der durch den Senat von Berlin beschlossen und dem Abgeordnetenhaus vorgelegt wird.

Dieser Masterplan soll nun also allem Anschein nach von der Senatsverwaltung entwickelt werden, ohne dass einer der beiden Entwürfe als maßgebliches, städtebauliches Grundkonzept gekürt wurde.

Masterplan ohne Wettbewerbssieger? Weiteres Vorgehen ist unklar

Da die Auslobung aber eindeutig vorgesehen hatte, dass einer der beiden Entwürfe in der finalen Jurysitzung als Grundlage einer Charta für die Entwicklung am Molkenmarkt empfohlen werden sollte, stellt sich nun die Frage, wie die Ausarbeitung dieses Masterplans aussehen soll.

Auch darum, wer die Charta Molkenmarkt letztlich final beschließen soll, herrscht offensichtlich Uneinigkeit. Manfred Kühne, Abteilungsleiter Wohnungsbau und Projekte der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, hatte in einem wissenschaftlichen Kolloquium am 8. Oktober 2021 verlautbaren lassen, dass das Berliner Abgeordnetenhaus die Charta beschließen soll.

Wer die „Charta Molkenmarkt“ beschließen soll, ist ebenfalls unklar

Auf Anfrage der Linksfraktion äußerte sich Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) am Montag im Stadtentwicklungsausschuss jedoch wie folgt: „Wir haben keine Unterlagen gefunden, die je eine Absicht haben vermuten lassen, das Abgeordnetenhaus über die Charta Molkenmarkt abstimmen zu lassen.“

So stellen sich beim wichtigsten städtebaulichen Projekt in  Berlins historischen Zentrum aktuell sehr viele Fragen, zu denen es nur  wenige Antworten zu geben scheint. Wie es beim Wiederaufbau des Berliner Molkenmarkts weitergehen wird, scheint derzeit offener denn je zu sein.

 

Weitere Bilder zum Projekt findet Ihr hier: 

Soll neu gestaltet werden: Das Areal rund um den historischen Berliner Molkenmarkt im Zentrum der Hauptstadt.

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Quellen: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, Der Tagesspiegel, Architektur Urbanistik Berlin, ENTWICKLUNGSSTADT BERLIN

 

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1 Kommentar

  1. Stefan Schmitt September 15, 2022

    Ein offenes, transparentes Auswahlverfahren mit einem Sieger gemäß den Experten wird sehr undemokratisch durch die Bausenatorin ad absurdum geführt. Zudem mit einer mehr als fragwürdigen Begründung. Was soll das? Ein Schelm…

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