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Die Stadt, die immer wird und niemals ist.

Engelserzählung der Teilung: Wim Wenders‘ „Der Himmel über Berlin“

Wie kaum ein zweiter Film verstand es Wim Wenders‘ Ausnahmefilm „Der Himmel über Berlin“ die Atmosphäre des Lebens im engen West-Berlin und die Gedanken seiner Einwohner auszudrücken. Das Werk wirkt aus heutiger Sicht wie der melancholische Schlussakkord der einstmals geteilten Stadt.

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Im kommenden Jahr feiert Wim Wenders‘ Film „Der Himmel über Berlin“ (Englischer Titel: „Wings of Desire“) sein 35-jähriges Jubiläum. Was Wenders nicht wissen konnte: Die intensiven Bilder, die er und sein Team während der Dreharbeiten erschufen, wirken heute wie ein melancholischer Schlussakkord der schmerzhaften Teilungsgeschichte Berlins.

Wenders gelang ein außerordentlicher Kunstgriff, indem er die Geschichte aus der Perspektive zweier Engel erzählen ließ. Diese werden verkörpert von Bruno Ganz (er spielt den Engel Damiel) und Otto Sander (Cassiel).

Ein melancholischer Schlussakkord der Teilungsgeschichte Berlins

Der Film brilliert, wenn man sich einmal auf sein langsames Erzähltempo eingelassen hat, auf mehreren Ebenen. Zum einen ist dort die berührende Geschichte des Engels Damiel, der seiner rein geistigen Existenz überdrüssig geworden ist und die Sehnsucht verspürt, sinnliche Empfindungen zu erfahren.

Damiel gelingt es schließlich, seine ewige Existenz als Engel einzutauschen gegen eine irdische (und vor allem endliche) Existenz eines „einfachen Menschen“. Cassiel hingegen, Damiels engster Freund, bleibt allein zurück und hat dadurch auch weiterhin die Fähigkeit, Gedanken, Gefühle und Ängste der Menschen mitzubekommen – aber eben immer nur von außen, als Zusehender, Zuhörender. Es bleibt die Distanz und seine Zweifel, ob er Damiel nicht in die Welt der Sterblichen folgen soll.

Der Film lebt vom Handlungsort: West-Berlin Ende der 80er Jahre

Die Intensität wird dieser einfallsreichen, melancholischen Geschichte durch den Ort ihres Geschehens verliehen. Es ist das von Teilung und Zerstörung geprägte West-Berlin Ende der 1980er Jahre, welches in teils dystopischen, ausführlichen schwarz-weißen Bildern gezeigt wird. Dies ist die andere Ebene, die das Wenders-Werk so beeindruckend macht.

Es zeigt eine Stadt, die verwundet, orientierungslos und verzweifelt zu sein scheint – und nur in wenigen Momenten hoffnungsvoll und fröhlich. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn sich der Film mit den Kindern beschäftigt, die in der geteilten Stadt aufwachsen. Sie sind zudem die einzigen, die die Engel tatsächlich sehen können.

„Ich kann ihn nicht finden, den Potsdamer Platz“

Der Film ist vor allem dann stark, wenn sich seine nachdenklichen Protagonisten mit sich und der sie umgebenden, merkwürdig zerschundenen, städteräumlichen Umgebung auseinandersetzen. Der Greis, der durch das Niemandsland an der Berliner Mauer irrt und den alten Potsdamer Platz sucht – und ihn einfach nicht finden kann.

Oder Peter Falk der, ebenfalls ein sehr gelungener Kunstgriff des Films, sich selbst spielt und dem Engel Damiel die Vorlage gibt für sein Vorhaben, ein Mensch zu werden. Denn Peter Falk gibt sich ebenfalls als „Überläufer“ zu erkennen. Er selbst war ein Engel und hat den Schritt in die irdische Welt getan. In Berlin weilt er aufgrund von Dreharbeiten für einen Film.

Der Film wechselt zwischen schwarzweißen und farbigen Bildern

Die Umgebung, in welcher er Damiel sein Geheimnis offenbart, könnte deprimierender und faszinierender kaum sein: Eine heruntergekommene Imbissbude, die unweit der Ruinen des einstigen Anhalter Bahnhofs steht.

Als man sich dann an die omnipräsente Nachdenklichkeit und die Tristesse des Films gewöhnt hat, macht er plötzlich eine unerwartete Wendung. Durch die Menschwerdung des Engels Damiel scheint auch der Film selbst wachgeküsst zu werden.

Die Menschwerdung des Engels Damiel verändert die Atmosphäre des Films

Die Lebenslust, die Bruno Ganz in herausragender Weise spielt und vorträgt, ist mit jeder Faser zu spüren. Und so läuft er durch die gleiche, verfallende Stadt wie er es schon zuvor getan hat. Aber mit sehr viel mehr Energie, Lust und Lebensfreude. Und das zuvor in schwarzweiß und sepia gezeigte Berlin bekommt plötzlich Farbe und Rasanz. Und sehr viel mehr Lebendigkeit.

Dies liegt vor allem auch am Mitwirken des Sängers Nick Cave, der Ende der 80er Jahre selbst in West-Berlin lebte und dem Finale des Films durch eine mitreißende Live-Performance in den Überresten des einstigen Hotel Esplanade die passende Begleitmusik gibt.

Am Ende: Ein optimistischer Blick in die Zukunft

Denn aus der bleiernen Schwere des Films wird am Ende tatsächlich ein optimistischer Blick in die Zukunft. Fast hellseherisch, möchte man meinen, denn auch die Zukunft der geteilten Stadt sollte nur wenige Jahre später eine ganz andere, sehr viel positivere sein.

Was beim neuerlichen Ansehen des Films vor allem beeindruckt, ist weniger die Geschichte um die zwei Engel, die ihrerseits völlig frei durch alle Mauern dieser Stadt wandeln können und die Enge West-Berlins nur sehen, aber nicht wirklich empfinden können.

Das raue, unferige West-Berlin der 1980er Jahre ist in diesem Film lebendig wie nie

Nein, es ist viel mehr der ungeschönte Blick auf eine Stadt, wie es sie heute nicht mehr gibt. Viele der im Film gezeigten Orte sind längst bebaut und mitunter kaum wiederzuerkennen. Einige mögen das raue, unfertige und kaputte vermissen, das die Subkultur der 80er Jahre in West-Berlin ausgemacht hat.

Aber genauso unvorstellbar ist es, würde Berlin heute noch immer so aussehen. Wer es sich aber vorstellen möchte, sollte „Der Himmel über Berlin“ unbedingt sehen.

Eine digital restaurierte Fassung des Films könnt Ihr hier sehen.

Ein weiteres, faszinierendes Zeitdokument über das West-Berlin der 1980er Jahre ist die Dokumentation B-Movie: Lust und Sound in West-Berlin 1979-1989″.

Zwei ausgewählte Ausschnitte des Film „Der Himmel über Berlin“ seht Ihr hier:

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Angel’s Narrative of Division: Wim Wenders‘ „WINGS OF DESIRE“

Like hardly any other film, Wim Wenders‘ exceptional film „Wings of Desire“ was able to express the atmosphere of life in cramped West Berlin and the thoughts of its inhabitants. From today’s perspective, the work seems like the melancholy final chord of the once divided city.

Next year, Wim Wenders‘ film „Der Himmel über Berlin“ (English title: „Wings of Desire“) will celebrate its 35th anniversary. What Wenders could not have known: The intense images he and his team created during filming seem today like a melancholy final chord of Berlin’s painful history of division.

Wenders achieved an extraordinary feat by having the story told from the perspective of two angels. These are embodied by Bruno Ganz (he plays the angel Damiel) and Otto Sander (Cassiel).

A MELANCHOLY FINAL CHORD OF BERLIN’S HISTORY OF DIVISION

The film, once you get into its slow narrative pace, shines on several levels. First, there is the touching story of the angel Damiel, who has grown tired of his purely spiritual existence and longs to experience sensual sensations.

Damiel finally succeeds in exchanging his eternal existence as an angel for an earthly (and above all finite) existence of a „simple human being“. Cassiel, on the other hand, Damiel’s closest friend, stays behind alone and thus continues to have the ability to hear people’s thoughts, feelings and fears – but always only from the outside, as a watcher, listener. There remains the distance and his doubts whether he should not follow Damiel into the mortal world.

THE FILM LIVES FROM THE LOCATION: WEST BERLIN AT THE END OF THE 80S

The intensity is given to this imaginative, melancholic story by the place of its action. It is West Berlin at the end of the 1980s, marked by division and destruction, which is shown in partly dystopian, detailed black and white images. This is the other layer that makes Wenders‘ work so impressive.

It shows a city that seems wounded, disoriented and desperate – and only in a few moments hopeful and cheerful. This is especially the case when the film deals with the children growing up in the divided city. They are also the only ones who can actually see the angels.

„I CAN’T FIND IT, the POTSDAMER PLATZ“

The film is especially powerful when its thoughtful protagonists come to terms with themselves and the strangely battered, urban environment that surrounds them. The old man who wanders through the no-man’s land at the Berlin Wall looking for the old Potsdamer Platz – and just can’t find it.

Or Peter Falk who, also a very successful trick of the film, plays himself and gives the angel Damiel the template for his project to become a human being. For Peter Falk also reveals himself as a „defector“. He himself was an angel and has taken the step into the earthly world. He is in Berlin for the shooting of a film.

THE FILM ALTERNATES BETWEEN BLACK AND WHITE AND COLOR IMAGES

The environment in which he reveals his secret to Damiel could hardly be more depressing and fascinating: a run-down snack bar that stands not far from the ruins of the former Anhalter Bahnhof.

Once you get used to the omnipresent pensiveness and dreariness of the film, it suddenly makes an unexpected turn. Through the incarnation of the angel Damiel, the film itself also seems to be kissed awake.

THE INCARNATION OF THE ANGEL DAMIEL CHANGES THE ATMOSPHERE OF THE FILM

The lust for life that Bruno Ganz plays and performs in an outstanding manner can be felt with every fiber. And so he walks through the same decaying city as he did before. But with much more energy, desire and joie de vivre. And Berlin, previously shown in black and white and sepia, suddenly takes on color and frenzy. And much more liveliness.

This is mainly due to the participation of singer Nick Cave, who himself lived in West Berlin at the end of the 1980s, and who provides the film’s finale with a fitting accompaniment in the form of a rousing live performance in the remains of the former Hotel Esplanade.

AT THE END: AN OPTIMISTIC VIEW OF THE FUTURE

For in the end, the film’s leaden heaviness actually turns into an optimistic view of the future. Almost clairvoyant, one might think, because the future of the divided city was also to be a very different, much more positive one just a few years later.

What impresses most when watching the film again is not so much the story about the two angels who, for their part, can walk completely freely through all the walls of this city and can only see, but not really feel, the narrowness of West Berlin.

THE ROUGH, UNFINISHED WEST BERLIN OF THE 1980S IS MORE ALIVE THAN EVER IN THIS FILM

No, it is much more an unembellished view of a city that no longer exists today. Many of the places shown in the film have long since been built over and are sometimes barely recognizable. Some may miss the rough, unfinished and broken that made up the subculture of the 80s in West Berlin.

But it’s just as unimaginable if Berlin would still look like that today. But if you want to imagine it, you should definitely see „Der Himmel über Berlin.“

You can see a digitally restored version of the film here.

Another fascinating contemporary document about West Berlin in the 1980s is the documentaryB-Movie: Lust and Sound in West Berlin 1979-1989„.

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