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Jede Zeit baut ihre Stadt.

Schuldrehscheibe im Bötzowviertel: Verein „Pro Kiez“ im Interview

Ende September berichteten wir über den Bau einer Schuldrehscheibe, die an der Grenze zwischen den Stadtteilen Prenzlauer Berg und Friedrichshain errichtet wird. Bei Anwohnern und Bürgerinitiativen hat das Bauvorhaben für Unmut gesorgt, da viele Bäume für das Vorhaben gefällt werden sollen. Wir hatten die Gelegenheit, mit Carsten Meyer vom Verein Pro Kiez Bötzowkiez zu diesem Projekt zu sprechen.

© Fotos: Pro Kiez Bötzowkiez e.V.

 

Am Friedrichshain im Bezirk Pankow entsteht eine Schule auf Zeit. Sie soll in Etappen etwa 800 Schülerinnen und Schüler aus drei verschiedenen Schulen aufnehmen. Auf der Freifläche „Werneuchener Wiese“ im Stadtteil Prenzlauer Berg wird ein Schulgebäude entstehen, welches im Laufe der nächsten Jahre 800 Kindern aus Prenzlauer Berg einen vorübergehenden Bildungsplatz gewährleisten soll.

Bis vor wenigen Jahren konnte auf der „Werneuchener Wiese“ noch Beachvolleyball gespielt werden. Zwischenzeitlich befand sich auch ein Supermarkt auf einem Teil des Geländes. Nun soll dort im Schnellverfahren ein Lerngebäude auf Zeit erbaut werden.

Das Projekt soll nach Senatsangaben 32 Millionen Euro kosten und aus Holz gefertigt werden. Dadurch sollen die Fertigteile für einen weiteren Interimsbau wiederverwendbar bleiben.

Die Eröffnung des Gebäudes ist für 2023 geplant. Ab dann sollen mindestens drei Lernorte aus Prenzlauer Berg die Schülerinnen und Schüler nacheinander in den Behelfsbau entsenden. Währenddessen sollen die eigentlichen Räumlichkeiten dieser Schulen saniert und erweitert werden.

Bei Anwohnerinnen und Anwohnern sowie verschiedenen Bürgerinitiativen sorgt das Bauprojekt jedoch für viel Unmut und Unverständnis. Wir hatten daher die Gelegenheit mit Carsten Meyer vom Verein Pro Kiez Bötzowkiez zum Projekt Schuldrehscheib in Prenzlauer Berg zu sprechen.

Im Interview mit Carsten Meyer von der Initiative Pro Kiez Bötzowkiez

ENTWICKLUNGSSTADT BERLIN: Sehr geehrter Herr Meyer, vielen Dank erst einmal, dass Sie uns Ihre Zeit für ein kurzes Interview widmen. Zu Beginn würde ich gern erst einmal wissen, wo eigentlich die Schwerpunkte Ihrer Arbeit liegen, also des Vereins „Pro Kiez Bötzowviertel“.

Carsten Meyer: Ein wichtiger Schwerpunkt war für zehn Jahre die ehrenamtliche Führung der Kurt-Tucholsky-Bibliothek im Bötzowviertel, als sie 2008 aufgrund der rigorosen Sparpolitik geschlossen werden sollte. Wir engagieren uns für einen lebenswerten Kiez, z.B. mit Kultur- und Bildungsveranstaltungen und in der AG Verkehr für Verkehrssicherheit und Barrierefreiheit, wir beherbergen den Jedermann-Chor, pflegen das Grün im Kiez mit der Gärtner-Initiative Arnswalder Platz und vieles mehr. Gemeinsam mit der Kurt-Tucholsky-Bibliothek entwickeln wir Kiez & Kurt in der Esmarchstraße 18 zu einem lebendigen Nachbarschaftshaus. Unsere Website www.prokiez.de gibt weitere Informationen.

Um das Bauprojekt „Schuldrehscheibe“ am nördlichen Rand des Volksparks Friedrichshain, auf dem Gebiet des Ortsteils Prenzlauer Berg, hat es mittlerweile ja einiges an medialer Berichterstattung gegeben. Wie steht Ihr Verein grundsätzlich zu dem Vorhaben?

Für uns steht außer Frage: diese Schuldrehscheibe ist zwingend erforderlich, damit mehrere Schulen während lange überfälliger Sanierungsarbeiten eine ergänzende Bleibe haben.

 

Interimsprojekt: So sieht die geplante Flächennutzung auf der Werneuchener Wiese für die kommenden 10 bis 15 Jahren aus. Quelle: Bezirksamt Pankow

Bei Anwohnerinnen und Anwohnern aber auch Bürgerinitiativen wie Ihrem Verein hat das Bauvorhaben deutliche Kritik hervorgerufen. Welche Punkte stören Sie am Projekt?

Nicht glücklich sind wir mit der Standortwahl auf der Werneuchener Wiese, also einer gewidmeten Grünfläche. Der Schulbau bedeutet dort eine massive Flächenversiegelung, die bisherige Frischluftschneise an der Kniprodestraße wird durch den massiven Baukörper blockiert. Dennoch haben wir die politische Entscheidung zähneknirschend akzeptiert – mangels Alternativen. Wir setzen aber darauf, dass der Bezirk seine Zusage wahrmacht, den Modulbau nach dem für die Schulsanierungen veranschlagten Zeitraum zurückzubauen, – also nach zehn bis fünfzehn Jahren – damit die geplante Bürgerwiese entstehen kann.

„26 gesunde Eschen würden vernichtet, die Allee zerstört, und das inmitten der Klimakrise und bei einem ohnehin enormen Stadtbaumverlust in Pankow.“

 

Welche Lösungsansätze schlagen Sie denn ganz konkret vor, um das Projekt trotzdem für alle Seiten zufriedenstellend umzusetzen?

Wir begrüßen die in der letzten Legislatur getroffene Entscheidung, den Schuleingang unter dem Aspekt der Schulwegsicherheit von der vielbefahrenen Kniprodestraße in die ruhige Margarete-Sommer-Straße zu verlegen. Und das auch, um möglichst wenige Bäume fällen zu müssen; auf dem Schulgrundstück gingen bereits einige verloren. Ende der letzten Legislatur war uns Bürgern zugesichert worden, die ursprüngliche Planung mit einem fünf Meter breiten Gehweg und Fällung der Allee sei vom Tisch, und es müsse im Rahmen der Schulbaumaßnahmen einschließlich Wegebau nur ein Baum gefällt werden. Völlig unerwartet wurden dann im März dieses Jahres die alten Pläne wieder aus den Schubladen geholt und zunächst unbemerkt von der Öffentlichkeit durch die Ausschüsse gepeitscht.

Den sogenannten Kompromiss, nur eine Baumreihe zu fällen, können wir nicht akzeptieren: 26 gesunde Eschen würden vernichtet, die Allee zerstört, und das inmitten der Klimakrise und bei einem ohnehin enormen Stadtbaumverlust in Pankow – der Bezirk gehört hier zum traurigen Spitzenreiter. Die Kronen sind in fast dreißig Jahren herangewachsen, spenden an der ohnehin schon sehr breiten Asphaltstraße Schatten und Sauerstoff. Wir haben gezeigt: zwischen den Baumreihen kann ein befestigter Weg angelegt werden, der dem Mobilitätsgesetz entspricht. Mit einem wasserdurchlässigen Belag kann die Versiegelung von weiteren ca. 2.500 Quadratmetern Boden vermieden werden. Statt in der Kniprodestraße unnötigerweise Stadtnatur zu vernichten, müsste das Bezirksamt beim Wegebau an der Margarete-Sommer-Straße Dampf machen – dort, wo der Eingang liegt, laufen die Schülerinnen und Schüler natürlich vor allem!

 

Der Baugrund: So sah die Werneuchener Wiese am nördlichen Rand des Volksparks Friedrichshain vor Beginn der Bauarbeiten aus. Mittlerweile ist das Schulprojekt im Bau. / Quelle: Bezirksamt Pankow

Wie läuft derzeit die Kommunikation mit Bezirk und Senatsverwaltung? Haben Sie das Gefühl, dass Sie gehört werden oder wird Ihre Kritik am Vorgehen aus Ihrer Sicht eher ignoriert?

Über Jahre gab es sehr gute Kooperationen zwischen Pro Kiez und den Bezirksämtern sowie politischen Vertreterinnen und Vertretern. Und diese gibt es überwiegend immer noch.

Umso befremdeter mussten wir in Bezug auf den Erhalt der Eschenallee feststellen: Zusicherungen werden zurückgezogen, Bürgerengagement übel diskreditiert. Wir engagieren uns für Stadtnatur und Verkehrssicherheit, und wenn uns nun ein Bezirkspolitiker nachsagt, wir würden mit unseren Alternativvorschlägen ‚aus Eigennutz‘ die Sicherheit von Schulkindern gefährden – das ist schon bitter. Eine unerfreuliche Lektion zum Thema politischer Umgang mit Bürgern. Der wiederholt fehlende Sachbezug zu unseren Vorschlägen zeigt: uns wird oft nicht zugehört – leider gerade von den meinungsprägenden ‚Influencern‘ in den Ausschüssen. Ich möchte das durchaus nicht verallgemeinern, es gibt Gegenbeispiele – die aber politisch bislang nicht zum Tragen kamen.

Unsere größte Sorge: dass wir die entscheidungtreffenden Bezirksverordneten mit unseren Argumenten nicht erreichen. Sie sind über den riesigen Bezirk Pankow verstreut und kennen meist die Ortsgelegenheit nicht. Sie folgen dann – gewissermaßen auf einem Auge blind – den in unseren Augen rabiaten Lösungsvorschlägen der hiesigen Verkehrsverwaltung. In Pankow ist sie stark geprägt von einer Asphalt- und Beton-Mentalität. Innovationsbereitschaft und Aufgeschlossenheit für zeitgemäße, klimakompatible Ideen konnten wir beim besten Willen nicht entdecken.

„Der wiederholt fehlende Sachbezug zu unseren Vorschlägen zeigt: uns wird oft nicht zugehört.“

 

Und noch eine abschließende Frage: Der Mangel an Schulplätzen im rasant wachsenden Bezirk Pankow, insbesondere auch in Prenzlauer Berg, ist groß. Gibt es von Ihrer Seite denn konkrete Vorschläge, wie dieser Problematik in den kommenden Jahren begegnet werden soll, um solche „Notprojekte“ wie den Bau einer Interims-Schuldrehscheibe perspektivisch überflüssig zu machen?

Der beklagenswerte Mangel an intakten Unterrichtsräumen ist Resultat einer kurzsichtigen Bildungspolitik über mehrere Legislaturperioden. Künftig muss Schulraumplanung unbedingt auf den Prognosen für Schülerzahl-Entwicklungen aufbauen, Bildungspolitik muss über den Tellerrand der jeweiligen Legislatur hinausschauen. Bildung ist die wichtigste Ressource in einem rohstoffarmen Land wie Deutschland – eigentlich eine Binsenweisheit. Pro Kiez kann nicht ‚das große Rad drehen‘ – aber wir sind vor Ort mit außerschulischen Bildungsangeboten dabei.

Sehr geehrter Herr Meyer, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Und ich danke Ihnen herzlich, dass Sie uns zugehört haben!

 

Hier könnt Ihr weiteres Videomaterial zum Bauvorhaben „Schuldrehscheibe Prenzlauer Berg“ sehen: 

Beitrag der NRD-Sendung „extra 3“

Baumfällungen Kniprodestraße Berlin-Pankow

Sicherer Schulweg in die Klimakrise

 

Die Schulnot macht einen temporären Schulbau notwendig: An der Grenze zwischen den Stadtteilen Prenzlauer Berg und Friedrichshain soll eine Schuldrehscheibe – auf dem Gebiet des Bezirks Pankow stehend – neu errichtet werden. Dafür wird die sogenannte „Werneuchener Wiese“ überbaut.

 

Weitere Interviews haben wir hier für Euch zusammengestellt:

Wiederaufbau der Altstadt? Die „Stiftung Mitte Berlin“ im Interview

Im Interview: Kathrin Janert zur Drei-Religionen-Kita in Friedrichshain

Bauminseln in der Spree: Architekt Mario Lindner im Gespräch

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Martin Bez im Gespräch zum Neubau am Schloss Charlottenburg

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