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Zukunft des Flughafens Tempelhof: Jutta Heim-Wenzler im Gespräch

Bereits im August 2021 berichteten wir über den enormen Sanierungsbedarf, der beim denkmalgeschützten, ehemaligen Flughafengebäude in Berlin-Tempelhof besteht. Wir hatten die Gelegenheit, mit der Geschäftsführerin der Tempelhof Projekt GmbH, Jutta Heim-Wenzler, über den Status Quo und die Zukunft des Flughafengebäudes zu sprechen.

Der Riese im Herzen der Hauptstadt: Das ehemalige Flughafengebäude in Tempelhof gehört zu den größten Gebäuden Europas und weist einen immensen Sanierungsbedarf auf.

© Fotos von Jutta Heim-Wenzler: Tempelhof Projekt GmbH / Claudius Pflug

 

Rund zwei Milliarden Euro sind es, die das Land Berlin in die Sanierung und Modernisierung des ehemaligen Flughafens Tempelhof investieren muss. Dies hatte die Tempelhof Projekt GmbH im August 2021 ermittelt. Das landeseigene Unternehmen ist für die Verwaltung und Vermarktung des Gebäudes zuständig.

Die sanierungsbedürftigen aber gigantischen Flächen haben in den vergangenen Jahren zunehmend Begehrlichkeiten bei verschiedenen Unternehmen und Kulturinstitutionen der Hauptstadt geweckt.

Über den geplanten Umzug des Alliiertenmuseums in den Hangar 7 des Flughafengebäudes berichteten wir genauso wie über das Vorhaben des Technikmuseums, im benachbarten Hangar 6 eine große Flugfahrtausstellung einzurichten. Wie und wann aber können solche Konzepte realisiert werden, wenn die notwendigen Investitionen in die Modernisierung des Gebäudes berücksichtigt werden müssen und welche Herausforderungen ergeben sich dadurch für den Betrieb und die zukünftige Entwicklung des Gebäudes?

Über dieses und weitere Themen konnten wir in dieser Woche mit Jutta Heim-Wenzler, Geschäftsführerin der Tempelhof Projekt GmbH, ausführlich sprechen.

 

ENTWICKLUNGSSTADT BERLIN: Sehr geehrte Frau Heim-Wenzler, vielen Dank erst einmal, dass Sie uns Ihre Zeit für ein kurzes Interview widmen. Zu Beginn würde ich gern erst einmal wissen, wo eigentlich Ihre Aufgaben als Geschäftsführerin der Tempelhof Projekt GmbH liegen, damit wir eine Vorstellung davon bekommen, wie Sie dieses große und komplexe Projekt überhaupt managen.

Antwort Jutta Heim-Wenzler: Als Geschäftsführerin der Tempelhof Projekt GmbH trage ich die Verantwortung für den Betrieb und die Weiterentwicklung eines der größten Gebäude Europas. Zusammen mit meinem über achtzigköpfigen Team bewältigen wir die enorm herausfordernde Aufgabe, den denkmalgeschützten Flughafen Tempelhof – eine gigantische, über 80 Jahre alte Anlage mit ihrem historischen Erbe – in eine nachhaltige Zukunft zu überführen.  Das bedeutet das Jonglieren mit der Gleichzeitigkeit von Planen, Bauen und Öffnen bei laufendem Betrieb. Als Geschäftsführerin muss ich mich natürlich auch um den reibungslosen Ablauf der operativen Aufgaben kümmern und dabei die strategische Ausrichtung im Blick behalten. Daneben vertrete ich die Gesellschaft nach außen – gegenüber der Öffentlichkeit und unserem politischen Auftraggeber, der Stadt Berlin.

Über die zwei großen Sanierungsprojekte Berlins – das ICC und den ehemaligen Flughafen Tempelhof – wird seit Jahren intensiv berichtet und diskutiert. Auch wir haben mehrfach über Vorhaben von Institutionen berichtet, die in die denkmalgeschützten Gebäude einziehen und dort spannende Projekte umsetzen wollen. So möchten Technik- und Alliierten-Museum gern die Hangars in Tempelhof nutzen. Wie viele solcher Anfragen erhalten Sie eigentlich und wie gehen Sie damit um?

Das Flughafengebäude ist wegen seiner Dimensionen, seiner Lage und Geschichte eine durchaus begehrte Immobilie innerhalb Berlins. Im Vergleich zu anderen Orten ist es bei uns zumindest theoretisch möglich, große Projekte und Ideen zu realisieren. Ich betone theoretisch, da die Sache einen Haken hat: Das über 80 Jahre alte Gebäude ist ein riesiger Sanierungsfall. In den meisten Fällen müssen zunächst einmal die baulichen Bedingungen geprüft werden, damit über eine Nutzung überhaupt nachgedacht werden kann. Selbstverständlich im Einklang mit dem Denkmalschutz. Davon abgesehen sind große und vor allem institutionelle Projekte auch immer eine politische Entscheidung, da sich der Flughafen in Landeseigentum befindet. Wir haben als Gesellschaft somit auch eine strategische und beratende Funktion. Ideen für die Nutzung des Gebäudes gibt es in Berlin viele, aber Sie sehen, der Weg von der Idee über die Finanzierung bis zur Umsetzung ist überaus komplex. Die kostspielige Sanierung, der lange Zeithorizont und die noch andauernde Debatte um die Zielstellung der Gesamtentwicklung machen solche Vorhaben nicht einfacher.

„In den vergangenen Jahrzehnten wurden keine Investitionen in den baulichen und zukunftsfähigen Erhalt des Gebäudes getätigt. Der Sanierungsstau ist gewaltig.“

 

Denkmalgeschütztes Gebäude mit hohem Investitionsbedarf: Rund zwei Milliarden Euro werden laut Tempelhof Projekt GmbH benötigt, um das gesamte Gebäude des ehemaligen Flughafens Tempelhof zu modernisieren.

 

Rund zwei Milliarden Euro soll die komplette Sanierung des historischen Flughafengebäudes nach letzten Schätzungen kosten. Gibt es einen Zeitplan für die Sanierung? Soll dies „am Stück“ geschehen, bevor überhaupt erste Nutzer einziehen können, oder wird dies sukzessive erfolgen? Haben Sie einen entsprechenden Zeitplan dafür?

In den vergangenen Jahrzehnten wurden keine Investitionen in den baulichen und zukunftsfähigen Erhalt des Gebäudes getätigt. Der Sanierungsstau ist gewaltig. Eigentlich muss jede Fläche, jeder Quadratmeter Fassade und jedes Dach angefasst werden. Das geht natürlich nicht alles auf einmal, sondern wird weit mehr als 20 Jahre in Anspruch nehmen.

Der Flughafen Tempelhof ist eben ein Flughafen. Was nach Binsenweisheit klingt, erzeugt aber ganz spezielle Abhängigkeiten. Allein aus diesen baulichen Abhängigkeiten ergibt sich eine zeitliche Logik für die Sanierung. Sie muss gleichzeitig den Bestandsnutzungen und den zukünftigen Nutzungswünschen Rechnung tragen.

Ja, wir haben einen internen Zeitplan, dieser hat aber so viele politische, finanzielle und bauliche Abhängigkeiten und Unwägbarkeiten, dass er sich sicherlich noch oft ändern wird. Die Notwendigkeit unseren Bestandsmietern betriebssichere und gute Flächen anzubieten, zwingt uns zudem, diese bei der Sanierung zu priorisieren. Das unterstreicht auch der neue Koalitionsvertrag.

Können Sie sagen, welche Interessenten es über die oben bereits genannten Museen hinaus noch gibt? Gibt es eine Fokussierung auf das Thema Luftfahrt, oder sind die Nutzungsanfragen vollkommen unterschiedlich? Derzeit liegt der Fokus ja eher auf temporären, vor allem kulturellen Nutzungen, wie etwa der Realisierung einer Kunsthalle oder eines Kinos in der einstigen Abfertigungshalle.

Es gibt eine Vielzahl an unterschiedlichen Ideen, wie das Gebäude genutzt werden kann. Diese kommen z. T. ganz aus der Mitte der Stadtgesellschaft, aus dem politischen Raum und auch von Stadtentwicklern und Architekten. Einige davon sind provokant, viele sind ehrlich und es wert, sich damit zu befassen – und die wenigsten nehmen direkt Bezug auf das Thema Luftfahrt. Nur wenige lassen sich jedoch auch umsetzen, was zum einen am Gebäudezustand und – daraus resultierend – an der fehlenden Nutzungsgenehmigung für viele Flächen liegt, zum anderen aber auch an ungeklärten Finanzierungen oder fehlender politischer Unterstützung.

Solange wir das Gebäude sanieren – und das ist die zwingende Voraussetzung für alle weiteren Ansiedlungen – konzentrieren wir uns auf die Nutzungen, die bereits gesetzt sind sowie auf temporäre Veranstaltungen in verschiedenen Gebäudeteilen. Beispielhaft dafür ist die Kooperation mit der Luftfahrtabteilung des Technikmuseums und der Unterbringung historischer Maschinen in einem unserer Hangars, deren Tore wir regelmäßig für Interessierte öffnen werden. Darüber hinaus kooperieren wir mit dem Torhaus e. V., dessen Mitglieder mit unserer Unterstützung eigenverantwortlich das kleine Gebäude am Columbiadamm klimaneutral sanieren und als Schaufenster der Beteiligung und Netzwerkarbeit nutzen. Der massive Sanierungsstau, die herausfordernde Gleichzeitigkeit vieler Themen und Projekte, ein noch immer unscharfes Bild der Zukunftserzählung und auch die Öffentlichkeit, die sich in unterschiedlichster Weise in die Entwicklung einbringen möchte, stellen uns immer vor neue Herausforderungen. Langweilig wird es so nie! Klar ist jedenfalls, dass wir alle die Langfristigkeit der Entwicklungsaufgabe akzeptieren müssen.

„Die Leute sehen hier in Tempelhof ein riesiges Gebäude mit jeder Menge Potential, was anscheinend leer und ungenutzt ist. Das weckt Begehrlichkeiten.“

 

Komplexes Baudenkmal mit großem Sanierungsbedarf: Der ehemalige Flughafen Tempelhof. Jutta Heim-Wenzler sagt: „Eigentlich muss jede Fläche, jeder Quadratmeter Fassade und jedes Dach angefasst werden.

 

An kreativen Entwicklungskonzepten für das ehemalige Flughafengebäude mangelt es nicht. Die Umsetzung jedoch ist ausgesprochen komplex und langwierig. Auf diesem Bild ist beispielhaft eine Konzeptstudie des Büros BLR projektplan in Zusammenarbeit mit der Architektin Dörte Mandrup zu sehen.

© BLR projektplan entwicklungsges. mbH

 

Da das riesige, dem Gebäude vorgelagerte Tempelhofer Feld auch in den kommenden Jahren nicht bebaut werden darf, rücken die Flächen, die sich innerhalb des Flughafengebäudes befinden, mehr ins Zentrum des öffentlichen Interesses. In den umliegenden Bezirken, vor allem in Friedrichshain-Kreuzberg, gibt es einen großen Bedarf an Sportflächen, Sporthallen und Schwimmbädern. Gab oder gibt es eigentlich die Überlegung, solche Flächen in den riesigen Hangars zu schaffen? Es könnten ja mehrstöckige Einbauten entstehen, die einen dringenden Bedarf decken würden. Auch Schulflächen sind rar. Oder lässt der Denkmalschutz solche radikalen Umbauten nicht zu?

Wie ich schon sagte, eine einfache Nutzung ist aufgrund des Gebäudezustands und des Denkmalschutzes nicht ohne weiteres möglich. Sie skizzieren sogar ein ganz typisches Problem, was uns als Gesellschaft häufiger begegnet: Die Leute sehen hier in Tempelhof ein riesiges Gebäude mit jeder Menge Potential, was anscheinend leer und ungenutzt ist. Das weckt Begehrlichkeiten. Klar, dass in Mangel- oder Notsituationen schnell der Gedanke auf den Flughafen als möglichen Ort kommt. Aber mal von der Umsetzbarkeit abgesehen, zeigt unsere strategische Ausrichtung grundsätzlich in eine andere Richtung. Unsere „Vision 2030+“ sieht die Entwicklung des Flughafengebäudes und seiner Außenflächen zum Ort für Kunst, Kultur, Kreativwirtschaft und öffentliche Nutzung vor. Dieses Konzept eröffnet Möglichkeitsräume für eine zukunftsweisende Nutzung.

Auf dem Dach des Flughafengebäudes soll eine Geschichtsgalerie entstehen, die die bewegte Geschichte des Flughafens dokumentieren soll. Wie weit ist dieses Projekt mittlerweile vorangeschritten?

Ich hatte vorhin von den Unwägbarkeiten in Bezug auf das Ausmaß der Sanierung, der Kosten und der Zeit gesprochen. Die Geschichtsgalerie ist ein gutes Beispiel dafür. Ursprünglich haben wir geplant, dass unser zweites großes Öffnungsprojekt 2026 fertiggestellt werden kann. Neuere Untersuchungen der Bausubstanz haben allerdings erhebliche Probleme zu Tage gefördert, die sich auf das Fertigstellungsdatum auswirken. Das ist bedauerlich, aber angesichts des Zustands des Gebäudes auch nicht verwunderlich. Wir werden die Probleme bewältigen und sind davon überzeugt, dass die Geschichtsgalerie mit ihrem 1,2 Kilometer langen Rundgang auf dem Flughafendach ein echtes Highlight für Tourist*innen und Berliner*innen werden wird – auch wenn sie etwas später fertig wird.

„Unsere ‚Vision 2030+‘ sieht die Entwicklung des Flughafengebäudes und seiner Außenflächen zum Ort für Kunst, Kultur, Kreativwirtschaft und öffentliche Nutzung vor.“

 

Geschäftsführerin der Tempelhof Projekt GmbH: Jutta Heim-Wenzler

© Tempelhof Projekt GmbH / Claudius Pflug

 

Und abschließend: Wie ist Ihre ganz persönliche Einschätzung – wo sehen Sie den Flughafen Tempelhof und das Tempelhofer Feld in 20 Jahren?

In 20 Jahren wird die Tempelhof Projekt GmbH das Zukunftskonzept „Vision 2030+“ erfolgreich umgesetzt haben. Der Flughafen Tempelhof ist der zentrale Ort für Künstlerinnen und Künstler sowie Kreative aus Berlin und der ganzen Welt. Jedes Jahr finden Tausende den Weg zum Flughafen, um Events der Superlative beizuwohnen oder im Rahmen einer Führung die Geschichte des Ortes zu reflektieren. Das sind meine Wünsche für „THF“. Ich wünsche mir außerdem, dass das Gebäude und das Tempelhofer Feld zusammenwachsen, dass die Menschen ungehindert zwischen beiden Orten wechseln können und beides zu ihrem neuen Stadtteil machen. Sie merken, ich komme ins Schwärmen und träumen. Für mich wird der Flughafen Tempelhof immer ein Möglichkeitsort bleiben. Hier wird Wunderbares vollbracht und Neues erschaffen.

Sehr geehrte Frau Heim-Wenzler, wir danken Ihnen für das Gespräch!

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