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Jede Zeit baut ihre Stadt.

Wiederaufbau der Altstadt? Die „Stiftung Mitte Berlin“ im Interview

Ende September berichteten wir über das Engagement der neu gegründeten „Stiftung Mitte Berlin“. Die Stiftung will sich aktiv, öffentlich und transparent für eine dicht bebaute und belebte Innenstadt auf dem Gebiet der einstigen Berliner Altstadt einsetzen und historische Gebäude wieder aufbauen. Wir hatten die Gelegenheit, mit Marie-Luise Schwarz-Schilling und Dr. Benedikt Goebel aus dem Stiftungsvorstand zu sprechen.

In dieser Übersichtskarte ist das Gebiet zu sehen, welches die „Stiftung Mitte Berlin“ im Rahmen ihres aktiven Engagements betrachtet. Es setzt sich aus den ehemals eigenständigen Städten Cölln und Berlin zusammen. / © Planungsgruppe Stadtkern im Bürgerforum Berlin e.V.

© Visualisierungen: Stiftung Mitte Berlin
© Themenkarten: Planungsgruppe Stadtkern im Bürgerforum Berlin e.V.

 

In der vergangenen Woche berichteten wir über das Engagement der neu gegründeten „Stiftung Mitte Berlin“. Die Stiftung will sich aktiv, öffentlich und transparent für eine dicht bebaute und belebte Innenstadt auf dem Gebiet der einstigen Berliner Altstadt einsetzen.

So sollen viele Straßen und Plätze in Struktur und Form der 1920er Jahre wiederaufgebaut werden. Dabei sollen die Bestrebungen der Gruppe nicht auf das Gebiet des Molkenmarkts beschränkt bleiben, sondern auch Innenstadtbereiche betreffen, die darüber hinaus gehen.

Initiatorin des Projekts ist die Unternehmerin und Autorin Marie-Luise Schwarz-Schilling, die die „Stiftung Mitte Berlin“ gegründet hat und gleichzeitig auch deren Vorsitzende ist. Schwarz-Schilling hat sich namhafte Unterstützer mit ins Boot geholt. Ein weiteres Vorstandsmitglied der Stiftung ist der Stadtforscher Dr. Benedikt Goebel, der als stellvertretender Vorsitzender der Stiftung fungiert.

Wir hatten die Gelegenheit, mit beiden ein ausführliches Gespräch zum ambitionierten, städtebaulichen Vorhaben der Stiftung zu führen und mehr Details über die angestrebte Umgestaltung der östlichen Berliner Innenstadt zu erfahren.

Im Interview mit Marie-Luise Schwarz-Schilling & Dr. Benedikt Goebel

ENTWICKLUNGSSTADT BERLIN: Zu Beginn würden wir gern etwas mehr über Sie und Ihre Arbeit außerhalb der Stiftung erfahren. Was ist Ihr beruflicher Hintergrund und warum wollen Sie sich in der „Stiftung Mitte Berlin“ engagieren?

Marie-Luise Schwarz-Schilling: Ich wurde aus meiner Geburtsstadt Berlin mit 13 Jahren nach Büdingen umgesiedelt, aber Berlin blieb mein Sehnsuchtsort. Ich bin Diplom-Volkswirtin, Unternehmerin der Akkumulatorenfabrik Sonnenschein, Stadtverordnete der Stadt Büdingen (während dieser Zeit wurde meine zweite Tochter geboren). Ich bin mit einem Mann verheiratet, der, wie ich, einer Generation angehört, die gewillt ist, sich in die Politik einzumischen, was meinen Eltern leider erst viel zu spät, 1934, bewusst wurde.

Dr. Benedikt Goebel: Mein Engagement für den Berliner Stadtkern geht auf die Herkunft aus einer geschichtsbegeisterten Familie und aus der geschichtsbegeisterten Stadt Münster in Westfalen zurück. Studium der Geschichte und Philosophie, Promotion zur Geschichte der Berliner Mitte 2002. Projekte in Berliner Bibliotheken und Museen. Seit 2011 Inhaber des Büros stadtforschung berlin. Gastprofessur an der Berliner Hochschule für Technik. Ausstellungskurator für die Stiftung Stadtmuseum und die Akademie der Künste. Mitglied des Kuratoriums für die Mitte der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung 2014/2015. Mitglied der Historischen Kommission, Sprecher des Bürgerforum Berlin e.V., Vorstandsmitglied des Architekten- und Ingenieurvereins zu Berlin-Brandenburg.

Vision: Der nach historischem Vorbild rekonstruierte Große Jüdenhof in einer Darstellung der „Stiftung Mitte Berlin“.

Die von Ihnen in der vergangenen Woche publizierte, angestrebte Veränderung und Belebung der einstigen Berliner Altstadt ist auf ein breites Echo gestoßen. Woher kommt die Motivation, ein solches Projekt anzustoßen?

MLSS: Berlin ist eine in Europa begehrte und beliebte Stadt und hat schöne Plätze. Die Mitte Berlins ist aber unwirtlich. Viele Gemeinden Deutschlands, besonders im Osten, haben ihre Altstädte sehr anmutig wiederaufgebaut. Die Einwohner sind stolz darauf. Die Frankfurter sind es heute auch. Die Berliner könnten es werden…

BG: Die in anderen Metropolen selbstverständliche Forderung, dass der älteste Teil der Stadt ein vielfältiger, lebendiger Ort der Begegnung und des Austausches pro urbis et orbis, bleiben bzw. werden soll, ist in Berlin bislang nicht fundiert genug vertreten worden.

Im Gegensatz zum von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung angestoßenen Wiederaufbau des Quartiers am Molkenmarkt sind die räumlichen Grenzen des von Ihnen betroffenen Gebiets noch nicht ganz klar. Gibt es ein genau umrissenes Gelände oder Quartier, welches im Fokus Ihrer Aktivitäten steht?

BG: Der mittelalterliche Stadtkern, also die ehemaligen Teilstädte Berlin und Cölln mit ihrem vielfältigen Schicksal. (Zur Erläuterung sind dem Interview sechs Themenkarten und eine Überlagerung angefügt, Anm. d. Red.)

© Planungsgruppe Stadtkern im Bürgerforum Berlin e.V.

„Wir sind nicht gekommen, um abzureißen. Wir fügen zusammen, was zusammengehört und an diesen Ort gehört. Wir ergänzen dabei nur, was fehlt.“
Dr. Benedikt Goebel

 

Während der Molkenmarkt zwar teilweise in seinen historischen Grundrissen, nicht aber in seiner ursprünglichen, architektonischen Ausprägung wiedererrichtet werden soll – die Entwürfe sind da sehr unterschiedlich – scheinen Sie den Wiederaufbau ausgewählter Bauwerke in ihrer originären, historischen Form anzustreben. Warum kommen in Ihren Visualisierungen keine modernen Gebäudeformen oder hybride Konzepte wie etwa das erfolgreich realisierte Humboldt Forum vor?

BG: Moderne Gebäude der Nachkriegszeit gibt es in unseren Visionen ja etliche. Wir visualisieren die noch nicht realisierten, historischen Potenziale der Mitte. Das Humboldt Forum steht bereits, warum sollten wir es zeigen? Wir publizieren als Stiftung allerdings auch deshalb keine neu entworfenen Fassaden, weil sich darüber stets trefflich streiten lässt.

Apropos Visualisierungen: Die von Ihnen erstellten Bilder zeigen Gebäude, die in dieser Form vor 100 Jahren in der Berliner Altstadt gestanden haben, im Kontext der modernen Berliner Innenstadt. Wie kam es zur Idee dieser optischen Überlagerung zweier Phasen der Berliner Baugeschichte?

MLSS: Überlagerungen der Baugeschichte gibt es in allen wichtigen Städten Europas, von der Gotik über Renaissance und Barock bis zum Jugendstil. Die Abwechslung, die daraus entsteht, macht sie zu begehrten Zielen.

BG: Wir sind nicht gekommen, um abzureißen. Wir fügen zusammen, was zusammengehört und an diesen Ort gehört. Wir ergänzen dabei nur, was fehlt – räumlich im Stadtraum und thematisch in der Stadtdebatte: Liebe und Begeisterung für die verlorene Berliner Altstadt.

© Planungsgruppe Stadtkern im Bürgerforum Berlin e.V.

Die Beispiele Molkenmarkt oder auch des Humboldt Forums zeigen, wie mühsam und langwierig der Weg zur Realisierung eines konkreten Projektvorhabens sein kann. Wie wollen Sie die Berliner Landespolitik denn von einem so umfassenden und eingreifenden Umbau der östlichen Innenstadt überzeugen? Gibt es konkrete Pilotprojekte, mit denen Sie beginnen wollen?

MLSS: Wir haben mit unseren Visualisierungen ja gezeigt, welche Plätze wir genau verändern wollen. Die Reihenfolge ergibt sich auch immer wieder daraus, was der Senat gerade entscheiden will. Zurzeit ist der Molkenmarkt im Gespräch.

BG: Der entscheidende Startschuss und Prüfstein für die Wiedergewinnung der Berliner Mitte ist die Halbierung der Breite des neu zu errichtenden Mühlendamms und die Wiederingebrauchnahme der alten Gertraudenbrücke.

„Überlagerungen der Baugeschichte gibt es in allen wichtigen Städten Europas, von der Gotik über Renaissance und Barock bis zum Jugendstil. Die Abwechslung, die daraus entsteht, macht sie zu begehrten Zielen.“
Marie-Luise Schwarz-Schilling

 

Gibt es denn ein städtebauliches Vorbild für das von Ihnen formulierte Ziel? Häufig fällt bei Wiederaufbau- oder Rekonstruktionsprojekten der kritische Begriff der „Disneyland-Architektur“. Was entgegnen Sie skeptischen Stimmen, die einen Wiederaufbau längst vergangener Gebäude als rückwärtsgewandt und nicht mehr zeitgemäß empfinden?

MLSS: Zeitgemäße Städte sind Kuala-Lumpur und Singapur. Wollen wir hier alle so aussehen? Ich kenne diese skeptischen Stimmen genau. Aber die Alternative: „Disneyland oder Bauhaus“ ist doch eine ideologisch geprägte Verarmung unserer Vorstellungskraft. Sehen wir uns doch mal um – zum Beispiel in Krakau oder in Münster. Dort haben sich die Einwohner nicht von solchen Parolen beeindrucken lassen.

BG: Unsere Vorstellungen und Forderungen sind zeitgemäß. Unsere Vorbilder sind die Altstadtwiedergewinnungen der Nachkriegszeit, wie erwähnt, in Münster und Krakau, aber auch in Danzig und Warschau, sowie jüngst in Frankfurt am Main, Lübeck und Potsdam.

© Planungsgruppe Stadtkern im Bürgerforum Berlin e.V.

Das Projekt am Molkenmarkt hatten wir bereits in einer vorherigen Frage angesprochen. Der Wettbewerb endete vorläufig ohne Entscheidung, zwei sehr unterschiedliche Entwürfe waren Gegenstand von öffentlichen und internen Diskussionen. Welchen der beiden Entwürfe unterstützt die „Stiftung Mitte Berlin“? Immerhin „überlagert“ das Projekt ja einen Großteil des von Ihnen betrachteten Gebiets.

BG: Zwei Korrekturen dazu: Der B-Plan 1-14 macht nur einen kleinen Teil der Mitte aus, die im Interesse der Stiftung liegt. Die eingereichten Entwürfe orientierten sich beide an der nicht-ortsgemäßen Senatsvorgabe: Ein Gebäude mit drei Treppenhäusern pro Häuserblock und waren in dieser Form also beide abzulehnen.

Abschließend noch eine letzte Frage: Gibt es schon jetzt bestimmte Meilensteine, die Sie sich auf dem Weg zu Ihrem Ziel gesetzt haben? Was sind die nächsten, konkreten Schritte? Und wann würden Sie das Projekt, welches ja ganz sicher als Langzeitaufgabe zu betrachten ist, als „abgeschlossen“ betrachten?

MLSS: Meilensteine sind für mich persönlich der Große Jüdenhof und die Umgebung der Marienkirche mit dem Fernsehturm. Abgeschlossen wird das Projekt nie. Immer wird es jemandem einfallen, was man noch besser machen sollte.

Sehr geehrte Frau Schwarz-Schilling, sehr geehrter Herr Dr. Goebel, wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg bei der Umsetzung des Projekts und danken Ihnen für das Gespräch!

Wiederaufbau des Molkenmarkts in historischer Form: So stellen sich die Initiatoren der „Stiftung Mitte Berlin“ das Quartier am Roten Rathaus zukünftig vor. Die vom Senat favorisierten Wettbewerbsbeiträge zum Wiederaufbau des Molkenmarkts lehnt die Stiftung jedoch ab. / © Stiftung Mitte Berlin

 

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1 Kommentar

  1. Dani November 10, 2022

    Könnte das Engagement der Menschen hinter der Stiftung für Berlin und seinen Wiederaufbau noch mehr Menschen aus nah und fern dazu anregen, sich in ähnlicher Weise in/für Berlin zu engagieren?

    Könnte das zunehmende Engagement der Menschen für die Stadt dazu beitragen, dass endlich „Berlin wieder Berlin“ wird (und nicht nur ein „Schatten seiner selbst“ bleibt)?

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