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Im Interview: Kathrin Janert zur Drei-Religionen-Kita in Friedrichshain

In der Friedrichshainer Marchlewskistraße soll eine Drei-Religionen-Kita für 135 Kinder errichtet werden. Entstehen soll das Gebäude auf dem Grundstück der evangelischen Kirchengemeinde St. Markus-Lazarus. Mit Kathrin Janert, Vorständin des Evangelischen Kitaverbandes Berlin Mitte-Nord, konnten wir zu diesem Projekt sprechen.

© Visualisierungen: Förderverein Drei-Religionen-Kita-Haus

 

Das Zusammenspiel dreier großer Weltreligionen ist in einer multikulturell geprägten Stadt wie Berlin ein häufiges Thema und findet offenbar mehr und mehr auch Eingang in die institutionelle Stadtentwicklung der Metropole.

Dies zeigt sich bereits durch das ambitionierte “House of One”-Projekt, welches seit rund zehn Jahren in Mitte geplant wird. Das „House of One“ soll der erste Sakralbau sein, in dem Juden, Christen und Muslime vereint unter einem Dach ihre Religion ausüben können.

In Friedrichshain soll in den kommenden Jahren ein vergleichbares Projekt realisiert werden: Eine Drei-Religionen-Kita für insgesamt 135 Kinder. Es ist das bundesweit erste Projekt dieser Art, über das wir bereits im Februar 2022 erstmals berichteten.

Wir hatten die Gelegenheit, mit Kathrin Janert, Vorständin des Evangelischen Kitaverbandes Berlin Mitte-Nord, ausführlich zum Projekt zu sprechen.

Im Interview: Kathrin Janert

ENTWICKLUNGSSTADT BERLIN: Sehr geehrte Frau Janert, vielen Dank erst einmal, dass Sie uns Ihre Zeit für ein kurzes Interview widmen. Zu Beginn würden wir gern etwas mehr über Ihre Rolle im Förderverein Drei-Religionen-Kita-Haus erfahren. Was sind Ihre Aufgaben und was motiviert Sie, sich in diesem Projekt zu engagieren?

Kathrin Janert: Meine Name ist Kathrin Janert. Ich bin Vorständin des Evangelischen Kitaverbandes Berlin Mitte-Nord und Mit-Initiatorin des Projektes Drei-Religionen-Kita-Haus. Berlin ist eine Stadt der Vielfalt. Als Betreiberin von 35 evangelischen Kitas treffe ich jeden Tag mit Menschen aus verschiedenen Religionen, Kulturen und Familienformen zusammen. Das im Drei-Religionen-Kita-Haus die gute Nachbarschaft dieser Menschen exemplarisch und wissenschaftlich begleitet eingeübt werden kann, empfinde ich als große Chance für unsere Stadtgesellschaft und darüber hinaus.

Der Neubau der Drei-Religionen-Kita ist ein außergewöhnliches Projekt, wie es weltweit nur äußerst selten konzipiert wird. Wie kam es zur Vision, eine solche Einrichtung zu bauen?

Die Idee entstand schon 2014 am Rande einer Veranstaltung des Berliner Forums der Religionen. 2015 ist dann das Konzept zu einem Haus mit drei gleichgroßen Kitas sowie einem gemeinsamen Begegnungszentrum entwickelt worden. Leider hat sich die Grundstückssuche für diese Idee einige Jahre hingezogen. Aber nun haben wir auf dem Grundstück der Evangelischen St. Markusgemeinde in Berlin-Friedrichhain einen tollen Standort gefunden. Und wir hoffen, 2023 mit den Bauarbeiten beginnen zu können.

„Religion ist eine Tatsache in unserer Gesellschaft, die unsere Geschichte und unser tägliches Leben prägt. Vielen Menschen ist es wichtig, ihre Kinder in diesen Traditionslinien aufwachsen zu lassen.“

Wie wurde der Standort – in der Marchlewskistraße in Friedrichshain – ermittelt? Gab es noch weitere, alternative Standorte, die in Frage kamen?

Ja, wir waren zuerst im Kontakt mit einem Standort in Berlin-Moabit. In den Verhandlungen zeigte sich aber, dass unser Konzept auf dem fraglichen Grundstück nur schwer zu realisieren war. Bei der Standortsuche ist die Vernetzung im Kirchenkreis Stadtmitte, der das Projekt mitträgt, natürlich sehr hilfreich. Und die St. Markusgemeinde in der Marchlewskistraße ermöglicht das Projekt durch einen sehr günstigen Erbbaupachtvertrag. Wir sind sehr dankbar für diese Unterstützung, ohne die ein Bau in der Berliner Innenstadtlage tatsächlich schwer zu finanzieren wäre.

So soll die Drei-Religionen-Kita in Friedrichshain einmal aussehen. Der Bau soll auf einem Grundstück in der Marchlewskistraße ab 2023 beginnen.

Wie ist das Konzept der Kita aufgestellt? Wird sie ausschließlich für Kinder offen sein, die Mitglieder der drei Religionen – Christentum, Judentum, Islam – sind?

Wir planen drei Kitas mit je 45 Kindern. Familien, die sich für eine der Kitas anmelden, müssen natürlich das religionspädagogische Konzept für ihre Kinder wollen und mittragen. Das wird sich im Anmeldeprozess bzw. bei Kennenlerngesprächen klären. Einen „Mitgliedsnachweis“ werden wir aber natürlich nicht verlangen.

Wie wird sich der Alltag in der Kita von dem einer nicht-religiösen Kita unterscheiden?

Die Kinder in den drei Kitas sollen durch die religionspädagogische Arbeit zunächst einmal in ihren eigenen Religionen beheimatet werden. Das heißt es werden Feste vorbereitet und gefeiert, Lieder und Geschichten gelernt, Traditionen eingeübt. Und dann laden sich die Kitas gegenseitig ein und stellen vor, wie und warum sie ihre jeweiligen Feste feiern.

„Wichtig für unsere Zeit ist aus meiner Sicht, dass sich die Religionen im Dialog zusammenfinden und schauen, wie sie gemeinsam Gutes tun können. Und da hat sich in den letzten Jahren einiges getan.“

Wie etwa beim „House of One“ Projekt am Petriplatz in Mitte haben die Initiatoren von religiös orientierten Projekten häufig mit Vorurteilen, mitunter auch mit Anfeindungen zu kämpfen, beispielsweise in sozialen Netzwerken. Wie begegnen Sie solchen Meinungen?

Bisher haben uns tatsächlich nur sehr wenige negative Reaktionen erreicht. Dafür sind wir sehr dankbar. Wenn, dann gehen die Reaktionen in die Richtung „Warum brauchen Kinder denn Religion? Damit sollte man sie in Ruhe lassen„. Wir versuchen in unserer Arbeit deutlich zu machen, dass – egal wie man zu Religionen steht – Religion eine Tatsache in unserer Gesellschaft ist, die unsere Geschichte und unser tägliches Leben prägt. Vielen Menschen ist es wichtig, ihre Kinder in diesen Traditionslinien aufwachsen zu lassen.

Haben Sie das Gefühl, es ist schwieriger geworden, religiös ausgerichtete Projekte umzusetzen? Was hat sich in der öffentlichen Wahrnehmung ihrer Meinung nach verändert?

Eigentlich habe ich nicht das Gefühl. Wichtig für unsere Zeit ist aus meiner Sicht, dass sich die Religionen im Dialog zusammenfinden und schauen, wie sie gemeinsam Gutes tun können. Und da hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Seit 2014 gibt es in Berlin das Forum der Religionen, ähnlich wie auch schon zuvor in anderen Städten. Das House of One haben Sie ja schon angesprochen. Ähnliche Projekte findet man auch in Stuttgart, Wien, Bern, Stockholm, London … Das sehe ich mit Freude.

Sehr geehrte Frau Janert, wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg bei der Umsetzung des Projekts danken Ihnen für das Gespräch!

 

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