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Die (kleine) Wiederauferstehung des Berliner Zeitungsviertels

Auf einem gut ein Quadratkilometer großen Areal zwischen Leipziger Straße im Norden, dem Landwehrkanal im Süden, der Wilhelmstraße im Westen und der Lindenstraße im Osten befanden sich bis zum Zweiten Weltkrieg rund 500 Betriebe der Druckereibranche. Es war das legendäre Berliner Zeitungsviertel.

Setzereien, Druckereien, Anzeigenbüros und Redaktionen

Setzereien, kleine und große Druckereien, Anzeigenbüros, Vertriebsbüros und natürlich unzählige Redaktionen hatten hier ihren Sitz, vor allem die drei Berliner Großverlage Scherl, Ullstein und Mosse waren hier ansässig.

Das Berliner Zeitungsviertel war Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge der Industrialisierung der Druckbranche entstanden und galt – vergleichbar zum New Yorker Times Square und der Londoner Fleet Street – als Synonym für modernes Pressewesen und gehörte zu den führenden, städtischen Medienquartieren weltweit.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebiet durch einen alliierten Luftangriff am 3. Februar 1945 stark zerstört. Zudem veränderte der Bau der Berliner Mauer ab 1961 die Situation grundlegend, da der Grenzverlauf zwischen Ost und West direkt mitten durch das einstige Zeitungsviertel lief.

Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, Teilung durch den Mauerbau

Der Großteil der Verlage und Druckereien wurde in den folgenden Jahrzehnten geschlossen oder siedelten sich an anderen Standorten der beiden Stadthälften an – oder aber gänzlich außerhalb Berlins. Zudem entstanden in der Folge völlig neue Titel und auch neue Verlagsgruppen, unter völlig neuen Voraussetzungen, die die Teilung Berlins und Deutschlands mit sich brachten.

Axel Springer war nach dem Mauerbau und dem Bau des berühmten Axel-Springer-Hochhauses (Anfang der 60er Jahre) direkt am Grenzstreifen das einzig verbliebene Medienunternehmen im Quartier. Unternehmensgründer Axel Springer ließ das Hochhaus absichtlich direkt an den Mauerstreifen setzen, um auf der anderen Seite des eisernen Vorhangs sichtbar zu sein. Als Reaktion darauf ließ die SED-Regierung die heute ebenfalls noch bestehenden Wohntürme an der Leipziger Straße bauen.

Axel Springer und taz als letzte Medienhäuser im ehemaligen Zeitungsviertel

Ab Ende der 70er Jahre gesellte sich die linksorientierte Tageszeitung taz hinzu, die ihren Sitz in der Kochstraße (heute Rudi-Dutschke-Straße) hatte und damit in direkter Nachbarschaft zur wenig geliebten „Springer-Presse“. Ein Status Quo, der sich über mehrere Dekaden hinweg nicht ändern sollte.

Neben dem Axel Springer Verlag mit seinen Titeln BILD, B.Z., DIE WELT und Berliner Morgenpost gab es – nach dem Mauerfall – zwei weitere, große Verlagsgruppen, die auf dem Berliner Zeitungsmarkt im Konkurrenzkampf mit Axel Springer und taz standen: Der Tagesspiegel (heute zugehörig zur Holtzbrinck-Gruppe) und die Berliner Zeitung.

Die Berliner Zeitung war bis vor wenigen Jahren in ihrem bekannten, ikonischen Stammhaus an der Karl-Liebknecht-Straße am Alexanderplatz beheimatet. Nach mehreren Umstrukturierungen und Eigentümerwechseln musste der gesamte Berliner Verlag im Mai 2016 das traditionsreiche Verlagshaus verlassen. Es wird derzeit für eine anderweitige Nutzung umgebaut. Der bekannte, rotierende Schriftzug, der sich auf dem Gebäude befindet, wird immerhin erhalten bleiben.

Neue Bewegung auf dem Gebiet des alten Zeitungsviertels

Der Berliner Verlag, mittlerweile in Besitz des Unternehmerpaares Silke und Holger Friedrich, ist in die Alte Jakobstraße 105 gezogen und sitzt nun direkt zwischen Mitte und Kreuzberg in einem neu errichteten Eckgebäude. 2016 formulierte die Chefredaktion des Verlags den Umzug wie folgt: „Der Neubau in zentraler Lage(…) ist mit modernster technologischer Infrastruktur ausgerüstet und bietet flexible technische sowie räumliche Lösungen.“

Was für den in finanzielle Schieflage geratenen Verlag sicher eine Notlösung war, führte räumlich dazu, dass die Verlagsgruppe mittlerweile nur wenige Fußminuten vom Verlagsgebäude der Axel Springer SE entfernt liegt. Eine Konstellation, welche für die Mitarbeiter des einstigen Ost-Berliner Verlags vor wenigen Jahren sicher undenkbar gewesen wäre.

Auf der anderen Seite Kreuzbergs, am Askanischen Platz, sitzt seit 2009 Der Tagesspiegel und einige Abteilungen der ZEIT Gruppe. Beide Medien gehören zur Holtzbrinck Mediengruppe. Vorher hatte der Tagesspiegel an der Potsdamer Straße residiert. Nun sind die Häuser von Axel Springer, taz und Berliner Zeitung fußläufig erreichbar und kreieren damit ein neues Berliner Zeitungsviertel.

Konzentration der Berliner Medienunternehmen in Mitte und Kreuzberg

Bis auf den Umzug der Berliner Morgenpost und der B.Z. an den Kurfürstendamm (im Zuge des Verkaufs der Titel an die FUNKE Mediengruppe) hat es in den vergangenen Jahren also eine Konzentration der großen Medienunternehmen in Kreuzberg und Mitte gegeben. Damit aber nicht genug: Sowohl die Axel Springer SE als auch die taz haben in den vergangenen Jahren aufsehenerregende Neubauten realisieren können.

Die Axel Springer SE, die mit dem Hochhaus und der Axel Springer Passage bereits über zwei dominante Gebäude im Viertel verfügen, haben einen von Rem Koolhaas konzipierten Neubau errichten lassen, der ein völlig neues Arbeiten verspricht. Hier ist ein riesiger Monolit entstanden, der eine zuvor jahrzehntelang brachliegende Freifläche füllt und die Beziehungen zwischen den Gebäuden völlig neu ordnet.

Axel Springer und taz bauen neue, spannende Verlagshäuser

Die taz hingegen hat ihren Standort in der Rudi-Dutschke-Sraße aufgegeben und ist ein paar Meter weiter gezogen. In der südlichen Friedrichstadt, direkt an der Friedrichstraße, ist ein innovativer, kantiger Neubau nach Plänen der Züricher Architekten E2A entstanden. Im einstmals sehr beliebten taz Mitarbeiter-Restaurant in der Rudi-Dutschke-Straße ist nun ein nicht weniger gelungenes Café eingezogen: das Betahaus.

Die Medienbranche gehört zu den Wirtschaftsbereichen, die durch die Digitalisierung am intensivsten betroffen waren und sind. Auflagenverluste, Umstrukturierungen und Konsolidierungen in großem Umfang prägen den Markt seit fast zwanzig Jahren. Umso erfreulicher ist es, dass es trotz aller Widrigkeiten noch immer viele Medienunternehmen gibt, die innovative und mutige Wege gehen.

In Berlins Mitte kann man dies nun wieder auf engstem Raum beobachten, in der Tradition des einstmals unvergleichlichen Berliner Zeitungsviertels. Dessen Geschichte ist mitnichten vorüber. Es werden neue Kapitel geschrieben, allen Krisen zum Trotz. Und das ist eine gute Nachricht.

(Titelbild: Das neue Verlagsgebäude der „taz“)

 

Neue Optik: Ram Koolhaas‘ beeindruckender Axel Springer Neubau

 

Alt und neu: Das Axel Springer Hochhaus steht direkt neben dem verglasten Neubau

 

Am Askanischen Platz sitzt seit über zehn Jahren Der Tagesspiegel

Der Berliner Verlag residiert seit 2016 in der Jakobstraße

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