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Sportmetropole Berlin: Ist eine Olympia-Bewerbung realistisch?

CDU und SPD haben sich im Koalitionsvertrag für eine Berliner Olympia-Bewerbung 2036 oder 2040 ausgesprochen. Seit Jahrzehnten mäandert das Thema Olympische Spiele immer wieder durch die politischen Institutionen Berlins. Doch wie realistisch ist eine mögliche Bewerbung wirklich?

Sportstadt Berlin: Der jährlich stattfindende Marathon gehört zu den bedeutendsten Laufveranstaltungen weltweit. / © Foto: Wikimedia Commons

© Fotos: depositphotos.com, Wikimedia Commons
Text: Björn Leffler

 

Kurz nach der Wiedervereinigung herrschte in Berlin eine lange ungekannte Aufbruchstimmung, und da kam die Idee einer möglichen Olympia-Bewerbung gerade recht. Die Idee dafür war bereits in den 1980er Jahren entstanden, und nach dem Mauerfall war die Durchführung von olympischen Spielen in beiden Hälften der Stadt tatsächlich auch faktisch möglich.

Die Organisatoren der Berliner Bewerbung überschätzten jedoch die Strahlkraft der frisch wiedervereinten Metropole maßlos – und unterschätzten gleichzeitig, dass viele Menschen in der Stadt erst einmal völlig andere Sorgen hatten als die Austragung der Olympischen Sommerspiele. Die Proteste gegen das Projekt, die es auf den Straßen der noch unsortierten Hauptstadt wiederholt gab, blieben auch dem IOC nicht verborgen. So scheiterte Berlins Bewerbung letztlich sang- und klanglos.

Seit 1993 hat sich Berlin beim IOC nicht mehr um Olympische Spiele beworben

Eine weitere Bewerbung Berlins hat es bislang nicht gegeben, dafür aber durchaus Bemühungen, andere deutsche Städte oder Metropolregionen ins Rennen zu schicken. Dabei war die erfolglose Bewerbung von Leipzig wohl einer der größten Trugschlüsse der jüngeren deutschen Sportgeschichte.

Die Stadt Hamburg, die sich einige Jahre später in einem vorangegangen Bewerbungsverfahren gegen Berlin hatte durchsetzen können, wäre wohl ein deutlich aussichtsreicherer Kandidat gewesen, scheiterte dann jedoch überraschend am Votum der eigenen Bevölkerung. Angst vor der eigenen Courage?

Hamburg verfügt weder über Sportstätten noch über eine olympische Tradition

Ungeachtet der Tatsache, dass Hamburg in jedem Fall ein attraktiver deutscher Bewerber für die Ausrichtung olympischer Sommerspiele gewesen wäre, hatte die Bewerbung – nicht nur aus heutiger Sicht – einen großen Nachteil: in Hamburg gab es so gut wie keine bestehenden Sportstätten, zwei große Fußballstadien einmal ausgenommen.

Zudem verfügte die Stadt Hamburg auch nicht über eine olympische Tradition und konnte kaum Erfahrungen vorweisen mit der Ausrichtung großer internationaler Leichtathletik-Events. All das ist letztlich nicht mehr wichtig, da die folgenden zwei Sommerspiele der Jahre 2024 und 2028 – für die Hamburg ins Rennen gegangen wäre – an Paris und Los Angeles vergeben wurden.

Berlins Olympia-Konzept 2015: Betonung der Nachhaltigkeit

Aber schon im Jahr 2015, als Berlin und Hamburg im internen Wettstreit gegeneinander antraten, betonten die Berliner Verantwortlichkeiten die Nachhaltigkeit ihrer Bewerbung, da es in der Hauptstadt bereits einen Großteil der erforderlichen Sportstätten gab. Die Verantwortlichen des DOSB scheuten damals vermutlich aber unter anderem auch die kritische Haltung der Berlinerinnen und Berliner, die sich – fast schon traditionell – ausgenommen skeptisch präsentierten.

Dem damaligen Bürgermeister Michael Müller gelang es jedenfalls nicht, echte Begeisterung für eine Berliner Olympia-Bewerbung zu wecken, und so wirkte das Vorhaben letztendlich unausgegoren und halbherzig, obwohl es inhaltlich ausgereift war. Es wurde jedoch deutlich, dass sich die Berlinerinnen und Berliner furchtbar schwer damit taten, sich für eine Großveranstaltung zu begeistern, während in der Stadt Wohnungsmangel und Probleme bei der Sanierung von Schulen, Kitas oder der Polizei vorherrschten.

SPD und CDU wollen eine erneute Olympia-Bewerbung Berlins vorantreiben

Nachdem das Thema Olympia nun für mehrere Jahre vom Tisch war, wollen CDU und SPD den Faden nun also wieder aufnehmen. Wörtlich heißt es im Koalitionsvertrag: “Die Koalition bekräftigt die Bereitschaft, dass Berlin als ein Austragungsort im Rahmen einer
möglichen nationalen Bewerbung mit einem nachhaltigen Konzept um die Durchführung von Olympischen und Paralympischen Sommerspielen in Deutschland zur Verfügung steht.

Es wird derzeit mehr als deutlich, dass die schwarzrote Koalition viele Themen vollkommen anders interpretiert als ihre rot-grün-rote Vorgängerregierungen. Das wird etwa beim Thema Altstadt-Rekonstruktion, dem Weiterbau der A100 oder – was wenig überraschend ist – beim Dauerthema Friedrichstraße deutlich. Diese wird ab dem 1. Juli nämlich wieder für den Autoverkehr geöffnet.

Olympia war in der rot-grün-roten Koalition kein hoch priorisiertes Thema

SPD, Grüne und Linke haben sich in den vergangenen Jahren einer Vielzahl relevanter Themen gewidmet und dabei versucht, ihre Vorstellungen durchzusetzen. Aber eine Olympia-Bewerbung Berlins war ganz sicher nicht hoch priorisiert. Auch hier möchte Schwarz-rot nun also eine deutliche Trendwende einleiten.

Die Frage ist nur: Kann der neu ins Amt gewählte Bürgermeister Kai Wegner eine tatsächliche Begeisterung der Berlinerinnen und Berliner für eine erneute Olympia-Bewerbung wecken? Viel wird dabei davon abhängen, wie ein solches Vorhaben in die Bevölkerung kommuniziert wird.

Kann Kai Wegner die Mehrwerte einer Olympia-Bewerbung kommunizieren?

Ein großes Manko des letzten Bewerbungs-Versuchs war es, dass nicht klar gemacht werden konnte, wie stark auch der Breitensport von einer Olympia-Bewerbung profitieren kann. Denn mit der Durchführung von Olympischen Spielen geht auch immer die Modernisierung bestehender Sportstätten einher, was vor allem für Schulen und Vereine von hoher Wichtigkeit wäre. So hatte es der Berliner Senat auch schon 2015 vorgesehen und eine solche Modernisierung der Sportstätten in das Bewerbungskonzept geschrieben.

Allein es wurde nicht gehört. Zu groß waren – und sind – die Vorbehalte der Menschen gegen die Institution IOC, die womöglich eines der größten Probleme darstellen. Denn viele Menschen haben zurecht wenig Lust, eine durchkommerzialisierte IOC-Werbeveranstaltung in die Stadt zu holen.

Das miserable Image des IOC ist eines der Kernprobleme

Genau hier müssen die Organisatoren eine klare Strategie entwickeln, wie eine Bewerbung und der Umgang mit dem letztlich entscheidenden IOC aussehen soll. Denn eine Berliner Bewerbung für Olympische Sommerspiele kann und muss den Fokus auf das Thema Nachhaltigkeit setzen. Dem IOC, welches weltweit mit einem massiven Imageverlust zu kämpfen hat, käme ein solches Konzept von nachhaltigen und emissionsreduzierten Spielen vermutlich sehr recht.

Das wird bereits jetzt deutlich. Denn schon die im kommenden Jahr in Paris stattfindenden Sommerspiele werden zu großen Teilen im gesamten Stadtzentrum in temporären Sportanlagen durchgeführt, die später nicht weiter genutzt sondern wieder abgebaut werden. Von diesen Spielen sollten sich die potenziellen Berliner Organisatoren viel abschauen, denn es ist ein Konzept, welches sich sehr gut auch auf die deutsche Hauptstadt übertragen ließe.

Olympia in Berlin auf den großen Freiflächen der Stadt?

Denn große Freiflächen gibt es auch in Berlin. Neben dem historischen Maifeld im Olympiapark wären auch Flächen wie das Tempelhofer Feld, die Wiese vor dem Reichstag oder der Mauerpark in Prenzlauer Berg mögliche Sport- und Veranstaltungsflächen.

Unabhängig davon kann Berlin dann durchaus auch etwas Selbstbewusstsein zeigen und sich als das präsentieren, was es seit vielen Jahren ist: eine Sportmetropole mit internationaler Strahlkraft. Berlin ist ungeheuer erfahren in der Austragung großer Sport-Events und hat zudem eine lange olympische Tradition.

WM, EM, ISTAF oder Marathon: Berlin kann große Sport-Events durchführen

Davon zeugen nicht nur das jährliche Leichtathletik-Festival „ISTAF“, sondern auch begeisternde Sport-Events wie die Leichtathletik-WM 2009, die Leichtathletik-EM 2018 oder der jährlich im September stattfindende Marathon, der zu den bedeutendsten Laufveranstaltungen der Welt zählt.

Natürlich gehört zu einer Olympia-Bewerbung auch der Mut, etwas zu wagen, dessen Ausgang ungewiss ist. Und natürlich wird es viele Leute geben, die sich gegen eine solche Bewerbung sträuben werden. Auch das ist in gewisser Hinsicht eine deutsche Tradition. Als das Land im Jahr 2000 den Zuschlag für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 erhielt, hat das öffentlich für wenig Aufsehen gesorgt – feiernde Menschen in den Straßen gab es jedenfalls nicht.

Das große Vorbild: Die Fußball-WM 2006 und ihr positiver Nachhall

Sechs Jahre später jedoch war das Land wie verwandelt und erlebte vier begeisternde Wochen. Der Begriff „Sommermärchen“ wurde geboren, auch in Berlin, wo hunderttausende ins Olympiastadion, die Fanmeile am Brandenburger Tor und unzählige Public-Viewing-Locations im gesamten Stadtgebiet pilgerten.

Aber auch unabhängig vom Fußball gibt es in Berlin eine große Sportbegeisterung, was sich nicht nur an den enorm gut besuchten Sportstätten der Berliner Profivereine im Basketball, Handball, Volleyball und Eishockey ablesen lässt. Dieses Potenzial gilt es zu aktivieren, wenn eine Bewerbung tatsächlich erfolgreich sein soll.

Berlins großer Vorteil: Viele Sportstätten sind bereits vorhanden

Zudem muss der ganz große Pluspunkt einer möglichen Berliner Bewerbung klar herausgearbeitet werden, und das ist und bleibt das Thema Sportstätten. Neben dem hochmodernen Olympiastadion, welches im Vorfeld der anstehenden EM 2024 gerade noch einmal auf Vordermann gebracht wird, gibt es mit dem Olympiapark ein bereits bestehendes, riesengroßes Sportareal, welches für zahlreiche Wettbewerbe und Sportarten genutzt werden kann und infrastrukturell hervorragend angebunden ist.

Darüber hinaus gibt es mit dem Stadion an der Alten Försterei – dann mit einem Fassungsvermögen von 38.000 Plätzen – dem neuen Leichtathletik-Stadion am Jahnsportpark, der Mercedes-Benz-Arena, der Max-Schmeling-Halle oder dem Velodrom weitere Sportstätten, die genutzt oder baulich erweitert werden könnten. Womöglich gibt es dann auch ein neues Fußballstadion mit 45.000 Plätzen direkt neben dem Olympiastadion.

Kann Kai Wegner Begeisterung für eine Berliner Olympia-Bewerbung wecken?

Die Potenziale einer Berliner Bewerbung liegen demzufolge auf der Hand. Fraglich ist jedoch, ob sich die Stimmung in der Stadt seit der zuletzt gescheiterten Bewerbung gewandelt hat. Die Stadt erlebt immerhin, trotz weiterhin bestehender Probleme, seit Jahren einen wirtschaftlich konstanten Aufschwung, die Zahl der Arbeitsplätze steigt jährlich konstant an.

Drängende, schwer zu lösende Themen wird es in der Stadt auch weiterhin geben: Wohnungsnot, Verwaltungsreform, Lehrermangel, veraltete Schulen. Die gibt es in anderen Städten, die sich für die Austragung Olympischer Spiele bewerben, allerdings auch. Denn das eine hat nicht unbedingt etwas mit dem anderen zu tun.

Große Sportveranstaltungen können finanzielle Mitte freimachen

Es ist vielmehr so, dass große Sportprojekte finanzielle Mittel freimachen können, um lange aufgeschobene Vorhaben endlich umzusetzen. Das Olympiastadion selbst ist das beste Beispiel dafür. Erst im Zuge der Weltmeisterschaft 2006 wurde das vollkommen marode Stadion saniert und in großen Teilen neu gebaut – überwiegend finanziert vom Bund. Ohne die Turniervergabe an Deutschland wäre das so undenkbar gewesen.

Da eine Berliner Bewerbung natürlich eine nationale Bewerbung wäre – mit möglichen weiteren Standorten in Warnemünde, Kiel oder Leipzig – gäbe es für die Stadt auch die Möglichkeit, wichtige Infrastruktur- und Sportprojekte vom Bund (mit-)finanzieren zu lassen – beispielsweise eine Modernisierung des maroden Mommsenstadions in Charlottenburg.

Olympia als Tourismus-Werbung für Berlin

Unabhängig davon wären Olympische Sommerspiele eine nicht zu vergleichende Tourismus-Werbung für Berlin, von der die Stadt noch viele Jahre profitieren könnte. Zudem würden die zahlreichen Gäste schon während der Spiele viel Geld in der Stadt lassen und bei Gastronomen und im Hotelgewerbe Rekordzahlen verursachen.

Es spricht also vieles für eine erneute Berliner Bewerbung. Fraglich ist nur, ob es der aktuellen Regierung gelingt, das Thema trotz der drängenden Fragen des politischen Alltagsgeschäfts auf die Agenda zu hieven – und plausibel zu machen. Damit dies gelingen kann, muss Berlin einerseits den Mut haben, sich mit dem Thema ins Rampenlicht zu stellen. Andererseits braucht die Stadt auch die klare Unterstützung der Bundespolitik sowie des DOSB. Nur so ist eine erneute Bewerbung denkbar.

 

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Hochmoderne Leichtathletik-Arena im Herzen des Olympiaparks: das Olympiastadion Berlin. Wird es noch einmal Austragungsort für Olympische Sommerspiele? / © Foto: depositphotos.com

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