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Zähes Ringen im historischen Kontext: Der Neubau der Mühlendammbrücke

Das Bauen in Berlins historischer Mitte ist und bleibt umkämpft. Nach der umstrittenen Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses wurde vom Berliner Senat bereits das nächste Großprojekt in Angriff genommen, der Wiederaufbau des Molkenmarktes. Beide Projekte zeichnen sich dadurch aus, dass sie das Ziel haben, Spuren des historischen Berliner Zentrums wieder transparent und sichtbar zu machen.

Neuplanung ohne Rücksicht auf historischen Kontext

Es hat in den vergangenen Jahrzehnten noch einige weitere Beispiele dafür gegeben, wo eine historische Rekonstruktion oder zumindest eine architektonische Remineszenz an das Vergangene versucht wurde, wie etwa beim Wiederaufbau des Nikolaiviertels, der Rekonstruktion der Parochialkirche oder der konzeptionell überarbeiteten James Simon Galerie. Auch beim Projekt “House of One” am Petriplatz ist der Bezug zum historischen Grund des Gebäudes ein elementarer Bestandteil des baulichen Konzeptes.

Ein anderes Bauprojekt in der historischen Stadtmitte hingegen wird derzeit geplant, ohne auf historische Gegebenheiten Rücksicht oder darauf Bezug zu nehmen. Im Herbst diesen Jahres startet die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung einen Realisierungswettbewerb zum Neubau der Mühlendammbrücke.

Senat plant eine Breite von 42 bis 44 Metern

Die bisherigen Vorgaben für den Wettbewerb sehen eine Gesamtbreite der Brücke von 42 bis 44 Metern vor. Das ist in etwa die Breite der heutigen Brücke, die 1968 in Spannbetonbauweise errichtet wurde und eine unansehnliche, 45 Meter breite Schneise durch die Innenstadt getrieben hat.

Diese Brücke ist nun marode und soll durch einen Neubau ersetzt werden. Viele Bürger, Interessengemeinschaften und Initiativen sind entsetzt darüber, dass die Senatsverwaltung derzeit plant, die Ausmaße der heutigen Brücke auch für das neue Bauwerk einfach übernehmen zu wollen.

Alternative Konzepte wurden erstellt und visualisiert

Der Architekten- und Ingenieursverein AIV betonte in einer Pressemitteilung Ende Juni: „Gute Stadtplanung fängt bei den Brücken an – zumal in einer Stadt mit vielen Wasserwegen.“ Berlins aktuelle Planung sei „uninspiriert, autobahnartig und eines Stadtzentrums unwürdig“.

Der öffentliche Diskurs über den Neubau der Brücke hält bereits seit mehreren Monaten an. An alternativen Vorschlägen mangelt es nicht. Der Architekt Dr. Helmut Maier stellt sich einen Neubau als Wiederbelebung der ältesten Verbindung zwischen Berlin und Cölln vor, mit Kolonnaden, die über die zukünftige Brücke führen sollen (siehe Abbildung).

Ephraim Gothe fordert eine deutlich schmalere Brücke

Ephraim Gothe, SPD, Baustadtrat von Mitte, verfasste einen öffentlichen Brief an die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Gothe erinnert in diesem Brief daran, dass die Mühlendammbrücke von 1894, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, mit ihrem Brückengebäude für die Stadtsparkasse nicht nur „in pittoresker Weise das Stadtbild bereicherte“, sondern sich mit ihrem Querschnitt von 15 Metern Fahrbahn inklusive zweigleisiger Tram und zwei knapp sechs Metern breiten Bürgersteigen als sehr verkehrstauglich erwiesen hatte.

Gothe fordert also, wie viele weitere Bürgerinitiativen und Architekten, eine deutliche Verschmälerung der zukünftigen Brücke und eine architektonische Konzeption, die Bezug nimmt auf die historische Geschichte der Brücke. Es wäre ein weiteres Teilstück zur Umgestaltung der während der DDR-Zeit neu errichteten Innenstadt. Die geplante Straßenbahn vom Alexanderplatz zum Potsdamer Platz hätte auf einer solchen Brücke trotzdem noch ausreichend Platz.

Es bleibt abzuwarten, ob die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung die zahlreichen Bedenken und Einwände hören mag, oder sie doch lieber ignoriert. Denn eines ist klar: Sollten die Dimensionen und die architektonischen Vorgaben für den Brückenneubau noch einmal überdacht werden, würde das Planungsverfahren dadurch empfindlich verzögert. Fortsetzung folgt.

 

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1 Kommentar

  1. Daniel Juli 24, 2020

    “Moderne Architektur“ gibt es in Berlin in jede Ecke. Sehr oft auch nicht gelungen. Eine anspruchsvolle historische reko wäre nicht nur an diese Stelle richtig, aber auch für Berlin das richtige. Ich hoffe der Senat versagt nicht in ihre Entscheidung.

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