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ENTWICKLUNGSSTADT Buchrezension: „Stimmanns Stadtlektüren“

Unter dem Titel „Stimmanns Stadtlektüren“ ist im Verlag Wasmuth & Zohlen ein Buch mit Texten, Vorträgen und Interviews des Stadtplaners und einstigen Berliner Staatssekretärs für Stadtentwicklung, Hans Stimmann, erschienen. Es ist ein Werk entstanden, welches vielsagende Einblicke in die städtebaulichen Visionen und theoretischen Herangehensweisen Stimmanns ermöglicht.

© Foto: Verlag Wasmuth & Zohlen

 

„Mein großer Bruder lernte Schlosser, mein kleiner Bruder wurde Seemann, meine Schwester Krankenschwester, und ich habe in Lübeck eine Maurerlehre gemacht. Von meiner Sozialisation her und von meiner ganzen Lebensart her bin ich Handwerker, kein Intellektueller. So wie ich arbeite und denke, muss immer alles architektonisch und handwerklich sein und nicht abstrakt und künstlerisch.“

Mit diesem Zitat von Hans Stimmann, einstiger Senatsbaudirektor und Staatssekretär für Stadtentwicklung in Berlin, wird der Inhalt des im Wasmuth & Zohlen Verlag erschienenen Buchs „Stimmanns Stadtlektüren“ bereits im Klappentext treffend beschrieben.

Stimmann wirkte von 1991 bis 2006 in der Berliner Stadtentwicklung

Denn das städtebauliche Wirken des 1941 geborenen Stimmanns war, vor allem während seiner 15 Berliner Amtsjahre zwischen 1991 und 2006, geprägt von einer strengen Programmatik und nicht immer  unumstrittenen, stadtplanerischen Visionen.

Stimmann, der auch Mitglied im Berlin/Brandenburger Architekten- und Ingenieurverein ist, eröffnet in diesem Buch, welches Texte, Interviews und Vorträge der Jahre 2012 bis 2022 enthält, spannende Ein- und Rückblicke in die Jahre des großen, stadtplanerischen Aufbruchs im Berlin der Nachwendejahre. Und er spricht offen darüber, welche Fehler auch er dabei gemacht hat.

So sagte er in einem Gespräch mit Rainer Haubrich: „Der Senat hätte stärker darauf achten müssen, die Grundstücke kleiner zu machen. Stattdessen kamen die ehemals volkseigenen Grundstücke blockweise auf den Markt. Das entsprach nicht dem Charakter der im Barock entstandenen Friedrichstadt.“

Mit grossen Glasfassaden konnte STimmann wenig anfangen

Auch über seine Aversion gegenüber großformatigen Glasfassaden oder zusammenhangslos platzierten Hochhausprojekten spricht Stimmann ehrlich und direkt und verteidigt dabei das bereits in den 1990er Jahren von Rem Koolhaas kritisierte Berliner „Blockrand-Dogma„.

Stimmanns Credo war, wie er selbst sagte, bereits in dieser Zeit: „Stadt erhalten, Gebäude nicht abreißen, den Stadtgrundriss rekonstruieren und Baulücken mit moderner Architektur schließen.“ Er selbst gibt zu, dass ihn die teils große Kritik an seinen Vorgaben zu Traufhöhe, parzellierter Bebauung und Mischnutzung überrascht hat, sucht aber auch nach Gründen dafür.

Stimmann zur Kritik an seiner Arbeit: „Es war wohl die Sehnsucht nach Avantgarde“

„Es war wohl die Sehnsucht nach Avantgarde. (…) Im Grunde kam der Hauptwiderstand aus den Feuilletons der Tagespresse, anfangs auch von der Berliner Zeitschrift Bauwelt.“ Auch das Arch+ Magazin nennt er als einstigen, scharfen Kritiker seiner auf Stadtgrundrisse, Geschichte und historische Bautraditionen fokussierte Stadtentwicklungspolitik.

Und er führt auf, welche Projekte er aus seiner Sicht – nicht zuletzt aufgrund des Beharrens auf diesen Vorgaben – aus heutiger Sicht als gelungen betrachtet. Vor allem die Friedrichstadt zwischen Hausvogteiplatz und Friedrichstraße führt Stimmann hier an, aber auch den modern rekonstruierten Pariser Platz am Brandenburger Tor.

Ein kurzweiliger und erfrischender Einblick in Stimmanns Denken und Handeln

Neben einem Rückblick auf seine Berliner Wirkungsjahre beschäftigt sich das Buch aber noch mit weiteren Themen, wie etwa der Verkehrsplanung in Berlin, der lange Zeit vergessenen und vernachlässigten Industriekultur oder die umstrittene, moderne Bebauung im Umfeld der Friedrichswerderschen Kirche. Und auch Stimmanns Heimatstadt Lübeck wird am Ende des Buches mit zwei kurzen Beiträgen bedacht.

„Stimmanns Stadtlektüren“ ist ein vor allem kurzweiliger, erfrischend ehrlicher und vielschichtiger Einblick in das Denken und Handeln von Hans Stimmann, der sowohl für ein Fachpublikum als auch für allgemein Interessierte am Thema Berliner Stadtentwicklung hervorragend funktioniert.

 

Wasmuth & Zohlen Verlag
Stimmanns Stadtlektüren
Texte, Vorträge und Interviews 2012 bis 2022

Format: 14,5 × 22 cm. Schweizer Broschur
191 Seiten
2022 (1. Auflage)
ISBN 978 3 8030 2375 9

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