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Verkehrswende: Wann bekommt der Kurfürstendamm einen Fahrradweg?

Fahrradfahren auf dem Kurfürstendamm ist eine ungemein gefährliche Sache. Es ist Berlins letzte Prachtstraße, die noch immer gänzlich ohne Radweg auskommt, auf einer Länge von über drei Kilometern. Dabei ist eigentlich genug Platz da. Woran liegt es?

Ein übergreifendes, innovatives Mobilitätskonzept für die City West – samt Kurfürstendamm und Tauentzien – fehlt seit Jahren. Warum eigentlich?

Ein Kommentar von Björn Leffler

 

Als Radfahrer ist man auf dem Kurfürstendamm tagtäglich im direkten Konflikt mit Bussen, Taxis oder Autos. Denn einen eigenen Fahrradweg gibt es auf der rund drei Kilometer langen Straße zwischen Halensee und Gedächtniskirche an keiner Stelle. Das ist umso erstaunlicher, da die Flaniermeile über ausreichende Flächen verfügt.

Es ist ein tagtägliches Abenteuer, sich als Radfahrerin oder Radfahrer über den rund drei Kilometer langen Kurfürstendamm in Charlottenburg-Wilmersdorf zu quälen. Einen eigenen Fahrstreifen für Radfahrende gibt es nicht, und so müssen sich die Radfahrerinnen und Radfahrer ihre Fahrspur mit Bussen und Taxis teilen. Von denen gibt es am Kurfürstendamm natürlich nicht wenige.

Ein eigener Radweg fehlt – die Busspur darf genutzt werden

Hinzu kommen Autos und Kleinlastwagen, die die Busspur gern nutzen, um dem Stau auszuweichen. Der Kurfürstendamm wird von Autofahrerinnen und Autofahrern zudem gern als Rennstrecke und Präsentationsfläche für im wahrsten Sinne großspurige und großformatige Autos genutzt.

Für Radfahrer ist der Kurfürstendamm also nicht nur umständlich zu befahren, sondern aufgrund der oben geschilderten Umstände und der zahlreichen Kreuzungs- und Abbiegesituationen durchaus gefährlich. Und für Bus- und Taxifahrer ist es zudem wenig spaßig, sich den engen Straßenraum mit genervten Radfahrern zu teilen. Eine Lose-Lose-Situation also.

Der Kurfürstendamm als letzte Bastion des motorisierten Verkehrs?

Umso erstaunlicher ist es, dass es in den vergangenen Jahren keinen ernsthaften, politischen Vorstoß gegeben hat, den Straßenraum zu beruhigen oder – zumindest – eine eigene, kleine Fahrspur für Radfahrer einzurichten. Während auf anderen Straßen der Hauptstadt, die deutlich weniger Straßenraum zur Verfügung haben, neue Verkehrskonzepte geplant und umgesetzt werden, tut sich in der City West am Kurfürstendamm nichts.

Torstraße, Kantstraße, Friedrichstraße, Unter den Linden oder Karl-Marx-Allee: Berlin plant oder baut Fahrradwege (und Fußgängerzonen) und testet neue Mobilitätsformen auf den prominenten Magistralen der Stadt, mit unterschiedlichem Erfolg, aber mit einem eindeutigen Trend: Es wird mehr Platz geschaffen für den nicht motorisierten Verkehr.

Radweg-Projekte sind in Charlottenburg nichts exotisches mehr

Dabei gibt es Vorreiter-Bezirke wie etwa Friedrichshain-Kreuzberg, die neue Radwege in großem Stil planen und schaffen. Im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf gibt es ebenfalls mehrere Fahrradweg-Projekte, die geplant oder bereits umgesetzt wurden, wie etwa der oben bereits erwähnte Umbau der Kantstraße oder die „Opernroute Nord“.

Einzige Ausnahme bleibt der Kurfürstendamm, der auf seiner gesamten Länge nicht einen einzigen Meter Fahrradweg bietet. Dabei wäre der Charakter der Straße für eine Verkehrsberuhigung eigentlich ideal geeignet, denn am Kurfürstendamm sind zahlreiche Einzelhandels- und Gastronomie-Angebote angesiedelt, die sich über ein verstärkt flanierendes Publikum freuen würden.

Die Straße bietet ausreichend viel Platz

Auch Platz gibt es eigentlich genug. Denn Parkplätze sind nicht nur an beiden Seiten der vierspurigen Straße vorhanden, sondern sogar auf einem Großteil des Mittelstreifens. Fußgängerinnen und Fußgänger haben hier zudem ausgesprochen viel Raum auf den sehr breiten Gehwegen. Es bleibt also die Frage, warum es im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf offenbar kein ernsthaftes Bestreben gibt, den Kurfürstendamm neu zu ordnen.

Die tragische Amokfahrt auf der Straße am Tauentzien, die sich vor wenigen Wochen ereignete, unterstreicht zusätzlich den vorhandenen Bedarf, das Areal rund um die Gedächtniskirche – und das schließt den Kurfürstendamm zumindest in Teilen mit ein – verkehrsplanerisch neu zu denken.

Verkehrskonzept am Breitscheidplatz wird diskutiert, aber nicht umgesetzt

Bereits vor der neuerlichen Amokfahrt hat es im Bezirk und in der Berliner Landespolitik intensive Diskussionen über ein neues, tragfähiges Verkehrs- und Sicherheitskonzept für den Breitscheidplatz gegeben. Diese Diskussionen sind nach dem Anschlag erneut aufgeflammt.

Dabei wurde mehr als deutlich, dass die Regierungs- und Oppositionsparteien sehr unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie der Verkehr zukünftig durch das Zentrum der City West geführt werden sollte.

Bettina Jarasch möchte den Verkehr für die ganze City West neu denken

Verkehrssenatorin Bettina Jarasch (Die Grünen) immerhin betonte in diesem Zusammenhang, dass ein neues Verkehrskonzept nicht ausschließlich für den Bereich am Tauentzien gedacht werden sollte, sondern auch für den Kurfürstendamm. Ohne ein konkretes Konzept zu präsentieren, deutete sie dabei an, dass die derzeitige Situation auf der Straße im Zuge der Verkehrsplanung überarbeitet werden müsse.

Im einem Gespräch mit der ENTWICKLUNGSSTADT Redaktion und Thomas Willemeit vom Architekturbüro Graft  über die Zukunft des ICC im Juni 2021 betonte auch Oliver Schruoffeneger, Verkehrsstadtrat des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf, dass es längst Pläne für ein neues, übergreifendes Verkehrskonzept für die City West gebe. Bislang jedoch ist davon nur wenig zu sehen.

Der Kurfürstendamm hat das Potenzial zum Leuchtturm-Projekt

Wie groß allein das Image-Potenzial ist, auf dem Kurfürstendamm ein modernes und ausgewogenes Mobilitätskonzept umzusetzen, scheint in der Berliner Politik noch nicht ganz angekommen zu sein, unabhängig von den positiven, ökologischen Auswirkungen.

Der Kurfürstendamm könnte also zu einem Leuchtturmprojekt der Berliner Mobilitätswende werden. Und ganz nebenbei könnte man zudem die Sicherheit vieler Verkehrsteilnehmer erhöhen. Allein dafür würde sich ein Umbau doch schon lohnen – oder?

Weitere Projekte in Charlottenburg-Wilmersdorf findet Ihr hier

 

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