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Flughafen Tempelhof: Schwierige Modernisierung eines Baudenkmals

Die Sanierung und Modernisierung des historischen Flughafengebäudes in Berlin-Tempelhof ist eine der aufwendigsten und langwierigsten Aufgaben des Berliner Senats. Neben vielen Herausforderungen und Unwägbarkeiten gibt es jedoch auch Erfolge zu verzeichnen.

Historisches Baudenkmal: Der ehemalige Flughafen Tempelhof in Berlin. Die Sanierung wird das Land Berlin rund zwei Milliarden Euro kosten.

© Fotos: depositphotos.com
Text: Henriette Schubert

 

Das geschichtsträchtige Areal des ehemaligen Flughafens Tempelhof in Berlin soll für die Zukunft gewappnet werden. Mit dem Ziel, einen Ort für Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft auf dem Tempelhofer Feld entstehen zu lassen, legte der Hauptausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses kürzlich einen Fortschrittsbericht vor, der über den Weg zu diesem Ziel in den vergangenen Jahren aufklärten soll.

Mit Jutta Heim-Wenzler, Geschäftsführerin der Tempelhof Projekt GmbH, sprachen wir bereits im März 2022 zur Mammutaufgabe, das historische Flughafengebäude zu sanieren. Bei der Präsentation des Fortschrittsbericht wurden neben Erfolgen auch Schwachstellen sichtbar, die den Fortschritt behindern.

Berlin Tempelhof: Historisches Areal bleibt Anziehungspunkt

Der Flughafen Tempelhof in Berlin wurde in den 1930er Jahren mit Aufnahme des Linienverkehrs zum Weltflughafen. Hangars, Türme, Vorfeld und Abfertigungshalle, die von den Nationalsozialisten errichtet wurden, erfüllten verschiedene Funktionen und dennoch wurde der Flugplatz tatsächlich nie in Gänze fertiggestellt. 

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg behielt der Flughafen seine Wichtigkeit für die Stadt und die umliegende Bevölkerung. Er fungierte als Schauplatz für die Berliner Luftbrücke und jüngst auch als Unterkunft für Geflüchtete, als Eventlocation, Konzertplatz und Impfzentrum.

Der Flughafen als Impfzentrum, Flüchtlingsunterkunft und Eventlocation

Trotz der offiziellen Schließung des historischen Flughafens im Jahr 2008 erweist sich der riesige Gebäudekomplex damit weiterhin als Anziehungspunkt für ganz unterschiedliche Zielgruppen und wird auf sehr unterschiedliche Weisen genutzt. So soll es auch in Zukunft bleiben.

Die vielfältigen Ideen und Ansätze fasst die Tempelhof Projekt GmbH daher in der Vision 2030+ zusammen. Seit 2018 ist die Gesellschaft mit Weiterentwicklung und Pflege des Gebäudes betraut. Noch fehlt es an einem vollständig ausgearbeiteten Nutzungskonzept, die erstellte Ideensammlung gibt jedoch einen Ausblick auf die Zukunft des Areals, welches zu einem innovativen Ort mit Nutzungsvielfalt heranwachsen soll. Arbeit, Freizeit und Stadtgeschichte sollen hier verbunden und erlebt werden. 

Tempelhof als Ort für alle: Fortschritte in Wiederbelebung des alten Flughafens

Ein besonders markanter Fortschritt beim Erreichen dieser Vision wurde durch die Errichtung des Besucherzentrums „Check-in“ getätigt. Im Jahr 2020 zog das Zentrum direkt neben den ehemaligen Haupteingang.

Die hier gezeigte Ausstellung zur Flughafengeschichte und der Zukunft des Areals sowie die angebotenen Vorträge, die unter dem Titel „THFx“ zu wechselnden Themen stattfinden, zogen im Eröffnungsjahr rund 20.000 Besucherinnen und Besucher an.

Formula E, Art Week oder Musikfestivals locken tausende Besucher an

Durch die Einschränkungen der Corona-Pandemie nahmen im vergangenen Jahr mit etwa 17.000 Besuchern weniger Menschen an Führungen teil. Auch das ehemalige Offizierscasino „Orville´s“ im Gebäudeteil Hangar 2 fand durch die Errichtung eines Cafés im Januar 2020 eine neue Nutzung.

Mit dem Ziel, einen Ort für alle zu schaffen, bekamen überdies die Hangars und das Vorfeld neue Funktionen. Das Elektromotor-Rennen Formula E, der SCC Marathon, die Art Week, mehrtägige Musikfestivals, Messen und ähnliche Veranstaltungen locken jährlich tausende von Besucherinnen und Besuchern zum denkmalgeschützten Schauplatz. 

Modellprojekt? Klimaneutrale Energiegewinnung wird angestrebt

Doch nicht nur die Nutzung selbst soll das Areal für die Zukunft machen, auch die Klimaneutralität ist bei allen Ansätzen ein entscheidender Faktor. Mithilfe des Konzeptes TI 2030, welches den vollständigen Neubau der technischen Infrastruktur regelt, soll der Flughafen Tempelhof zum Modellprojekt für die klimaneutrale Zukunft der Metropole Berlin werden.

Durch dieses Konzept soll nicht nur der Energieverbrauch um 44 Prozent reduziert werden, auch 12.000 Tonnen Kohlendioxid sollen hierdurch eingespart werden. Bereits bis 2028 sollen die hierfür notwendigen technischen Anlagen verbaut worden sein, damit neben Sonnenenergie auch Abwasser-, Luft- und Abwärme nutzbar gemacht werden.

Sanierungsbedürftige Bausubstanz behindert vielfältige Nutzung

Damit solle die Anlage den Zukunftsanforderungen gerecht werden und so auch den Anforderungen an Nachhaltigkeit nachkommen, wie die Tempelhof Projekt GmbH erklärt. Auf dem Weg zur Umsetzung gilt der Rückbau der Regenwassereinleitung in den Landwehrkanal als größtes Teilprojekt. 

Was zukunftsweisend und innovativ klingt, ist jedoch auch mit jeder Menge Hürden verbunden. Denn sowohl der Erhalt, als auch die Öffnung und Nutzung des alten Gebäudes erweisen sich als schwierig und kostenintensiv. Da der Flughafen nie in Gänze fertiggestellt wurde, muss für eine weitere Nutzung in Bezug auf Sicherheit vielfach nachjustiert werden.

Brand- und Tragwerkssicherheit sind häufig nicht gegeben

Da keine Baugenehmigung vorliegt, bestünde heute auch kein Nachweis über Sicherheit von Tragwerk und Brandschutz aus der Entstehungszeit. Die abnehmende Material- und Bauqualität der Kriegszeit des Zweiten Weltkriegs gesellt sich als weiteres Problem hinzu, so die Tempelhof Projekt GmbH.

Vermietete Räume können dadurch nicht unter den heute wichtigen Standards zu Brand- und Tragwerkssicherheit genutzt werden und müssen saniert werden. Täglich kommen weitere Fälle hinzu, die den teils maroden Zustand des Gebäudes beweisen.

Tempelhof Projekt GmbH: Bedarf an zusätzlichen Arbeitsplätzen steigt

Die Projektverantwortlichen rechnen daher mit 15 bis 25 Jahren Zeit, um die Betriebs- und Verkehrssicherheit gewährleisten zu können. Zu den hierdurch steigenden Kosten gesellt sich ein Mangel an Fachfirmen, wodurch auch die Realisierung von Teilprojekten erschwert wird.

Zudem werden weitere Mitarbeitende auf dem Flughafengelände benötigt, um den wachsenden Aufgaben der nahen Zukunft gerecht zu werden und die derzeit 89 für die Tempelhof Projekt GmbH arbeitenden Menschen zu unterstützen. Besonders für die Öffnung des Towers THF im kommenden Jahr ist dies wichtig. 15 zusätzliche Stellen wurden daher durch die Gesellschaft für dieses Jahr beantragt, doch nur drei Stellen wurden tatsächlich auch genehmigt.

Enorme Investition trotz Förderung: Zwei Milliarden Euro kostet die Sanierung

Darüber hinaus kostet die angestrebte Sanierung des Gebäudekomplexes sehr viel Geld. 2021 schätzte die Tempelhof Projekt GmbH allein die Kosten der Sanierung auf zwei Milliarden Euro, während das Land Berlin bis einschließlich 2021 jedoch nur insgesamt 88 Millionen Euro aus Landesmitteln bereithält. Die 116,5 Millionen Euro aus dem Sondervermögen Infrastruktur Wachsende Stadt (SIWA IV) stehen zudem bis 2027 zur Verfügung. Seit dem Beschluss zur Weiterentwicklung des Areals im Jahr 2018 wurden allerdings lediglich 30 Millionen Euro aus diesem Förderprogramm verwendet.

Der Berliner Doppelhaushalt 2022/23 hält überdies Gesamtkosten von 130 Millionen Euro für die technische Infrastruktur fest. Um einen Teil der Kosten zu decken, hat sich die Tempelhof Projekt GmbH um weitere Fördermittel beworben. Der Antrag für eine Summe von zehn Millionen Euro befindet sich derzeit in Bearbeitung. Ein positiver Bescheid ist immerhin wahrscheinlich. 

Interessenten für eine Nutzung des Flughafengeländes gibt es reichlich

So bleibt der Flughafen Tempelhof damit zwar eine zukunftsweisende Modellbaustelle für Berlin, zeitgleich aber auch eines der größten und komplexesten Investitionsvorhaben der Stadt, vergleichbar mit dem ICC in Charlottenburg.  Dabei gibt es vielversprechende Konzepte, die in den leerstehenden Hangars umgesetzt werden könnten. 

So planen sowohl das Kreuzberger Technikmuseum als auch das bislang in Berlin-Dahlem beheimatete Alliiertenmuseum Ausstellungen im ehemaligen Flughafengebäude. Da dies allerdings erst erfolgen kann, wenn die erforderlichen Hangars modernisiert wurden, lässt sich für diese Vorhaben kaum ein seriöser Zeitplan aufstellen.

 

Weitere Bilder zum Projekt findet Ihr hier: 

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Quellen: Tempelhof Projekt GmbH, Berliner Morgenpost, ENTWICKLUNGSSTADT BERLIN, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen

 

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