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Die Stadt, die immer wird und niemals ist: Berlin wird niemals aufhören, sich fortwährend neu zu erfinden. Darüber berichten wir jeden Tag neu.

Serie – Berlins Luftschlösser, Teil 2: Der Neubau der Gedächtniskirche

Es hatte sich etwas zusammengebraut im März 1957, zumindest im Westteil Berlins. Die Medien der noch immer von den Folgen des Weltkriegs schwer gezeichneten Frontstadt titelten wütende Schlagzeilen: Mit “Gartenzwerg Berlins” oder “Betonklotz” bezeichneten sie den Entwurf des Architekten Egon Eiermann zum Wiederaufbau der Gedächtniskirche am Breitscheidplatz.

Was war nur passiert? Der Wiederaufbau sollte nach Plänen des 1904 in Neuendorf (bei Potsdam) geborenen Architekten einen kompletten Abriss der noch stehenden Ruine des Hauptturms und einen sachlich-funktionalen Neubau an gleicher Stelle bedeuten.

Egon Eiermanns Entwurf schockierte die West-Berliner Öffentlichkeit

Eiermann war als Sieger eines 1956 ausgelobten Architekturwettbewerbs zur Neugestaltung des Platzes hervorgegangen. Dabei war nicht von vornherein klar, dass die Gedächtniskirche überhaupt an diesem Platz bestehen bleiben würde.

Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche war von 1891 bis 1895 nach Plänen des Architekten Franz Schwechten errichtet worden, der in Berlin auch den Anhalter Bahnhof konzipiert hatte. Im Zuge der Projektplanung war auf Anregung Kaiser Wilhelms II. eine Gedenkstätte zu Ehren Wilhelms I. ins Spiel gebracht worden, die später auch realisiert wurde. Daher stammt auch der bis heute gültige Name der Kirche.

Eröffnung 1895: monumentaler Bau im neoromanischen Stil

Das Gebäude, im Stil der Neoromanik errichtet, wirkte mit seinen fünf Türmen beeindruckend monumental. Der Hauptturm war mit 113 Metern der höchste Kirchturm Berlins. Mehrere Gebäude in der direkten Umgebung wurden später in bewusstem Bezug zur Kirche ebenfalls im neuromanischen Stil erbaut und bildeten in den folgenden Jahrzehnten das legendäre „Romanische Forum“.

Doch bereits in den 20er Jahren war der nicht unumstrittene Bau den Stadtplanern ein Dorn im Auge. Es wurde öffentlich darüber diskutiert, die Kirche abzureißen, da sie der Verkehrsplanung am Eingang zum Kurfürstendamm im Wege stand. Zudem galt die Insel samt Kirche als altmodische Blockade der neuen Zeit. Diese Bestrebungen konnten sich letztlich aber nicht durchsetzen.

Schon in den 20er Jahren wurde über einen Abriss der Kirche nachgedacht

Nachdem die Kirche im Zweiten Weltkrieg in der Bombennacht vom 22. auf den 23. November 1943 schwer beschädigt worden war, mussten das einsturzgefährdete Kirchenschiff und der Chor nach 1945 komplett abgetragen werden. Übrig blieb allein die Turmruine. Einen Wiederaufbau des wilhelminischen Gotteshauses unterstützten die Alliierten jedoch nicht.

Somit war die Kirche Ende der 50er Jahre ein zweites Mal dem Untergang geweiht, denn noch immer galt die Ruine den Planern des neuen, (autogerechten) West-Berlin als Verkehrsbarriere. Zwischenzeitlich wurde daher sogar überlegt, den Kirchen-Neubau an die Schaperstraße nach Wilmersdorf zu verlegen, wo sie den Verkehrsfluss am Tauentzien und Kurfürstendamm nicht stören würde.

Werner March schlug einen Wiederaufbau des historischen Kirchgebäudes vor

Die Kirchenleitung jedoch hielt am erbbaurechtlich angestammten Standort fest und überraschte 1954 mit einem Entwurf von Werner March, der einst das 1936 fertiggestellte Reichssportfeld mitgeplant hatte. Sein Entwurf für die Gedächtniskirche sah einen Erhalt des Hauptturms und eine schlichte Halle als Kirchenschiff vor.

Durchsetzungsfähig war der Entwurf jedoch nicht, da der modernen Architekturwelt die Überbleibsel preußisch dominierter Bauepochen als Störpunkte in der neu zu planenden Stadt galten, was unter anderem auch zum Abriss des Anhalter Bahnhofs in Kreuzberg oder der Beseitigung der noch erhaltenen Teile der Berliner Altstadt auf Ost-Berliner Seite geführt hat.

Ein Neubau sollte her: Dem historischen Turm drohte der Abriss

Und so sollte auch an dieser Stelle ein Neubau her. Die Vorgaben für den Architekturwettbewerb waren klar: Der Turm sollte künftig östlich vom Kirchenschiff stehen (nicht mehr westlich), damit die Kirche kreuzungs- und verkehrsfrei an einen Vorplatz zum Kurfürstendamm hin angebunden werden konnte.

Eiermanns von der Jury mit dem 1. Preis prämierte Entwurf versetzte die Bevölkerung West-Berlins sowie die Journalisten jedoch in Entsetzen: der alte Turm war weg. Stattdessen sollte eine funktionale, deutlich kleinere Campanile aus Glas und Beton das historische Bauwerk ersetzen.

Wütende Proteste gegen Eiermanns radikalen Entwurf

Die Folge waren Pressekampagnen (“Rettet den Turm”), Leserabstimmungen (wobei sich über 90% der Teilnehmer*innen für den Erhalt des Turms aussprachen), Straßenproteste und sogar ein Spruchband an der Ruine (“Noli me tangere” – “Berührt mich nicht”).

Von der Hitzigkeit der Debatte überrascht, bat die Jury den siegreichen Architekten Egon Eiermann, seinen Entwurf noch einmal zu überarbeiten, was dieser dann widerstrebend letztlich auch tat.

Überarbeitung des Entwurfs: Das heutige Gesicht der Gedächtniskirche

Dies führte zur Umsetzung der heute bekannten Gedächtniskirche mit ihrem immerhin noch 71 Meter hohen, historischen Hauptturm und den ergänzenden, modernen Bauten.

Wirklich glücklich waren mit dieser Umsetzung anfangs weder Architekt noch Bevölkerung. Eingeweiht wurde die neue Gedächtniskirche kurz vor Weihnachten 1961. Hier fand Egon Eiermann dann aber doch noch versöhnliche Worte: “Meine neue Kirche könnte in jeder Stadt stehen, aber mit der Turmruine verbunden ist sie ein einmaliges, nur in Berlin mögliches Bauwerk.

Weitere – auch umgesetzte – Projekte in CHARLOTTENBURG gibt es hier.

 

Das Thema entstammt dem spannenden Buch “Luftschlösser – Berlins unvollendete Bauten” von Andreas Hoffmann. In diesem Werk sind weitere, nicht vollendete Projekte aufgeführt.

Das mittlerweile vergriffene Buch könnt Ihr hier noch gebraucht erwerben.

Die historische Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Das Foto wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufgenommen.

Zerstörung: Im November 1943 wurden große Teile der Kirche durch Bomben der Alliierten zerstört.

Egon Eiermanns radikaler Wiederaufbau-Plan: Abriss der noch stehenden Ruine und Neubau eines modernen Kirchenschiffs.

Die Gedächtniskirche heute, mit modernen und historischen Elementen.

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