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Artikelreihe: Jüdische Architekten in Berlin, Teil 2: Erich Mendelsohn

Erich Mendelsohn war ein bedeutender Architekt des 20. Jahrhunderts und ist in Berlin vor allem durch den Bau des Einsteinturms, das Mossehauses sowie das heutige Haus der Schaubühne am oberen Kurfürstendamm bekannt. Doch auch zahlreiche Kaufhäuser und Wohnbauten bereichern sein Portfolio und verschafften ihm internationale Bekanntheit. Bis zu seinem Lebensende blieb Mendelsohn beruflich aktiv.

Errichtet von 1930 bis 1932: Das ehemalige Columbushaus am Potsdamer Platz, eines von Mendelsohne bekanntesten Werken.

© Sämtliche Fotos: Wikimedia Commons
Text: Henriette Schubert

Erich Mendelsohn

Geboren 1887 in Allenstein – Gestorben 1953 in San Francisco

Herkunft: Geburt in Ostpreußen

1887 kam Erich Mendelsohn als das fünfte von sechs Kindern seiner Eltern, der Hutmacherin Emma Esther und dem Kaufmann David Mendelsohn, zur Welt. Eine verwandtschaftliche Verbindung zur berühmten Familie Mendelsohn besteht jedoch nicht. Vor seiner kaufmännischen Ausbildung in Berlin besuchte Mendelsohn das humanistische Gymnasium in seiner Heimatstadt Allenstein. 

Während seines Studiums der Volkswirtschaft, welches er im Jahr 1906 an der Ludwig-Maximilians-Universität München aufnahm, trat er der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, eine national-jüdische Vereinigung, bei. Nur zwei Jahre später zog es ihn zurück nach Berlin, wo er an der Technischen Hochschule (Berlin-) Charlottenburg sein Studium der Architektur aufnahm. Nach weiteren zwei Jahren jedoch wechselte er an die Technische Hochschule München, wo er im Jahr 1912 sein Studium mit dem Prädikat „cum laude“ erfolgreich abschloss. Besonders die Jahre in München und die dort entstehenden Kontakte zu Theodor Fischer, der ihn unterrichtete, sowie zu Mitgliedern des „Blauen Reiters“ und der „Brücke“ prägten Mendelsohn in seinem Schaffen. Das Taharahaus auf dem jüdischen Friedhof in seiner Geburtsstadt Allenstein entstand noch während seines Studiums.

Nach seinem Abschluss war Mendelsohn bis 1914 als freier Architekt in München tätig. Hier lernte er auch seine zukünftige Frau Luise Maas kennen, die er am 5. Oktober 1915 heiratete. Die Cellistin brachte Mendelsohn mit dem ebenfalls Cello spielenden Astrophysiker Erwin Freundlich zusammen. Über diese Verbindung kam Mendelsohn auch mit dessen Bruder Herbert Freundlich in Kontakt, der als stellvertretender Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin-Dahlem nicht nur eine Führungsposition in der Wissenschaft einnahm, sondern auch Interesse an einer experimentellen Bestätigung der Relativitätstheorie bekundete. Durch den bestehenden Kontakt wurde Mendelsohn mit dem Bau des hierfür geplanten Sternobservatoriums beauftragt. Der Einsteinturm zählt noch immer zu seinen bekanntesten Werken. Auch die Freundschaft zu den Luckenwalder Hutfabrikanten Salomon und Gustav Herrmann prägte die frühen Erfolge von Erich Mendelsohn.

Erich Mendelsohns Wirken in Berlin

Mit seiner Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg 1918 gründete Mendelsohn sein eigenes Büro in Berlin. Besonders Planung und Bau des Einsteinturms und der Hutfabrik verhalfen Mendelsohn zu Bekanntheit, sodass er 1923 mit seiner Frau für die Planung eines Wasserkraftwerks nach Palästina reiste. Eine Amerikareise in den folgenden Jahren brachte ihn nicht nur mit dem Designer Norman Bel Geddes, sondern auch mit seinem Idol Frank Lloyd Wright zusammen. Die Inspirationen und Erlebnisse dieser Zeit hielt Mendelsohn in einem Bildband fest, der 1926 veröffentlicht wurde. Im selben Jahr wurde er zum Mitgründer der Vereinigung für progressive Architekten „Der Ring“, für die auch Hugo Häring und Ludwig Mies van der Rohe treibende Kräfte waren. 

Indessen wuchs sein Büro in Berlin weiterhin an. Mitunter beschäftigte er bis zu vierzig Mitarbeiter. Dieser Erfolg verschaffte Mendelsohn auch finanziellen Aufschwung, sodass er mit noch nicht einmal vierzig Jahren 1926 eine ältere Villa kaufte. Zwei Jahre später folgte der Bauantrag für sein Haus am Rupenhorn auf einem großzügigen Grundstück. Weitere zwei Jahre später bezog die Familie dieses Domizil, über dessen Ausführung in einer aufwendigen Publikation berichtet wurde. 

Während seines beruflichen Wirkens in Berlin erhielt Mendelsohn zahlreiche Aufträge, wie die Realisierung des Columbus-Hauses am Potsdamer Platz. Auch Wohnbauten wie das Haus Bejach und das Doppelhaus am Karolingerplatz gesellten sich zu seinen Arbeiten. Jüdische Auftraggeber blieben jedoch prägend für Mendelsohns Arbeit. Der Wohn- und Geschäftskomplex WOGA am Kurfürstendamm ermöglichte ihm zudem das Erstellen einer stadtplanerischen Konzeption, indem er alle Funktionen einer Stadt dynamisch im Kleinen zusammenführte. Nach der Bombardierung des Komplexes im Zweiten Weltkrieg und dem anschließenden umstrittenen Wiederaufbau durch Jürgen Sawade dient das Bauensemble heute als das bekannte Theaterhaus „Schaubühne“ am Lehniner Platz.

Nach der Machtergreifung: Emigration und Auswanderung ohne Rückkehr in die Heimat

Die nationalsozialistische Machtergreifung im Jahr 1933 zwang Mendelsohn bereits im April zur Flucht nach England, noch bevor er am 30. September aus dem Deutschen Werkbund und am 11. Dezember aus der Preußischen Akademie der Künste ausgeschlossen wurde. Sein bis dahin erarbeitetes Vermögen wurde später durch die Nationalsozialisten beschlagnahmt. 

Bis Ende 1936 ging er in England eine Büropartnerschaft mit Serge Chermayeff ein. In dieser Zeit entstand unter anderem der De La Warr Pavillon in Bexhill-on-Sea. Seine Bekanntschaft mit Chaim Weizmann, dem späteren ersten Staatspräsidenten von Israel, brachte ihn ab 1934 zu weiteren Projekten in Palästina. So eröffnete er 1935 ein Büro in Jerusalem und prägte mit seinen Bauwerken den internationalen Stil in dieser Gegend. In dieser Zeit entstanden einige Bauten für den Kaufhausbesitzer und Verleger Salman Schocken, für den Mendelsohn bereits während seiner Zeit in Deutschland einige Kaufhäuser entwickelte. Neben einer Villa entwarf Mendelsohn auch die Schocken-Bibliothek sowie ein Atelier in einer umgebauten Windmühle. Hinzu kam neben vielen anderen Gebäuden auch das Hadassah-Krankenhaus auf dem Berge Skopus. Obwohl er sein Londoner Büro bereits aufgelöst hatte, nahm Mendelsohn 1938 die britische Staatsbürgerschaft an und änderte seinen Vornamen auf Eric.

Im Jahr 1941 wanderte Mendelsohn in die USA aus, wo er bis zu seinem Tod lebte. Da er nicht über die US-amerikanische Staatsbürgerschaft verfügte, beschränkte er sich hier bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs auf Vorträge und Publikationen. Für die US-Regierung stellt er jedoch eine wichtige Beratung dar, sodass unter seiner Anleitung 1943 das sogenannte Deutsche Dorf in Utah entstand, welches eine realistische Nachbildung der Berliner Mietkasernen zeigt. Auf diesem Gelände wurden die Auswirkungen verschiedener Spreng- und Brandbomben auf diese besondere Bauform getestet. 

Mit Ende des Krieges verschlug es Mendelsohn nach San Francisco. In den folgenden Jahren realisierte er noch weitere Projekte, insbesondere für verschiedene jüdische Gemeinden. Anders als viele andere jüdische Architekten gelang es Mendelsohn, sein berufliches Wirken trotz des Exils nahtlos und bis zum Ende seines Lebens fortzusetzen. In seine Geburts- und Heimatstadt Allenstein kehrte er nie zurück. Im Jahr 1953 verstarb Mendelsohn an Krebs. 

 

Quellen: Gesellschaft zur Erforschung des Lebens und Wirkens deutschsprachiger jüdischer Architekten, Jüdische Allgemeine, ENTWICKLUNGSSTADT BERLIN, Jüdisches Museum Berlin, Wikipedia

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Das zwischen 1920 und 1922 errichtete, denkmalgeschützte Observatorium auf dem Telegrafenberg in Potsdam ist eines von Mendelsohns beliebtesten Werken und wird noch heute genutzt.

Das von Mendelsohn entworfene, im Krieg zerstörte Ensemble am Kurfürstendamm wurde durch Jürgen Sawade wiederaufgebaut und wird heute als Theaterhaus der „Schaubühne“ genutzt.

 

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