ENTWICKLUNGSSTADT

Berlin wird niemals aufhören, sich fortwährend neu zu erfinden. Davon handelt dieser Blog.

Im Interview: Oliver Schruoffeneger, Bündnis 90/Die Grünen

Oliver Schruoffeneger, geboren 1962 in Berlin, ist seit November 2016 im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf als Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung, Bauen und Umwelt tätig.

Seit 1978 ist er Mitglied der Partei Bündnis 90/Die Grünen. Wir hatten das Vergnügen, mit Oliver Schruoffeneger über seine Tätigkeit als Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung, Bauen und Umwelt sprechen zu können.

ENTWICKLUNGSSTADT: Zuerst eine Frage zu Ihrem persönlichen Hintergrund: Wie sind Sie zu dieser Tätigkeit gekommen und wie lange führen Sie diese bereits aus? Lassen Sie uns, wenn für Sie in Ordnung, kurz daran teilhaben, was Sie beruflich vor dieser Tätigkeit getan haben. Woher stammen Sie ursprünglich?

Oliver Schruoffeneger: Ich bin in Berlin geboren und habe hier auch Politologie studiert. Während meiner 16 Jahre in der grünen Bezirksfraktion in Reinickendorf habe ich dort auch als Fraktionsgeschäftsführer und später als Referent für Haushalts- und Finanzpolitik bei der Bündnis90/Die Grünen Fraktion im Abgeordnetenhaus gearbeitet. 2001 bin ich dann selber ins Abgeordnetenhaus gewählt worden und habe dort als haushalts-, personal- und entwicklungspolitischer Sprecher der Fraktion gearbeitet. Dort war ich dann auch immer für die Personalpolitik des Landes und die Bereiche Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung, Verkehr und Umwelt zuständig.

Parallel war ich ehrenamtlich für 15 Jahre im Vorstand des Paritätischen Wohlfahrtsverbands tätig, da ich eine Erdung außerhalb der Politik für wichtig halte. Als Geschäftsführer einer eigenen kleinen GmbH habe ich ab 2006 verschiedenste Austauschprojekte in der Städtepartnerschaft Berlin-Windhoek organisiert und zwischen 2015 und 2018 dieses auch in Bezug auf Projekte mit ukrainischen NGO’s getan.

Seit Mai 2016 bin ich Stadtrat in Charlottenburg-Wilmersdorf. Nach einjgen Monaten in der Verantwortung für den Jugend- und Schulbereich habe ich dann im November 2016 die Abteilung Stadtentwicklung, Bauen und Umwelt übernommen, die ich noch immer leite.

“Die größte Herausforderung ist sicherlich die permanente Gradwanderung zwischen den vielen Menschen, denen die vielfältigen Unsicherheiten Angst machen und die den Status quo bewahren wollen.”

Wie können wir uns einen „typischen“ Arbeitstag als Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung  vorstellen? Gibt es Dinge, die sich regelmäßig wiederholen, oder ist jeder Tag ein „neues Abenteuer“?

Die Arbeit ist eigentlich immer wieder ein Abenteuer. Täglich entstehen neue Projekte, über die zu diskutieren ist. Aber natürlich gibt es auch das normale Tagesgeschäft. Die Verwaltung muss laufen, der Etat bewirtschaftet werden und die regelmäßigen Bezirksamts-, Fraktions- und Ausschusssitzungen binden viel Zeit. Ich versuche es so zu gestalten, dass mich das Tagesgeschäft nicht auffrisst und ich mindestens 30% meiner Arbeitszeit für eigenständige Schwerpunktsetzungen und Projekte reserviere. Der Arbeitstag beginnt in der Regel gegen 8:30 Uhr und am Ende der Woche habe ich dann in der Regel 70 Stunden hinter mir.

Das klingt fürchterlich, aber dafür gibt es eine hohe Arbeitszufriedenheit und einen Teil der Arbeit, wie auch dieses Interview, kann ich auch zu Hause in der Sonne hinter mich bringen. Das einzige was nervt, sind die vier bis fünf Abendtermine pro Woche, die sich nicht vermeiden lassen.

Insbesondere für das Areal rund um den Hardenbergplatz und den Kurfürstendamm gibt es von verschiedenen Seiten den Wunsch nach einer verstärkten Hochhausbebauung. Diese Pläne werden kontrovers diskutiert. Wie stehen Sie zu diesen Plänen? 

Ich fand die Debatte um die Hochhäuser von Anfang an wenig spannend. Die entscheidende Frage für die nächsten 25 Jahre ist, wie wir den Umbau zu einer nachhaltigen, klimaneutralen Stadt bewältigen. Die Städte werden in 30 Jahren völlig anders aussehen und funktionieren als heute. Andere Mobilitätsformen und -systeme, der Onlinehandel wird die bisherige Nutzung unserer Erdgeschosszonen völlig verändern, neue Baustoffe, demographische Entwicklung, mehr Homeworking, und und und. Welche Rolle werden die Innenstädte dann haben und wie können wir deren Attraktivität dauerhaft sichern? Diese Fragen müssen wir beantworten und dann erst kommt die Frage, ob ein konkretes Hochhausprojekt dazu beitragen kann.

Wir bemühen uns, in der City West diese Fragen zumindest systematisch zu bearbeiten und die potentiellen Bauherren lassen sich glücklicherweise auf den Prozess ein. Ich habe von Anfang an klar gemacht, dass ich einzelne Hochhausprojekte nicht für genehmigungsfähig halte, wenn sie nicht auch Antworten auf die verschiedenen Zukunftsfragen geben. Leider ist die gesamtstädtische Diskussion um Hochhäuser bisher zu sehr auf rein städtebauliche Fragen reduziert und alle Beteiligten sitzen in ihren alten Grundsatzpositionen der 80er Jahre fest. Damit wird die Stadt aber nicht zukunftsfähig.

Der Zwischenstand unseres Diskussionsprozesses ist hier zu finden.

Was gehört zu den größten Herausforderungen, die Sie im Rahmen Ihrer Tätigkeit als Baustadtrat zu bewältigen haben? 

Die größte Herausforderung ist sicherlich die permanente Gradwanderung zwischen den vielen Menschen, denen die vielfältigen Unsicherheiten Angst machen und die den Status quo bewahren wollen. Das fängt bei dem Thema “Rücknahme von Parkplätzen” in der eigenen Straße an und geht natürlich bis zu allen kleinen und großen Bauprojekten. Und was wirklich schwierig ist: Unsere Gesellschaft ist immer gespaltener und jeder sieht nur seine Interessen. Es ist kaum noch möglich, Akzeptanz für Abwägungsprozesse zu bekommen und zu vermitteln, dass Politik eben neben der Durchsetzung eigener politischer Ziele immer auch einen Anteil Interessenausgleich beinhalten muss.

“Welche Rolle werden die Innenstädte in der Zukunft haben und wie können wir deren Attraktivität dauerhaft sichern? Diese Fragen müssen wir beantworten und dann erst kommt die Frage, ob ein konkretes Hochhausprojekt dazu beitragen kann.”

Und zum Abschluss: Es gibt sicher Projekte, zu deren erfolgreicher Umsetzung Sie maßgeblich beitragen konnten. Können Sie ein Projekt herausheben, auf das Sie besonders stolz sind oder auf welches Sie besonders zufrieden zurückblicken?

Im Bereich der Stadtplanung und des Bauens hat man leider nach vier Jahren keine Erfolgsprojekte, die wirklich schon fertig wären. Ich habe eine ganze Menge von Projekten angestoßen und wenn die Wählerinnen und Wähler es wollen, kann ich vielleicht am Ende der nächsten Wahlperiode auf einige fertige Dinge zurückblicken.

Besonders zufrieden würde ich sein, wenn der Mierendorffrundweg dann fertig wäre. Hier wollen wir den Uferstreifen rund um die Mierendorffinsel mit ihren dann ca. 22.000 Einwohnern zu einem 5,2 Kilometer langen Kultur- und Bewegungsweg ausbauen, der eine attraktive Grünanlage für die Bewohnerinnen und Bewohner der Insel darstellt. Dies wäre das Leuchtturmprojekt für eine deutlich stärkere Bedeutung öffentlicher Räume. Ich glaube, die Lebensqualität der Innenstadt wird wesentlich davon abhängen, wie wir mit unseren öffentlichen Räumen umgehen und ob wir es schaffen, hier flächendeckend abwechslungsreiche Aufenthaltsqualitäten zu schaffen, die sowohl Ruhe- und Rückzugsräume sind, aber auch Attraktionen und Aktivitätsflächen bieten.

Das zweite Thema, das mich sehr bewegt, schließt hier an. Das Quartier rund um den Steinplatz, vom Yva-Bogen bis Ernst-Reuter-Platz, wird bisher kaum als besonderes Quartier wahrgenommen. Aber welches andere Quartier der Stadt kann schon so viele wichtige und interessante Institutionen bieten: Zwei Universitäten, die Landeszentrale politische Bildung, die CO-Galerie, die Newton Galerie, ein gerade zum besten Kino Deutschlands gekürtes Kino, die IHK, ein großes Start-up Haus und vieles mehr. Alle diese Institutionen zu vernetzen und im Quartier wahrnehmbar zu machen mit dem Steinplatz als öffentlicher Mittelpunkt und Forum für den Austausch und die Diskussion gemeinsamer Themen, das würde mir gut gefallen. Angefangen haben wir, aber die dafür unabdingbare Netzwerkbildung wird noch einige Zeit benötigen.

Und damit ist dann die dritte Hoffnung verbunden. Ich möchte es noch schaffen, aus der Stadtplanung, die sich im Wesentlichen mit baurechtlichen und planungsrechtlichen Fragen befasst, eine wirkliche Stadtentwicklungsabteilung zu machen, die alle Aspekte betrachtet und damit wird die Umgestaltung der Stadt zu einer nachhaltigen, sozialen und klimaneutralen Stadt der Zukunft gestaltet.

Sehr geehrter Herr Schruoffeneger, wir danken Ihnen für Ihre (knappe) Zeit und das ausführliche Gespräch.

 

Diese Bauprojekte und Ideen gibt es im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf: 

Die Gebauer Höfe in Charlottenburg erhalten einen Ergänzungsbau

Neubau der Berlin Hyp Zentrale: “C.F. MØller Architects” setzt sich durch

Umbau der City West: Zwei Projekte an der Budapester Straße

Alles auf Neu: Zahlreiche Bauprojekte im Spreebogen

Am Kurfürstendamm entsteht das “Gloria Berlin”, ohne “Gloria Palast”

In Zoo und Tierpark entstehen moderne und innovative Gehege

Hochhäuser am Westkreuz: Christoph Langhofs kühne Vision

SHORTCUTS

 


“Zoofenster”, “Upper West” und runderneuertes “Bikini Haus”: Das moderne Gesicht der sich wandelnden “City West” im Herzen von Charlottenburg Wilmersdorf

Spektakulärer Bau des Architekten Christoph Langhof: Das “Upper West”

Historisches Wahrzeichen im Westen des Bezirks: Das Schloss Charlottenburg

 

Oliver Schruoffeneger, born in Berlin in 1962, has been working in the district of Charlottenburg-Wilmersdorf as District Councillor for Urban Development, Building and Environment since November 2016.

He has been a member of the Bündnis 90/Die Grünen party since 1978. We had the pleasure to talk to Oliver Schruoffeneger about his work as District Councillor for Urban Development, Building and Environment.

ENTWICKLUNGSSTADT: First a question about your personal background: How did you come to this activity and how long have you been carrying it out? If it is okay for you, let us briefly share what you did professionally before this activity. Where did you originally come from?

Oliver Schruoffeneger: I was born in Berlin and also studied political science here. During my 16 years in the Green District Parliamentary Group in Reinickendorf, I also worked there as a group manager and later as a consultant for budgetary and financial policy for Bündnis90/Die Grünen Fraktion in the Chamber of Deputies. In 2001, I was elected to the Chamber of Deputies myself and worked there as the group’s spokesperson for budget, personnel and development policy. There I was always responsible for the personnel policy of the country and the areas of construction, housing, urban development, transport and environment.

At the same time, I was a volunteer on the board of the Paritätischer Wohlfahrtsverband for 15 years, as I consider grounding outside of politics to be important. As the managing director of my own small GmbH, I organized various exchange projects in the Berlin-Windhoek city partnership from 2006 onwards, and between 2015 and 2018 I did the same for projects with Ukrainian NGOs.

Since May 2016 I am a city councilor in Charlottenburg-Wilmersdorf. After a few months in charge of the youth and school sector, I took over the department of urban development, construction and environment in November 2016, which I still lead.

“The biggest challenge is certainly the permanent balancing act between the many people who are afraid of the many uncertainties and who want to maintain the status quo.”

How can we imagine a “typical” working day as district councilor for urban development? Are there things that are repeated regularly, or is every day a “new adventure”?

Work is actually always an adventure. Every day new projects arise that need to be discussed. But of course there is also the normal daily business. The administration has to run, the budget has to be managed and the regular district, faction and committee meetings tie up a lot of time. I try to organize it in such a way that the day-to-day business does not eat me up and I reserve at least 30% of my working time for independent priorities and projects. The working day usually begins at around 8:30 a.m. and by the end of the week I usually have 70 hours behind me.

That sounds awful, but on the other hand there is a high level of job satisfaction and part of the work, like this interview, I can do at home in the sun. The only thing that gets on my nerves are the four or five evening appointments per week, which cannot be avoided.

Especially for the area around Hardenbergplatz and Kurfürstendamm, there is a desire from various sides for more high-rise buildings. These plans are controversially discussed. What do you think about these plans? 

I didn’t find the debate about the high-rise buildings very exciting from the very beginning. The crucial question for the next 25 years is how we will manage the conversion to a sustainable, climate-neutral city. In 30 years, cities will look and function completely differently than they do today. Other forms and systems of mobility, online commerce will completely change the way we use our first floor zones, new building materials, demographic developments, more homeworking, and so on. What role will the city centers then play and how can we ensure their attractiveness in the long term? We have to answer these questions, and only then will we know whether a concrete high-rise project can contribute to this.

In City West, we are endeavoring to at least systematically address these questions and, fortunately, potential developers are getting involved in the process. I made it clear from the outset that I do not consider individual high-rise projects to be approvable if they do not also provide answers to the various questions about the future. Unfortunately, the discussion about high-rise buildings in the city as a whole has so far been too much reduced to purely urban planning issues and all those involved are stuck in their old basic positions of the 1980s. But this does not make the city fit for the future.

The interim status of our discussion process can be found here.

What are some of the biggest challenges you have to overcome in your work as a city councilor for building? 

The biggest challenge is certainly the permanent balancing act between the many people who are afraid of the many uncertainties and who want to maintain the status quo. This starts with the issue of “taking back parking spaces” in one’s own street and, of course, extends to all construction projects, large and small. And what is really difficult: Our society is more and more divided and everybody sees only his own interests. It is hardly possible to gain acceptance for the process of weighing up interests and to communicate that politics must always include a balance of interests in addition to the implementation of one’s own political goals.

“What role will the city centers play in the future and how can we ensure their attractiveness in the long term? We have to answer these questions, and only then will we know whether a concrete high-rise project can contribute to this.”

And finally: there are certainly projects to whose successful implementation you have been able to contribute significantly. Can you highlight a project of which you are particularly proud or of which you can look back with particular satisfaction?

Unfortunately, after four years, there are no successful projects in the field of urban planning and construction that are really finished. I have initiated quite a number of projects and if the voters want me to, I might be able to look back on some completed things at the end of the next legislative period.

I would be particularly satisfied if the Mierendorffrundweg was finished then. Here we want to develop the shore strip around the Mierendorff Island with its then approx. 22,000 inhabitants into a 5.2 kilometer long cultural and movement path, which will be an attractive green area for the island’s inhabitants. This would be the lighthouse project for a much greater significance of public spaces. I believe that the quality of life in the city center will depend to a large extent on how we deal with our public spaces and whether we manage to create varied qualities of stay here across the board, which are not only spaces for rest and retreat, but also offer attractions and activity areas.

The second topic that moves me a lot is the following. The neighborhood around Steinplatz, from Yva-Bogen to Ernst-Reuter-Platz, has hardly been perceived as a special neighborhood so far. But what other quarter of the city can offer so many important and interesting institutions: Two universities, the Landeszentrale für Politische Bildung, the CO-Galerie, the Newton Galerie, a cinema that has just been voted Germany’s best cinema, the IHK, a large start-up house and much more. To network all these institutions and make them visible in the neighborhood, with Steinplatz as a public center and forum for the exchange and discussion of common themes, that would be something I would really like. We have started, but the networking that is indispensable for this will take some time.

And with that comes the third hope. I would still like to succeed in turning urban planning, which is essentially concerned with questions of building law and planning law, into a real urban development department that considers all aspects, and thus the transformation of the city into a sustainable, social and climate-neutral city of the future.

Dear Mr. Schruoffeneger, we thank you for your time and the detailed discussion.

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